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Zwei Väter, ein Kind: Interview Part I

November 30, 2011

 Ein Interview mit einer so genannten ‘Regenbogenfamilie’, bestehend aus den zwei Vätern Waldemar, Vincent und ihrem 14 jährigen Sohn Patrick (alle Namen geändert). Die drei leben zusammen in einem Dorf in Brandenburg, Patricks Zwillingsschwester lebt bei ihrer leiblichen Mutter. Das Interview entstand 2005 im Rahmen eines Projekts zu queeren Familien und wird in drei Teilen veröffentlicht. Hier der erste  Teil:

Waldemar, hast Du bereits bevor die Kinder kamen mit Männern zusammengelebt?

Waldemar:   Man kann nicht wirklich sagen, dass ich mit Männern gelebt habe: ich bin schwul gewesen. Im Kopf. Damals hatte ich immer eine Anstandsfreundin. Ich bin im Osten groß geworden und dort war es nicht so einfach mit diesem Outen. Irgendwie wusste es wohl fast jeder auf gewisse Art und Weise, aber nach Außen hin war es nicht präsent. Mit der Maueröffnung bin ich dann schließlich ausgewandert.

Und wann kamen dann die Kinder?

Waldemar:   Im Jahr der Maueröffnung, im Dezember 1989, habe ich auf meiner Abschiedsfeier im Osten meine spätere Freundin Kathrin kennen gelernt. Sie lebte im Westen. Wir haben uns regelmäßig getroffen und dann spontan beschlossen, dass ich zu ihr in die Wohnung ziehe. Und so bin ich im Februar offiziell ausgereist. Damals musste es noch eine richtige Ausreise sein, mit Abmelden, Personalausweis und Aufnahmelager im Westen.

Und dann?

Waldemar:   Dann war Kathrin schwanger. Ziemlich früh wurde festgestellt, dass es Zwillinge waren. Tja, und dann sind die erstmal bis zur 39. Woche in ihr herangewachsen (lacht). An einem Tag im Januar 1991– es war ein verschneiter Tag und ich musste arbeiten – kam mein Chef an und sagte ‚Du hast jetzt frei und kannst gleich mal ins Krankenhaus fahren’. Und da sind die beiden per Kaiserschnitt auf die Welt gekommen. Putzmunter und gesund. Im folgenden Frühjahr haben wir uns entschlossen in eine größere Wohnung zu ziehen – auch mit dem Gedanken, uns bereits innerhalb der Wohnung zu trennen. So dass zwar jeder ein eigenes Zimmer hat – aber dass wir als Familie zusammenbleiben. Dann, etwa ein Jahr später, wurde Patrick schwer krank. Eines Tages hatte er am ganzen Körper blaue Flecken, sobald man ihn anfasste wurde die Stelle blau. Die Diagnose war Leukämie. Ich habe ihn ins Krankenhaus begleitet, wo ich zusammen mit ihm die nächsten zwei Jahre verbracht habe.

Vincent:   Die Krankenhauszeit war auch für Anna, die Zwillingsschwester, schlimm. Sie und ihr Bruder waren eigentlich unzertrennlich. Und dann ist mit dem Bruder auch noch plötzlich der Vater weg. Diese Zeit ist für sie heute noch ein Thema.

War das damals schon eine Vorwegnahme Eurer endgültigen Trennung?

Waldemar:   Inoffiziell waren wir ja schon getrennt. Aber diese Zeit hat uns noch mehr voneinander entfernt. Als Patricks Therapie abgeschlossen war, war für mich klar, dass ich so nicht mehr leben kann. Für gehört Sexualität zum Leben. Ich habe dann angefangen, Männer kennen zu lernen und auch einige Beziehungen geführt. Schließlich kam es zur endgültigen Trennung, bei der Kathrin ausgezogen ist. Damals waren die Zwillinge etwa 8 Jahre alt.

Ihr Kinder seid mit Eurer Mutter mitgegangen, Patrick?

Patrick:   Ja.

Waldemar:   Die Kinder sind mitgegangen worden, sie mussten. Ich hatte ein Schlüsselerlebnis, als ich die beiden im Auto zu ihrer Mutter fuhr und Patrick sagte: ‚Mich hat ja keiner gefragt.’

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