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Kinder ja, Nationalismus nein

Oktober 15, 2011

Frauen gelten traditionell als ‚Gebärmütter der Nation‘ wie es Barbara Vinken einmal ausgedrückt hat: ihnen wird die Verantwortung dafür zugeschoben, dass ‚der Staat‘ ausreichend Nachwuchs hat, damit dann unter anderem später ‚unsere Renten‘ bezahlt werden können. Andere Faktoren der Nachwuchsfrage, etwa männliche Beteiligung, Lohn- und Rentennachteile für Frauen mit Kind, das sowieso an sich problematische Konzept von ‚Staat‘ und die Auswirkungen staatlicher Sozial- oder Abschiebungspolitik werden dabei meist vollkommen ausgeklammert. Einige der in diesen Debatten gern vergessene Punkte thematisiert auch Antje Schrupp: „Die prekäre Situation unserer Sozialversicherungen und der Rente hat (…)  nichts mit Kindermangel zu tun, sondern mit dem Abbau sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplätze und mit einer desolaten Bildungspolitik, die Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen benachteiligt.“

Dennoch zielt staatliche Bevölkerungspolitik vorrangig auf Frauen, was schon daran deutlich wird, dass in einschlägigen Statistiken von ‚xy Geburten pro Frau‘ die Rede ist. Diese Politik unterteilt Menschen in verschiedene Bevölkerungsgruppen, wobei die Frauen bestimmter Bevölkerungsgruppen dann für mehr Kinder sorgen sollen – in Deutschland vorrangig meist die der Gruppe von heterosexuell lebenden Menschen mit Bildungshintergrund und Arbeit, die meist als ‚weiß‘ klassifiziert werden. Andere Bevölkerungsgruppen, etwa Menschen ohne Arbeit, mit so genanntem ‚Migrationshintergrund‘, ohne deutschen Pass oder queer lebende Personen sollen an der Fortpflanzung gehindert werden, etwa durch gekürzte Sozialleistungen oder fehlenden Zugang zur Reproduktionsmedizin. Auch Abschiebungen zählen zumindest implizit zu den Mitteln der Bevölkerungspolitik. Proasyl berichtet etwa, dass in Deutschland im Jahr 2010 nur 1,3 % aller Asylanträge als asylberechtigt nach dem Grundgesetz anerkannt wurden.

Kaum überraschend fokussieren auch rechte Parteien und Gruppierungen auf die Frau als Mutter und ihre Funktion für nationalistische Bevölkerungspolitik. Das zeigt auch etwa ein Video über Martin Sonneborns Besuch einer NPD-Versammlung, auf der ‚deutsche Frauen‘ dazu angeregt werden sollen, mehr ‚deutsche Kinder‘ zu zeugen. Ein weiteres Video demonstriert, wie sich die Argumente von christlich-fundamentalistischen AbtreibungsgegnerInnen und NationalistInnen teilweise überschneiden (neben dem ständigen Verweis auf ‚das Leben‘ und ‚unsere Rente‘ ist dort auch die T-Shirt-Aufschrift ‚Deutschland braucht Jesus‘ zu sehen). Eine (teilweise) pro-natalistische Politik, die (bestimmte) Frauen zur Erhöhung der Geburtenzahl in die Pflicht nehmen will, erlebt auch in einigen osteuropäischen Ländern einen Aufschwung, wie Masum Momaya berichtet. So richtete Russland eigens einen ‚Tag der Kopulation‘ ein. Auch die Rechte von Frauen zur reproduktiven Selbstbestimmung durch Verhütung und Abtreibung sind zunehmend bedroht.

Dennoch wäre es vorschnell anzunehmen, alle rechtsextremen Gruppen würden ein uraltes Mutterideal propagieren. Die Anschläge widmeten der Gefahr des ‚Faschofeminismus‘ zwei lesenswerte Texte, in denen es darum geht, dass die Rechte mittlerweile zunehmend feministische Diskurse adaptiert. Dabei werden einerseits alte Klischees der Frau als Mutter (und als Natur, Erde, ‚Ackerboden‘, etc.) und differenzfeministische Positionen bemüht, andererseits sind jedoch verstärkt egalitäre Argumente zentral. Auch die NPD versucht mittlerweile teilweise  mit einem moderneren Frauenbild zu werben.

Also: Kinder ja, aber nicht für die Nation, den Staat, die ‚Rasse‘, unsere Pflegeversicherungen und Renten, die Wirtschaft, ‚das Leben‘ oder sonstigen Quatsch. (Und so wichtig es ist, auf die prekäre Situation von Hebammen aufmerksam zu machen – warum muss sich die Initiative ausgerechnet ‚Hebammen für Deutschland‚ nennen?) Nun noch ein Video, dass ich schon lange auf den Blog stellen wollte (nur der Text dazu fehlte noch): Räuberhöhle: I’m not part of the shit. (Das hier ist übrigens version 2.0, ein anderes Video zum gleichen Lied hier.)

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  1. profin permalink
    Dezember 18, 2011 4:28 pm

    Soviel von der deutschen Familienpolitik ist so pro-natalistisch, das ist widerwärtig. Familienpolitik, die mehr macht, als den Rahmen zu setzen, damit die Leute die Kinder bekommen, die sie möchten, ist pro-natalistisch und nationalistisch arterhaltend.

    Immerhin hat das Europäische Parlament das mal in einem Erschliessungsantrag formuliert:

    http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?type=TA&language=DE&reference=P6-TA-2006-0115
    16. begrüßt es, dass die Europäische Union die Mitgliedstaaten durch Maßnahmen zur Verbesserung der Rahmenbedingungen darin unterstützen will, die Diskrepanz zwischen der von Eltern gewünschten Kinderzahl (2,3) und der tatsächlichen Kinderzahl (1,5) zu verringern;

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