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Artikel zur Vollzeitmutter und Care-Arbeit

Oktober 21, 2011

Empfehlenswert ist die neuste Ausgabe der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte 61 (2011), deren Themenschwerpunkt diesmal „Frauen in Europa“ ist. Sie kann hier entweder online gelesen oder als pdf heruntergeladen werden. Aus dem Einleitungstext zur Ausgabe: „‚Frauen in Europa‘ sind keine homogene Gruppe. Wenn eine Quote für Frauen in Führungspositionen gefordert wird, so betrifft dies akademisch gebildete, ohnehin privilegierte Frauen. Wird dagegen eine bessere Absicherung für private Pflegekräfte diskutiert, so geraten hauptsächlich Migrantinnen in prekarisierten, meist irregulären Erwerbsverhältnissen in den Blick.“

Besonders interessant zum Aspekt Mutterschaft sind zwei Texte: Ein Text mit dem Titel „Erkenne Dich selbst“ von der einschlägig bekannten Barbara Vinken, der sehr leicht zu lesen ist und mit verschiedensten Statistiken, Studienergebnissen und Bonmots aufwartet. Sie beschäftigt sich darin mit der westdeutschen ‚Ideologie der Vollzeitmutter‘, die sie von Vorstellungen und Praktiken in anderen europäischen Ländern wie Frankreich oder Schweden abgrenzt. Vinken geht besonders auf die Frage der Fremdbetreuung ein und resummiert nach einigen Studienergebnissen: „Es scheint also (…) egal zu sein, ob die Kinder in der Familie, sprich von der Mutter, oder in einer Kinderkrippe erzogen werden. Sie scheinen so oder so zu blühen und zu gedeihen.“

Auch die fehlende Gleichberechtigung auf dem Arbeitsmarkt spricht sie an: „Beides – fehlende Gleichheit der Geschlechter und die Vorstellung davon, wie die Kinder erzogen werden sollen – hängen zusammen. Im Fachjargon heißt das, dass der deutsche Arbeitsmarkt sich durch extreme Geschlechtersegregation von den europäischen Arbeitsmärkten unterscheidet. (…) Der den Arbeitsmarkt in Deutschland im Gegensatz zu allen europäischen Ländern am stärksten segregierende Faktor ist die lange Babypause und die darauf folgende Teilzeit, in der so gut wie ausschließlich Frauen arbeiten.“ Sie kommt dann zum Schluß: “ Es ist auch rätselhaft, dass wir es wie ein Fatum hinnehmen, dass wir – aber eben nur wir in Westdeutschland – nicht ganz Frau (ohne Kind) oder nur Frau (ohne Beruf) sein können. Jedenfalls bezahlen wir für die selten ausgesprochene, aber umso wirksamere Ideologie der Vollzeitmutter gesellschaftlich, vor allen Dingen aber in unserem Privatleben einen viel zu hohen, – und das ist die eigentliche Tragik – völlig überflüssigen Preis.“

Der zweite Text kommt von Ursula Apitzsch und Marianne Schmidbaur und beschäftigt sich mit „Care, Migration und Geschlechtergerechtigkeit.“ Darin thematisieren sie die Verteilung von Sorge- und Fürsorgearbeit (Care), die fast immer Frauen leisten müssen und die oft von ökonomisch besser gestellten Frauen oft an prekarisierte Frauen weitergegeben wird. „Neben Au-pairs sind es vor allem Migranten und Migrantinnen in häufig irregulären Beschäftigungsverhältnissen, die zur Unterstützung bei Haus-, Familien- und Pflegetätigkeiten herangezogen werden. Schätzungsweise arbeiten 100000 bis 200000 ausländische Haushaltshilfen in deutschen Haushalten.“Anschliessend fragen sie nach der Verbindung von Arbeit und Konzepten von ‚Citizenship‘: „Der moderne Wohlfahrtsstaat westlicher Gesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg basiert auf der traditionellen Geschlechterordnung des 19. Jahrhunderts. Die Freiheit, den Lebensunterhalt durch Arbeit zu bestreiten und so in den Besitz von Citizenship, von Bürgerrechten, zu gelangen, erstreckte sich nicht auf die häuslichen Arbeiten von Frauen, die somit nicht die Möglichkeit hatten, durch ihre Tätigkeit gleiche Rechte zu erlangen.“

Waiting room, irgendwie würde da Fugazi passen (Bild: Mothers waiting..., 1947, State Library of Queensland, Australia, via flickr)

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