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Die Sache mit der Alternativmedizin

November 24, 2011

Es gibt viele gute Gründe die Schulmedizin zu hinterfragen, insbesondere Gynäkologie und Geburtshilfe: sowohl die ‚Pathologisierung‘ und ‚Medikamentalisierung‘ von Frauenkörpern wurden ja vielfach kritisiert als auch ihre äußerst problematische, blutige und lange Zeit männlich dominierte Geschichte, die etwa Marita Metz-Becker in ihrem Buch ‚Der verwaltete Körper‚ beschrieben hat. Auch die viel höhere Bezahlung, die Mediziner_innen im Vergleich zu Hebammen bekommen ist, gelinde gesagt, äußerst ungerecht.

Die Kritik an der Schulmedizin kippt mancherorts aber etwas schnell in ihre absolute Verdammnis, wohingegen die Alternativmedizin dann in einem Schnellschluss als das Gute überhaupt erscheint. Sie wird als natürlich, als ahistorisch-ursprünglich und als von Frauen tradiert romantisiert. Erstens stimmt das aber so nicht – es gibt sicherlich ebenfalls viele gute Gründe Alternativmedizin zu hinterfragen. Und zweitens ist diese strikte Trennung von Schul- und Alternativmedizin äußerst problematisch: beide Felder beeinflussten sich oft gegenseitig und sind ausserdem in sich äußerst unterschiedlich und variationsreich. Zudem wird die Geschichte dieser Gebiete oft pauschalisiert und nach Geschlecht essentialisiert: die Schulmedizin erscheint als inhärent männlich, die Alternativmedizin als inhärent weiblich.

Jedenfalls erschien zu dem Thema gestern ein interessanter Artikel in der SZ, nämlich von Sebastian Hermann zur ‚Globulisierung des Kreissaals‚. Aus der Zusammenfassung: „Viele Hebammen suggerieren, ohne Homöopathie, Aromatherapie, Akupunktur oder andere sogenannte alternative Behandlungen könne kein Kind zur Welt kommen. Schwangere lassen sich häufig darauf ein, weil diese Mittel als natürlich und dadurch automatisch als sicher gelten. Aber stimmt das überhaupt?“

Besonders interessant fand ich in dem Text einerseits, dass viele Hebammen in vielen der alternativen Verfahren nicht unbedingt ausgebildet sind und andererseits, dass auch die Alternativmedizin problematische Körpervorstellungen beinhalten kann: „Die sogenannte Schulmedizin betreibe mit Wehenschreibern, Ultraschall und anderen Geräten eine ‚Pathologisierung der Schwangerschaft‘, so der Vorwurf. Dem setzen Hebammen das Bild einer natürlichen, sanften und ganzheitlichen Alternativmedizin entgegen. Kritiker sehen darin einen gravierenden Widerspruch. ‚Eine Pathologisierung der Geburt kann auch mit alternativen Arzneien stattfinden‘, sagt Beer. Durch Kügelchen, Kräuter, Nadelungen und andere Eingriffe werde suggeriert, dass etwas behandlungsbedürftig sei. So werden selbst in Universitätskliniken Wehwehchen, die keinen Krankheitswert haben, sondern einfach normale Begleiterscheinungen einer Schwangerschaft sind, mit Kügelchen und Co. behandelt. ‚Häufig würde einfach ein bestärkendes Gespräch helfen‘, sagt Hebamme Regine Knobloch.“ Dazu kommt noch, dass einige Hebammen nicht unbedingt unproblematische Ideologien zu natürlicher Mutterschaft vertreten, wie hier schon einmal geschrieben.

Gleichzeitig bleibt in dem Artikel Schulmedizin allerdings etwas zu sehr von jeglicher Kritik verschont. Zudem kann die Sicht des männlichen Autors auf vermeintliche weibliche ‚Wehwehchen‘ durchaus als ignorant und paternalistisch betrachtet werden (siehe auch Kommentare). Interessant wäre gewesen zudem zu fragen, woher das Unbehagen kommt, das viele Frauen mit der Schulmedizin haben und das sie nach anderen Methoden suchen lässt.

