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… die armen Kinder (und bösen Mütter)!

Oktober 27, 2011

Über eine Freundin wurde ich auf einen schrecklichen Artikel von Birgitta vom Lehn in der Welt aufmerksam. Der Titel sagt bereits alles bzw. recht viel: ‚Krippenbetreuung bedeutet für Kleinkinder Stress‚. Zunächst kritisiert die Autorin darin – das wohl durchaus zu Recht – die schlechte Qualität einiger Krippen, ebenso wie die schlechte Bezahlung des Personals. Dann aber kommt sie zu den scheinbar durchweg schädlichen Folgen des Krippenbesuchs für die Kinder: Nicht nur zu erhöhten Stress soll es kommen, nein selbst die beste Krippe soll später zu „sozialen Auffälligkeiten wie Streiten, Kämpfen, Prahlen, Lügen und Sachbeschädigung“ führen. Ebenso gehörten „krankhaftes Übergewicht und koronare Herzerkrankungen“ sowie Neurodermitis zu den Konsequenzen. Kurz: Krippen scheinen gefährlicher als Zigaretten und Gewalt-Computerspiele zusammen. Die armen Kinder! Die arme Gesellschaft! Und die bösen Eltern (bzw. Mütter, um die es im Artikel vor allem geht), die ihnen das antun, nur weil sie arbeiten wollen – oder es gar müssen.

Belegt wird dieses Szenario vom drohenden Ende der Welt durch vermeintlich eindeutige und ‚objektive‘ Studien, bei denen dann gern Kleinigkeiten vernachlässigt werden, wie etwa, dass sich die zitierte ‚Wiener Krippenstudie‚ nicht mit der gesamten Betreuungszeit sondern mit der Eingewöhnungsphase beschäftigt, die bei Kindern logischer Weise mit erhöhtem Stress verbunden ist. Auch sonst ist die Zusammenfassung wissenschaftlicher Ergebnisse eher selektiv. Dieser Artikel von Thomas Otten interpretiert den derzeitigen Forschungsstand – zu denen auch einige der von Lehn erwähnten Studien gehören – jedenfalls etwas vorsichtiger und mehrdimensionaler: „Zusammenfassend lässt sich resümieren, dass trotz extensiver Forschungsarbeit die generellen Ergebnisse über Effekte institutioneller Kinderbetreuung bislang noch immer uneinheitlich und zum Teil widersprüchlich sind. Die Mehrzahl der Studien deutet auf eine positive Wirkung der frühkindlichen Kinderbetreuung auf kognitive und sprachliche Fähigkeiten – zum Teil auch mit Auswirkungen auf den langfristigen Schulerfolg – und gleichzeitig negative Auswirkungen auf soziale Kompetenzen hin.“

Und auch das mit den negativen sozialen Kompetenzen würde ich persönlich erst einmal mit Vorsicht betrachten – da lohnt es sicherlich, sich einige Studien, deren Methoden und Ergebnisse näher anzusehen sowie moderierende Variablen wie Bindungsqualität einzubeziehen. Zudem weist Otten darauf hin, dass die meisten Studien aus den USA stammen, nicht direkt übertragbar sind und etwa für den deutschsprachigen Raum keine ausreichenden Daten zur Verfügung stehen. Ausserdem sollen durchaus Gesellschaften mit hohem Krippen-Anteil existieren, in denen nicht alle Menschen als marodierende Hooligans leben und mit 30 an einem Herzinfarkt sterben. Manchmal wirkt es ja sowieso so, als könnte fast jedes politisches Lager die passende Studie für seine Argumentation finden.

(PS: einige dieser Studien sind selbstverständlich auch weiterhin gern gefundenes Fressen für Konservative. Hier auch ein Artikel im ‚Sonntag‘ in ähnlichem Tonfall, der selektiv auf die gleichen Forschungsergebnisse hinweist und diese ebenfalls als brandneue, hochwissenschaftliche ‚Erkenntnisse‘ verkauft . Eine gute Replik darauf gibt es hier bei der Rabenmutter.)

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12 Kommentare leave one →
  1. Oktober 29, 2011 5:27 pm

    Schlimm, wenn Zustände in manchen Krippen desaströs sind. Aber wieviele Skandale über schlimme Zustände an Schulen gab es schon? Und argumentiert man deshalb damit, Schulpflicht abzuschaffen anstatt die Zustände zu verbessern? Eben.
    Ich hab während der Schulzeit in einem Kindergarten ausgeholfen, und die Kindergärtnerin erzählte mir damals, die Kinder aus der Krippe wären sofort zu erkennen, das seien die sozialsten Kinder überhaupt.

    • Dora permalink
      Oktober 30, 2011 6:27 pm

      ja endlich spricht es mal jemand aus ! SCHAFFT ENDLICH BIIIIITTTE DIE SCHULPFLICHT AB!!!!!!! Jemanden der im sterbebett liegt würdest du doch auch nicht nochmal versuchen zum leben zu erwecken, oder?

