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Geburt als Kunst: The Birth of Baby X

Oktober 24, 2011

Die New Yorker Künstlerin Marni Kotak wird die Geburt ihres ersten Kindes als Performance in einer Gallerie gestalten. Kotak beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit dem Zugang zu echten Erfahrungen jenseits von ‚Spektakel‘: „I believe that our most intriguing performances occur when we are not aware that we are performing. It is only in these moments that we are capable of transcending the issues of spectacle that have come to dominate performance art and much of contemporary culture.“

Auch Jeanette Kuster berichtet im Mamablog von der Aktion und zitiert Kotak folgendermaßen: „Ich hoffe, den Leuten damit zeigen zu können, dass das Leben selbst die tiefgründigste Kunst kreiert und dass die Geburt die vollkommenste Form der Kunst ist.“

Anschliessend folgt in Kusters Beitrag allerdings noch die Be- bzw. Verurteilung der Arbeit, da die Künstlerin auch plane, die anschliessende Kindererziehung zu einem Kunstprojekt zu machen. Kuster findet das falsch und hofft, „dass bei Kotak mit der Geburt doch noch der Mutterinstinkt erwacht , der sie dazu bringt, ihr Kind mit aller Kraft vor jeglichem Übel beschützen zu wollen – auch vor demjenigen, das sie ihm mit ihren (zu) intimen, entblössenden Darbietungen selbst anzutun gedachte.“  Zum einen bereitet mir dieses Abfeiern von vermeintlichem ‚Mutterinstinkt‘ Bauchweh, der hier als schlauer und besser als die einzelne Frau selbst dargestellt wird. Zum anderen finde ich beim Mamablog allgemein die Tendenz zum schnellen Urteil, zum Richtig-oder-Falsch und zum Einteilen in gute und schlechte Mütter problematisch. Könnte man nicht erst einmal voraussetzen, dass Kotak selber weiß, was für sie, ihre Kunst und ihr Baby ‚ein Übel‘ ist und was nicht?

(PS: mittlerweile wurde das Kind geboren, wie etwa hier in der SZ zu lesen ist.)

7 Kommentare leave one →
  1. Oktober 24, 2011 5:28 pm

    bin gespannt, ob soviel öffentlichkeit nicht sehr kontraproduktiv auf den geburtsfortschritt wirken wird.
    kann mir persönlich kaum vorstellen so entspannt über den dingen zu stehen, als dass mich ein haufen gaffer an gescheiter geburtsarbeit nicht hindern würde.

    erziehung als kunst zu vermarkten, sehe ich ebenfalls etwas skeptisch.
    wenn frau kotak sich als künstlerin in die öffentlichkeit begibt, ist das ihre freie entscheidung.
    baby x hat keine wahl. (hat es natürlich auch nicht, was taufe, beschneidung, namensgebung usw angeht, aber in der öffentlichkeit zu stehen empfinde ich als nochmal nen zacken schärfer.)
    außerdem hat kotak ihre pläne möglicherweise ohne ihr kind gemacht, welches ja nicht als komplett formbares, willenloses wesen das licht der galerie erblickt.
    unwahrscheinlich, dass sie zum beispiel mit „schreibaby“ an ihrem vorhaben festhalten wird.
    (kommt natürlich stark auf die gewichtung von eigenen bedürfnissen, kunst und kind an.)

    erziehung erlebe ich teilweise als so grenzwertig, dass druck von außen mein oftmals von bauchgefühl geleitetes handeln wohl eher negativ beeinflussen würde.
    wenn schon opa heinz und tante trudi mich mit kritischen blicken und klugen ratschlägen zur weißglut bringen, würde ich wohl in breiter öffentlichkeit amok laufen.

  2. Oktober 25, 2011 1:58 pm

    Hm, nachdem eine Weile lauter Geburts-Sendungen im Fernsehen liefen, finde ich das jetzt nicht so viel skandalöser als die Fernsehen-Version.
    Ich bin gespannt wie das läuft, schlimm finde ich es nicht. Ich denke, da ist jeder anders, was das angeht, viele würden die Fremden „Gaffer“ wohl stören, manche aber eben auch nicht. Mich würde interessieren, wie die medizinische Ausstattung in der Galerie ist, sicher wird ja eine Hebamme dabei sein?

    Was die Erziehung angeht, habe ich keine Vorstellung, wie so das künstlerisch darstellen will.

  3. Oktober 28, 2011 6:23 pm

    Beim ersten Lesen hat es mich entsetzt. Sicher ist eine Geburt ein Wunder, eines der größten, und sicher vermag ein Künstler darin auch Kunst zu sehen. Vor allem aber ist sie eine Gewalt der Natur und es bleibt abzuwarten, ob die Künstlerin unter dieser Gewalt noch an Kunst denken mag. Vielleicht wird es die Performancekunst beleben, mit Sicherheit wird es ein Spektakel.
    Möglicherweise bin ich altmodisch, dass ich die Geburt für einen intimen Akt halte, der in einem geborgenen Rahmen ablaufen sollte. Geburt heißt auch loslassen können und Schmerzen annehmen und ich fürchte für die Frau, dass ihre gewählten Umstände hinderlich sein könnten.
    Aber es wird ein großes Happening, kein Zweifel. Ob auch livecams übertragen

    • Oktober 29, 2011 6:43 pm

      Der Punkt ist ja, dass diese Frau für sich entschieden hat, dass sie damit umgehen kann (oder zumindest davon ausgeht, dass es so sein wird). „Zu ihrem eigenen besten“ davon abzuraten finde ich unter diesem Blickpunkt bevormundend.
      Aber dass Frauen während und nach der Schwangerschaft bevormundet werden, ist ja nichts Neues.

  4. Oktober 28, 2011 6:27 pm

    … gerade las ich: sie hat’s geschafft. Das Video gibt’s später.

  5. Oktober 30, 2011 1:09 pm

    Ich finde das auch bevormundend, „zu ihrem eigenen Besten“ davon abzuraten. Klar, viele vollen lieber ein ruhiges, privates Umfeld dafür, aber sie hat ja schon entschieden, dass sie darauf keinen Wert legt, und wer bin ich ihr zu sagen, worauf sie bei sowas Wert legen muss. Ich lege Wert auf möglichst hohe medizinische Sicherheit und andere entscheiden sich für eine Hausgeburt mit 30min Weg zum nächsten Krankenhaus. Wir wollen ja auch alle nicht, dass uns da jemand reinredet, also sollten wir auch ihr da nicht reinreden.

  6. marta permalink
    November 14, 2011 12:45 pm

    „… konnten in der Galerie der natürlichen Geburt beiwohnen“ heißt es in der SZ. Womöglich liegt da ein politisch wichtiges Moment dieser Kunst-Aktion. In den USA und auch in D steigt und steigt die Rate der „unnatürlichen“ Geburten. Da wird das „natürliche“ Gebären tatsächlich zu einer Kunst, hat die Aktion einen hochgradig aufklärerischen Charakter.

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