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9 Kommentare leave one →
  1. November 24, 2011 7:54 pm

    „normale Begleiterscheinungen einer Schwangerschaft“ – also wenn damit kotzen, aufstoßen, dauernde müdigkeit, rückenschmerzen und co gemeint sind – warum sind die während einer schwangerschaft nicht behandlungsbedürftig??? also ich hätt mich da gerne behandeln lassen, hätte ich an solchen symptomen gelitten. und wie schon bei ‚muttergefühle‘ eine kommentierte: die mündigkeit der schwangeren lässt auch dieser autor wieder komplett außer acht. selbst placeboeffekte nehm ich gerne hin, was hilft, dass hilft eben. und schließlich sind es ja nicht nur (manche!) hebammen, die ihr werk nicht ganz verstehen, sondern meiner erfahrung nach ebenfalls ärzte, von ’nicht vorhandenen wirksamkeitsbelegen‘ kann auch die schulmedizin ein lied singen, aber dann mache sie sich ja unglaubwürdig.
    ich lass mir doch meinen verstand nicht absprechen, weder von ärzt_innen, hebammen noch diesem sebastian herrmann, dem ich eine schwangerschaft mit allen ’normalen begleiterscheinung‘ wünsche…

  2. November 25, 2011 6:25 pm

    Ja, da hast Du durchaus Recht! Ich habe mich auch gefragt, ob das unbedingt sofort eine ‚Pathologisierung‘ sein muss – und ob es nicht doch einen qualitativen – oder zumindest graduellen – Unterschied zwischen Ultraschalluntersuchungen einerseits und Kräutertees gegen Übelkeit andererseits gibt. Ich denke, das wird zumindest von den meisten Frauen durchaus anders wahrgenommen.
    Aber wie gesagt: auch wenn ich jetzt dem Artikel absolut nicht überall zustimmen möchte – ich find einfach wichtig, neben der Schulmedizin, die ja im Feminismus schon lange kritisiert wird, auch die Alternativmedizin genauer anzuschauen bzw. nicht alles einfach kritiklos ‚zu schlucken‘.

    • Anne permalink
      November 25, 2011 9:10 pm

      Ich hatte schon in meiner ersten Schwangerschaft eine Arzthelferin in Ausbildung zur klass. Homöopathin, die mir eröffnete, dass sie von Globuligabe in Zusammenhang mit der Geburt nicht viel halte. Da eine Schwangerschaft und Geburt erstmal natürliche Vorgänge seien und da solcherlei „Eingriffe“ erstmal nicht hingehörten, das widerspräche ihrer Haltung als Homöopathin zum Einsatz und Wirkspektrum von Globuli. Fand ich damals auch überraschend, aber logisch.

  3. Astrid permalink
    November 26, 2011 1:30 pm

    Ja, der Artikel schlägt einen teils widerlichen Tonfall an und es wird nicht dadurch besser, dass ein Mann ihn geschrieben hat. Aber bitte: Schon allein die Diffamierung der evidenzbasierten Wissenschaft Medizin als ‚Schulmedizin‘ ist zutiefst problematisch: Klick
    Dass sogenannte Alternativmediziner_innen nicht einmal einer Dokumentationspflicht unterliegen, macht es ihnen so leicht, sich im Problemfall aus der Affaire zu ziehen (Klick). Und diesen Leuten soll frau vertrauen?
    Schließlich ist das Signal an die jeweiligen Frauen fatal. Eine, die bereits in der Schwangerschaft massiv mit sogenannter Alternativmedizin in Kontakt kommt, wird vielleichr auch nach der Geburt auf diesem Pfad bleiben und ihr Kind, das sich nicht wehren kann, möglicherweise vermeintlich alternativ therapieren (lassen). Wie weit das gehen kann, zeigen zur Zeit ja die SSPE-Fälle: Klick

    @ glücklich scheitern: welche Erfahrung mit nicht vorhandenen Wirksamkeitsbelegen in der Medizin hast Du denn gemacht?

  4. November 26, 2011 4:30 pm

    Das Thema beschäftigt und erschüttert mich immer wieder…
    http://epic-bliss.blogspot.com/2011/11/homoopathie-was-ist-das-eigentlich.html
    http://epic-bliss.blogspot.com/2011/09/schon-wieder-impfungen.html
    usw

    Und ich sehe übrigens den Kampfbegriff „Schulmedizin“ auch sehr kritisch.

