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Feminismus vs. Mutterschaft II: Adrienne Rich zu Institution und Erfahrung

Januar 13, 2012

Adrienne Rich ist eine US-amerikanische Autorin, Wissenschaftlerin und Feministin. Ihr Buch ‚Of Woman Born: Motherhood as Experience and Institution‚ wurde 1976 erstmals veröffentlicht und hatte grossen Einfluss auf die feministische Auseinandersetzung mit Mutterschaft.

Sie unterscheidet zwei Dimensionen: Erstens beschreibt sie die ‚Erfahrung des Mutterseins‘, also die potentielle Beziehung einer Frau zu ihrem Kind. Diese ist auch mit dem subjektiven Verhältnis einer Frau zur biologischen Fortpflanzungfähigkeit verbunden. Davon differenziert sie zweitens die ‚Institution Mutterschaft‘, die aus der patriarchalen Gesellschaft stammt. Die Institution zielt gerade darauf ab, die ‚Erfahrung des Mutterseins‘ zu kontrollieren, zu definieren und einzuschränken. Zu der patriarchalen Ordnung gehört auch, nur zwei Vorstellungen von Weiblichkeit zuzulassen. Einerseits existiere das negative Bild der verruchten, egoistischen und unmoralischen Frau, die einen unreinen und gefährlichen Körper besitzt. Und andererseits bestehe das positive Ideal der Mutter, die selbstlos, fürsorglich und liebevoll ist und deren Körper allein dem Zweck der Reproduktion dient. Hierbei spielen auch Gefühle eine Rolle. Schließlich soll die gute Mutter ihr Kind immer und aus ganzem Herzen lieben. Dagegen erscheinen Emotionen wie Ärger, Ablehnung und Genervtsein als falsch und krankhaft. Rich kontrastiert diese Normen der ‚Institution Mutterschaft‘ mit eigenen Tagebucheinträgen. In diesen schreibt sie teilweise sehr persönlich über ihre Erfahrungen und Gefühle, ihre Beziehung zu ihren eigenen Kindern und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Erwartungen.

Insgesamt ist das Buch allein schon deswegen lesenswert, weil es ein feministischer ‚Klassiker‘ ist, der auch heute noch die Beschäftigung mit Mutterschaft prägt, beispielsweise ist es einflussreich für die Initiative ‚Mother Outlaws‚. Ausserdem ist es nicht nur eine der ersten Kritiken am Muttermythos, sondern auch an der heterosexuellen Norm. Allerdings hat mich (neben der heute oldschool wirkenden Sprache) etwas genervt, dass Rich oft eher differenzfeministische Positionen bezieht und die ‚Erfahrung Mutterschaft‘ manchmal doch etwas zu sehr romantisiert und mystifiziert. Trotzdem ist die Lektüre unbedingt empfehlenswert. Das Buch erschien 1978 auch in deutscher Sprache unter dem Titel ‚Von Frauen geboren. Mutterschaft als Erfahrung und Institution‘.

Audre Lorde, Meridel Lesueur, Adrienne Rich, 1980 (Foto von K. Kendall via flickr)

Audre Lorde, Meridel Lesueur, Adrienne Rich, 1980 (Foto von K. Kendall via flickr)

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2 Kommentare leave one →
  1. Januar 27, 2012 4:45 pm

    Ich finde deinen Artikel zu dem Thema Feminismus und Mutterschaft sehr interessant, aber was ich persönlich nicht verstehe ist, warum du davon genervt bist bzw. du es nicht nachvollziehen kannst, dass Adrienne Rich (was das Frausein, die Heteronormativität und das Muttersein angeht) eher eine differenzfeministische Position bezieht. Ich meine, gerade diese Sache, dass Frauen in ihrem Körper Kinder/Leben erzeugen/bekommen/erschaffen können, unterscheidet sie doch von männlichen Lebewesen. Wie kannst du dann (mit der Theorie des Gleichheitsfeminismus) annehmen, dass Männer und Frauen gleich/identisch sind? Oder meinst du mit gleich eher gleichwertig?

  2. Januar 28, 2012 12:10 pm

    Danke für den Kommentar, Claudia!
    Der Gleichheitsfeminismus meint keineswegs, dass Männer und Frauen körperlich identisch sind. Es existierten selbstverständlich Unterschiede in der Materialität, wie diese wahrgenommen, beschrieben und interpretiert werden ist allerdings immer kulturell geprägt und dem entsprechend auch mit politischen Ideologien und Geschlechterklischees verbunden. Das Problem bei Beschreibungen des Geschlechtskörpers ist, wenn daraus allgemeine Eigenschaften und Verhaltensweisen abgeleitet werden. In erster Linie geht es mir hier aber schon, wie Du ja auch meintest, um Gleichwertigkeit.

    Was ich an manchen differenzfeministischen Ansätzen gefährlich finde ist, dass sie nicht einfach bei einer Betonung körperlicher Unterschiede stehen bleiben, sondern daraus bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten ableiten. Frauen sollen dann, weil ihr Körper leben zeugen kann, emphatischer, lebenserhaltender, fürsorglicher, ethischer, naturverbundener, ‚mütterlicher‘ etc. sein. Daraus wird dann manchmal sogar abgeleitet, Frauen seien von Natur aus irgendwie ‚besser‘ als Männer, ohne Frauen keine Kriege und so – was meiner Meinung nach eine einfache Umkehrung der Klischees und totaler Quatsch ist. Ausserdem schreiben solche Ansätze Frauen auch wieder auf ihre traditionellen Rollen fest und werten diese Rollen lediglich auf.

    Das, was ich hier beschreibe, ist aber tatsächlich nur ein Extrem des Differenzfeminismus – so weit gehen die meisten Ansätze dann doch nicht. Auch bei A. Rich äußerst sich das ‚differenzfeministische‘ Gedankengut sehr milde und eher indirekt, sie schreibt z.B. „I am really asking whether women cannot begin, at last, to think through the body, to connect what has been so cruelly disorganized– our great mental capacities, hardly used; our highly developed tactile sense; our genius for close observation; our complicated, pain-enduring, multi-pleasured physicality.“ (284)

    Trotzdem mag ich es nicht, wenn aus der Materialität bestimmte spezifisch weibliche Fähigkeiten und Erfahrungen (wie taktile Sinne oder Physikalität oder nahe Beobachtung) abgeleitet werden. Erstens weil es Geschlechterklischees reproduziert. Und zweitens weil es ‚Frau-Sein‘ verallgemeinert und viele Formen von ‚Weiblichkeit‘ ausschliesst: schließlich gibt es viele Menschen, die sich als ‚Frauen‘ definieren, deren Körper keine Kinder erzeugen können, oder die dies schlicht nicht wollen. Ebenso gibt es sicherlich Frauen, die kein ‚Genius for close observation‘ in sich entdecken wollen. Und darüber hinaus gibt es auch Menschen, die sich als ‚Männer‘ definieren, aber schwanger werden und Kinder gebären. Oder Männer, die viele ‚mütterliche‘ Eigenschaften haben. Ein Ansatz, der Differenz zu sehr betont, stärkt also auch ein Zweigeschlechtermodell und schließt viele Menschen aus.

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