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Weltstillwoche und Stillempfehlungen

Oktober 7, 2011

Vom 3. bis 9. Oktober findet die „Weltstillwoche“ statt, deren diesjähriges Motto „Stillen – sprich darüber!“ lautet, wie etwa die AFS (Arbeitsgemeinschaft freier Stillgruppen) informiert. Sicherlich ist es eine gute Idee, über das Thema zu sprechen – etwa darüber, dass es die freie Entscheidung jeder Frau sein sollte, ob und wie lange sie stillen möchte, dass nicht-stillende Frauen oft zumindest latent der Vorwurf gemacht wird, ihrem Kind zu schaden, dass vielen stillenden Frauen der Zugang zu öffentlichen Orten verwehrt wird und dass sogar Facebook Still-Fotos wegen ihrer vermeintlichen ‚Obszönität‘ löscht.

Problematisch wird es allerdings, wenn aus dem Darüber-Sprechen eher ein Sagen-Was-Richtig-Ist wird, was leider häufig der Fall ist. So auch bei der AFS, die meint, man solle vor allem hierüber sprechen: „Ca. 80% aller Mütter beginnen nach der Geburt eines Kindes zu stillen; nach 6 Monaten sind es jedoch nur noch etwa die Hälfte – warum? Wie kommt es zum verfrühten Abstillen?“

Die Aussage, dass Abstillen vor sechs Monaten ‚zu früh‘ sei, bezieht sich vor allem auf die Stillempfehlungen der Word Health Organization (WHO) und ‚Empfehlungen‘ lassen natürlich schon ihrer Definition nach wenig Raum für freie Entscheidungen. Gleichzeitig sind solche Empfehlungen und die Studien, auf denen sie basieren, oft kontextabhängig und sollten mit Vorsicht betrachtet werden – ebenso wie mögliche Gegen-Studien und Gegen-Empfehlungen. Jedenfalls existiert zu der WHO-Richtinie bereits eine Kritik von Badinter, die etwa meint, die sechs Monate bezögen sich auf Länder ohne ausreichende Versorgung mit sauberen Trinkwasser. Zudem bezweifeln mittlerweile manche Studien, dass Stillen tatsächlich präventiv gegen Allergien des Kindes wirke – einer der meist genannten Gründe fürs Stillen.

Demgemäß wurde die Stillempfehlung mancherorts mittlerweile um zwei Monate verkürzt, wie etwa dieser Artikel von 2010 erklärt: „‚Wenn möglich, sollte ein Baby (…) vier Monate ausschließlich gestillt werden‘, so DGGG-Generalsekretär Professor Klaus Vetter, Vivantes Klinikum Neukölln. Hartnäckig hält sich die Annahme, sechs Monate ausschließlich zu stillen, sei im Rahmen der Allergieprävention notwendig.‘ Neueste Empfehlungen lauten indes eindeutig: Säuglinge sollten bereits nach Vollendung des vierten Lebensmonats Beikost bekommen.“ Ein Beitrag des Ärzteblattes berichtet Anfang 2011 von einer weiteren Studie: „Britische Forscher haben die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO für eine mindestens sechsmonatige Stillzeit infrage gestellt. Zumindest in den Industriestaaten sollten Babys ab dem vierten Monat neben der Muttermilch Beikost erhalten, empfahl das Team um Mary Fewtrell vom University College London in einer am Freitag im British Medical Journal (BMJ 2011; 342:c5955) veröffentlichten Studie.“ Der (durchaus ebenfalls hinterfragenswerte) Trend scheint nun also hin zu vier Monaten zu gehen.

Nun noch zwei unterhaltsamere Texte, die ebenfalls über dieses Thema sprechen bzw. schreiben: Glücklichscheitern beschreibt, warum es sie nervt, ständig gefragt zu werden, weshalb sie nicht stillt. (Vor allem: es „geht einfach niemanden was an! genausowenig würde es jemanden was angehen, falls ich doch stillen würde“). Und die Rabenmutter hat zur Feier der Weltstillwoche ihren Text „Sau(g)stress“ veröffentlicht. („Können wir nicht einfach froh sein, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt und Babies auf alle Arten satt werden können? Das einzig Wichtige ist doch, zu sehen, wie dein Kind trinkt, friedlich einschläft und gedeiht. Egal, woher die Milch kommt.“)

(PS: und auch bei dem tollen neuen blog feministmum gibt es einen ausführlichen Text zu Stillen:  ‚Mein Busen gehört mir‚)

Milch (Bild: Milk Bottle von NickPiggott via flickr)

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5 Kommentare leave one →
  1. mutterschutzgebiet permalink
    Oktober 7, 2011 12:25 pm

    Ihr habt vollkommen Recht, stillen soll, wer stillen will (und kann).
    Allerdings habe ich häufig erlebt, dass Mütter gerne stillen würden und, durch falsche Beratung und veraltete Ansichten, nicht können, bzw. es nicht so lange können wie sie gerne wollten.
    Vielleicht ist auch das ein Aspekt der die ganze Stilldebatte so heftig werden lässt.

    Ich persönlich hoffe, dass die Weltstillwoche hilft mit alten Stillmärchen aufzuräumen!! Dieser „Nur alle vier Stunden“-Quatsch und „Davon bekommst du Hängebrüste“ und was nicht alles!!

  2. Oktober 7, 2011 3:56 pm

    ich sag ja immer, was heute aktueller stand der forschung ist, wird morgen umgekehrt! ich finde den ausspruch von rabenmutter toll. und wünsche mir – wie lisa ortgies in der ‚mom‘ (oder ‚mum‘?) – mehr lässigkeit. und toleranz für alles von nicht-stillen bis stillen bis der schulbus kommt!

  3. November 1, 2011 9:15 pm

    busen ist der platz zwischen den bruesten. und natuerlich gehoert der der frau. ebenso wie ihre brueste.
    wer stellt das in abrede?

  4. November 2, 2011 12:51 am

    abgesehn davon, das der vermeintliche „vorwurf“ an die nicht-stillenden muetter nur in deren kopf existiert (ja, natuerlich gibt es immer leute, die ueber das ziel hinausschiessen, aber fakten zu berichten ist einfach nicht dasselbe wie schuldzuweisung…), bin ich schlicht der meinung, das eine entscheidung eben auf genau diesen fakten basieren sollte.
    muttermilch ist die ernaehrung eines menschlichen saeuglings. nicht mehr, nicht weniger. jegliche ersatznahrung ist maengelbehaftet.
    unter umstaenden mag es keine alternative dazu geben, aber es ist eben trotzdem eine mangelhafte loesung.
    noch 2 links dazu:
    http://stillkinder.de/sprache.html
    http://www.afs-stillen.de/upload/faltblaetter/FB-2010-Keine_Vorteile.pdf

    man kann auch mit junk food leben (und es gibt sogar graduelle unterschiede in der qualitaet von junk food), aber wenn ich das nicht muss, dann ziehe ich doch richtiges essen vor.
    und das ist nur der ernaehrungsaspekt.
    die vorteile fuer die mutter sowie die emotionale ebene ist da noch garnicht drin…

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