  5. November 28, 2011 3:16 pm

    Ich hab den SZ-Artikel auch gelesen und fand ihn als praktizierende Sowohl-als-auch-und-je-nachdem-Medizinnutzerin und -meinem-Kind-Geberin interessant. Insgesamt teile ich die Haltungen des Postings hier und die von Melanie/glücklich scheitern. Mich nervt das Mansplaining der SZ (auch) in diesem Fall extrem. Ein eigentlich vom Thema her spannender Text wird in meinen Augen durch die teilweise fragwürdige Haltung des Autoren (und die Tatsache, dass vorwiegend Männer* zitiert werden) abgewertet. Ich muss mir von niemandem, schon gar nicht von einem Mann* erklären lassen, wie ich mich während meiner Schwangerschaft zu fühlen habe… Und dieses Gegeneinander-in-Stellung-Bringen von „Alternativmedizin“ und „Schulmedizin“ nervt auch. Wie ich aber an anderer Stelle zu diesen Themen schon geschrieben habe, mag meine Haltung in dieser Hinsicht auch dadurch mitbedingt sein, dass meine Erfahrungen mit „Alternativmedizin“ und auch entsprechenden schwangerschafts-/geburtsbegleitenden Ansätzen bisher vorwiegend positiv waren – ich habe sowas bisher eher ermutigend-unterstützend-zielgerichtet wahrgenommen als oktroyierend-entmündigend-ideologisch. Sich therapeutische Trends „im Großen“ anzuschauen, ist natürlich dennoch wichtig, deshalb danke für das Posting!

  6. HCG permalink
    November 28, 2011 7:10 pm

    „Auch die viel höhere Bezahlung, die Mediziner_innen im Vergleich zu Hebammen bekommen ist, gelinde gesagt, äußerst ungerecht.
    es wäre gut, wenn du das genauer ausführen könntest.
    ich weiß nicht, wieviel hebammen verdienen, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie zu wenig bekommen. ich finde aber nicht, dass man das in beziehung zu dem berufsstand der gynäkologen setzen darf
    . frauenärzte müssen während ihrer jahrelangen ausbildung , die bedeutend länger dauert als die hebammenausbildung, wissen in geburtshilfe und gynäkglogie, also onkologie, infektion, missbildungen im urogenitaltrakt, krankheiten der jungen frauen, alten frauen, schwangeren, nichtschwangeren, frau mit kinderwunsch, frau ohne kinderwunsch, etc. erlangen, von dem mindestens 6 jahre langen medizinstudium abgesehen. das bedeutet, dass die geburtshilfe nur einen teil ausmacht,und es noch sehr sehr viele andere aspekte der ausbildung gibt, die ein frauenarzt mitunter aber alle an einem normalen tag in der klinik oder praxis anwenden muss, dazwischen liegen eventuell operationen, die sich oft über stunden hinziehen und von denen man je eine anzahl im zwei bis dreistelligen bereich benötigt, um den facharzt zu bekommen. immer dabei ist das wissen über diverse medikamente, die der arzt mit hinblick auf bestehende schwangerschaft, nebendiagnosen, alter, wechselwirkungen mit anderen medikamten etc. verschreibt. außerdem muss der ultraschall so erlernt werden, dass man mutter und kind begleiten kann, drei sind in der regelbetreung einer schwangerschaft vorgesehen. das alles muss eine hebamme nicht machen und wird darin auch nicht jahrelang ausgebildet. abgsehen davon, dass sich die arbeitszeiten zumindest in einem krankenhaus erheblich unterscheiden zwischen diesen beiden berufsständen, muss absolut honoriert werden, dass der arzt, und nicht die hebamme, die volle verantwortung für mutter und kind beim eintritt in ein krankenhaus übernimmt. geburten vollziehen sich zum glück meistens für alle beteiligten wenig traumatisch und können eine sehr schöne erfahrung sein, in der oft der enge kontakt mit der hebamme und nicht die ständige gegenwart eines arztes als angenehm empfunden wird. das bedeutet aber, dass der arzt sich über alles ein bild gemacht hat und zb. dazu das ctg benutzt, um sich möglichst im hintergrund halten zu können. sollte aber irgendwas schief gehen, ist es seine alleinige verantwortung,nicht die der hebamme, und jegliche konsequenzen spielen sich für ihn und seinen beruf ab mitunter vor gericht. jeder möchte eine umkomplizierte geburt, sollte es aber zu komplikationen kommen, können diese in windelseile wirklich zum teil dramatisch werden. wer in den kreissaal geht und sich auf ein gesundes kind freut, und dann wegen sauerstoffmangel bei pathologischem ctg mit einem schwer hirngeschädigtem kind nach hause gehen muss, der hat mit sicherheit bedarf an einem verantwortlichen, an den er erklärungsforderungen, anschuldigungen etc. richten kann. das ist der arzt.
    hat man während der schwangerschaft einen harnwegsinfekt, der mit antibiotika behandelt werden muss, auch zum schutz des kindes, dann kann einem nicht die hebamme weiterhelfen, sondern nur arzt, der rezepte verschreiben darf. möchte ich sicher sein, dass ich in der 14. woche bei blutungen noch schwanger bin und nicht einen abgang habe, kann mir der ultraschall beim frauenarzt sicherheit geben. wenn ich einen positiven schwangerschaftstest gemacht habe und plötzlich unterbauchbeschwerden bekomme, kraftlos werde und zum arzt gehe, dann muss der auf dem schirm haben, dass ich eventuell eine extrauterine schwangerchaft durchmache, an der ich eventuell grade verblute, wenn ich nicht operiert werde. wenn sich die nabelschnur während der geburt warum auch immer vor den geburtskanal legt, dann wird das kind durch einen kaiserschnitt von einem arzt auf die welt gebracht. wenn ich bei einer guten, normalen geburt mit meiner hebamme, die mich wunderbar die ganze ssüber betreut hat, einen dammriss oder vaginalriss habe, dann näht mich der arzt an dieser stelle, nicht die hebamme.
    meist diskutieren ärzte mindestens einmal die woche artikel aus fachzeitschriften, man orientiert sich nach evidenzbasierter medizin, es gibt auch meist wöchentliche fortbildungen. ich weiß nicht, ob hebammen das machen müssen.
    ich will hier wirklcih nicht hebammen kritisieren, aber man darf hier nicht zwei berufsstände, die auf anderen ausbildungsvlrläufen, anderen verantwortungsbereichen und anderen kompetenzen ( onkologische,allgemein gynäkologische,allgemein medizinische, pharmakologische, operative wissensaspekte) basieren zusammenwerfen bzw. vergleichen, auf der grundlage, dass beide kinder auf die welt bringen. an einer erfolgreichen,das wort ist nicht wörtlich aber sinnbildlich zu verstehen „produktentwicklung“ sind meistens verschiedene berufsgruppen beteiligt, mit unterschiedlichen arbeitsschwerpunkten und unterschiedlichen bezahlungen.
    ich persönlich möchte am liebsten mit einer mir vertrauten hebamme mein kind zur welt bringen, aber in dem wissen, falls ich oder mein kind doch zu dem verdammten prozent mit pech gehören, ein arzt in der nähe ist, der die verantwortung übernehmen muss, nadel und faden oder messer, blutprodukte oder medikamente anzuwenden und das auf einer wissenschafltichen grundlage, die sich durch studien überprüft und zum teil eben auch revieideren muss. kurz: ich bin gegen eine gleiche bezahlung von gynäkologen und hebammen da ich die vergleichsbasis nicht nachvollziehe. außerdem werden ärzte nicht nach geburtsbetreuung etc bezahlt, es kann sein, dass man eine woche auf der gebärstation arbeitet und die nächste woche onkologische patientinnen mit brustkrebs betreut, der monatslohn bleibt gleich.