  2. Dora permalink
    Oktober 30, 2011 6:35 pm

    Was auch immer diese Studien sagen. Mein tiefstes inneres Gefühl sagt mir und auch die Beobachtungen die ich mache deuten darauf hin, dass Fremdbetreuung in Form von Krippe schadet! Ich möchte nicht, dass ihr mich falsch versteht. Ich bin für die Emanzipation, aber das Bedeutet doch nicht, dass wir Frauen werden sollen wie die Männer. Das System in dem Wir leben haben Männer gestaltet, sollten wir nicht mal langsam anfangen ein koplett neues System zu nerschaffen anstatt uns an das von den Männern vorgegebene anzupassen?
    Ich will mit meinen kindern zusammen sein, aber trotzdem arbeiten, wieso geht das nicht?

    • Narf permalink
      Oktober 31, 2011 12:53 pm

      Ich will mit meinen kindern zusammen sein, aber trotzdem arbeiten, wieso geht das nicht?

      Wie soll das gehen? Wenn ich mit meinem Kind zusammen bin, dann verlangt es nach meiner Aufmerksamkeit, und wenn ich sie ihm schenke, dann kann ich nicht arbeiten. Oder ich arbeite, und Kind sitzt unbeachtet und alleine irgendwo rum. Da bring ich es lieber in die Krippe, wo es übrigens gerne hingeht, wo sich Erzieherinnen liebevoll mit ihm beschäftigen (ist tatsächlich so), und wo es andere Kinder hat zum Spielen und um Sozialverhalten in Situationen zu erlernen, in die es als Einzelkind nicht kommt.

      • Dora permalink
        Oktober 31, 2011 6:39 pm

        Was wäre denn, wenn alle ihre kinder mit zur arbeiten nehmen würden und es gäbe keine Krippe, keinen Kindergarten und keine Schule, sondern unsere Kinder würden am Vorbild lernen (so wie sie es sowieso tun), ich bin nicht bereit meine Kinder füe ein männliches System zu opfern. Das sollten wir alle nicht sein! Kannst du da gedanklich mitgehen?
        lg

      • Narf permalink
        Oktober 31, 2011 10:25 pm

        Wir sprechen hier von Babies und Kleinkindern, 0-3 Jahre. Hast Du schon mal versucht was zu arbeiten, während Du ein Kleinkind betreust?

      • phoenice permalink
        November 2, 2011 1:57 pm

        genau! so sehe ich das auch und ich habe ein gutes Gewissen, wieder etwas arbeiten zu gehen und danach voller Freude und Energie! die Kinder zu begrüßen!

  3. Oktober 31, 2011 12:41 pm

    Dora, was genau stellst du dir denn vor, wie man gleichzeitig mit den Kindern zusammensein und Arbeit gehen sollte? Dass man Kinder mit an den Arbeitsplatz nehmen können soll? In einigen Berufen würde das vielleicht gehen, aber in den allermeisten wohl eher nicht, in manchen Fällen wäre das zu gefährlich, zudem wäre produktives Arbeiten so wohl nur sehr eingeschränkt möglich.
    Und was wäre deine Alternative zur Schulpflicht? Ich bin extrem froh, dass es diese gibt, zum einen wegen des vermittelten Lehrstoffes, die wenigsten Eltern haben die Fähigkeiten, ihren Kindern das alles selbst beizubringen, zum anderen weil sie so auch mal rauskommen und andere Menschen und Lebensmodelle kennenlernen können. Die Schulpflicht ist eine der größten Errungenschaften der Neuzeit.
    Krippe: Allein beim Wort „Fremdbetreuung“ kommt mir schon alles hoch. In einer qualitativ guten Krippe/Kita werden die Erzieherinnen auch zu Bezugspersonen des Kindes und sind somit nicht „fremd“. Genauso bei einer Tagesmutter oder der Oma oder sonstwas.

  4. nik permalink
    November 10, 2011 4:04 am

    Na mensch, da war die DDR ja die größte Fallstudie des letzten Jahrhunderts, was? Ich würde denken, da hat der Großteil der Kinder solch institutionelle Kinderbetreuung genossen. Und schauen wir uns um im Osten – lebensunfähige, verrohte Gewalttäter wohin das Auge blickt! m( (Wers nicht rafft, das war Sarkasmus und das Zeichen am Ende ein Face palm).

  5. easy going ? permalink
    Mai 9, 2012 2:07 pm

    @nik
    dann lass uns mal den Pisa-Vergleichstest ansehen.
    Also wie sieht das mit der sozialen Verantwortungsannahme/Ablehnung aus (Seite 26)
    http://www.mpib-berlin.mpg.de/Pisa/PISA-E_Vertief_Zusammenfassung.pdf

    Noch Fragen ?

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