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Prrrnzlbrg-Mütter: Eine Ursachensuche

Januar 2, 2012

Das Phänomen des Prenzlauer-Berg-Mütter-Bashings äußerte sich jüngst eindrucksvoll in Anja Maiers Buch ‚Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter‘. Auch in diesem Blog wurde das Bashing ja bereits thematisiert. Ich fragte mich dabei vor allem, woher der Hass auf die Mütter kommt. Ein sehr guter Text mit einigen Antworten auf diese Frage kommt von Hannah von der Mädchenmannschaft und kann hier gelesen werden. In ihrer Ursachensuche konzentiert sie sich vor allem aufs öffentliche Stillen:

„Frauen sind häufig Ziel des Hasses, wenn gesellschaftliche Veränderungen als bedrohlich empfunden werden. Das kann daran liegen, dass sie für diese Veränderungen verantwortlich gemacht werden oder dass sie sichtbarstes Zeichen dafür sind, wie etwa die Kopftuch tragenden Musliminnen.

Eine besondere Abwehrreaktion rufen Brüste hervor. So gab es in den letzten 50 Jahren nur zwei Kleidungsstücke, die eine aufgebrachte gesellschaftliche Debatte hervorgerufen haben: Das Kopftuch und der Bikini.

Eine Studie der Montana State University fand heraus, dass Frauen, die ihre Kinder stillen, als weniger kompetent angesehen werden. Eine Gruppe Testpersonen sollte die Schauspielerin Brooke Shields beurteilen, nachdem sie erfahren hatten, dass sie ein Buch über ihre Erfahrungen mit Stillen, Baden und Umgang mit einem Neugeborenen geschrieben hatte. Bei einer zweiten Gruppe wurde im Text das Wort ‚Stillen‘ durch ‚Flaschenernährung‘ ersetzt. Die erste Gruppe schätzte Shields als wärmer und freundlicher ein, aber als generell dümmer und schlecht in Mathe.

In einem weiteren Experiment wurden Entschuldigungen für die spätere Ankunft bei einem Abendessen verglichen. Eine Frau entschuldigte sich damit, dass sie nach Hause musste, um ihr Kind zu stillen. Eine weitere damit, dass sie ihr Kind baden musste. Eine dritte schaute noch mal Hause vorbei, um ihren halterlosen BH anzuziehen.

Am intelligentesten schien den Testpersonen die Frau, die ihr Kind baden wollte. Die Forscher zogen daraus den Schluss, dass Brüste generell mit Dummheit assoziiert werden. Allerdings hätten viele der Testpersonen, die Frau mit dem halterlosen BH eingestellt, der Mutter, die ihr Kind stillte, wollte fast niemand einen Job geben.

Im P-Berg treffen wir auf ein Phänomen, das viele als unnatürlich empfinden: Die Mütter stillen, sind gebildet, arbeiten und sind womöglich auch noch gut in Mathe.

Man kann Anja Maier und ihrer Wirtin schlecht vorwerfen, sie wollten Frauen ins Haus verbannen. Schließlich wollen sie, dass Mütter arbeiten gehen. Sie haben auch nichts gegen Kinder: Sie haben selber welche. Sie wollen aber die Trennung von Öffentlichkeit und Privatsphäre, von Kultur und Natur aufrechterhalten. In dieser Weltsicht darf die Frau Mann sein, wenn sie hinaus in die Welt geht. Sofern sie aber Mutter ist, ist sie ganz Natur und soll sich bitte schön verstecken.“

PS: Hier noch eine wichtige Kritik an manchen Kritiken des Prenzlauerberg-Mütter-Bashings von Nadine Lantzsch, die vor allem auf die Verharmlosung rassistischer Gewalt fokussiert.

PPS: So berechtigt diese Kritik der Kritik ist, würde ich dennoch bezweifeln, dass sich tatsächlich alle Prenzlauerberg-Mütter auf der privilegierten Sonnenseite des Lebens befinden. Wichtig ist, das enorme Armutsrisiko nicht aus den Augen zu verlieren, dem sich Frauen aussetzen, die ein Kind bekommen. Mutterschaft ist mit hoher Arbeitslosigkeit, niedrigem Einkommen, geringem Rentenanspruch und hoher Abhängigkeit von (potentiellen) Partner_innen verbunden. Das betrifft auch ansonsten privilegierte Frauen, die meist ‚weiß‘ sind, der Mittelschicht angehören und gut ausgebildet sind. Ebenso wichtig ist natürlich zu betonen, dass das sowieso schon große Armutsrisiko noch größer für Mütter ist, die weitere Diskriminierung erfahren, etwa durch Rassismus, Antisemitismus oder Homophobie.

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4 Kommentare leave one →
  1. Karla permalink
    Januar 2, 2012 3:57 pm

    Was ist ein halterloser BH?

    • Januar 2, 2012 4:01 pm

      das habe ich mich auch kurz gefragt. Ich dachte entweder einer ohne träger oder ohne metallbügel. Allerdings ist die kulturelle Kodierung desselben in dem Land wo die Studie durchgeführt wurde eventuell irgendwie anders – ich kenne jedenfalls auch keine Vorurteile zu Frauen, die halterlose BHs tragen.

    • Januar 4, 2012 9:47 pm

      Ich glaube, es sind BHs ohne Träger. Also welche, die sich für Outfits eignen, wo Schulter und/oder Rücken frei sind, weil dann keine ’störenden‘ Halter zu sehen sind.

  2. April 27, 2012 8:09 pm

    Die meisten Menschen halten sich immer noch für die Krone der Schöpfung und für über den tier stehen, eine stillende Mutter erinnert zu deutlich daran, das wir auch nur Säugetiere sind

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