  7. November 28, 2011 7:34 pm

    Chapeau! Oder so! (Enchante?) Also, ich glaub dir, dass Mediziner_innen sehr viel mehr Verantwortung haben und mehr wissen müssen. Bitte wisse, dass ich dein Lernen sehr hoch schätze, dein Leid teile und dir später ganz viel Geld wünsche!
    Nur kurz – ich muss gleich los.
    Zur Hebammenbezahlung: die ist tatsächlich ganz extrem niedrig. Teilweise ist von zwischen 1250,00€ und 2.100,00€ brutto, abzgl. der Sozialbeiträgen und natürlich abhängig von der persönlichen Steuerklasse bleibt da ein Netto von ca. 900,00€ bis 1500,00€. Und ein grosses Problem sind die extrem gestiegenen Haftpflichversicherungen, die davon nun auch noch bezahlt werden müssen. Die treffen ja auch Gynäkolog_innen – weswegen ja viele von dem Berufszweig abraten – die verdienen aber immer noch soviel, dass sie die Versicherung zumindest einigermaßen bezahlen können.
    Infos dazu:

    http://www.hebammen-protest.de/
    http://www.zeit.de/2010/19/Hebammen

    Und klar sollte die Ausbildung sich idealerweise auch in der Bezahlung spiegeln. Aber die Arbeitszeit sollte das auch tun – und Menschen, die verantwortungsvolle Tätigkeiten übernehmen sollten zumindest davon leben können.

    • HCG permalink
      November 28, 2011 9:40 pm

      danke für den link, ohne frage, die bezahlung der hebammen ist wirklich nicht angemessen und ungerecht. ich konnte den direkten bezug bzw. vergleich mit mediziner_innen so nicht stehen lassen. was unangemessene bezahlung und überdurchschnittliche arbeitszeiten angeht, sind leider beide berufsgruppen oft betroffen.

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