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Väter verdienen zuviel … und alle arbeiten zuviel

Oktober 4, 2011

Felix Berth schreibt in der SZ über die Rollenaufteilung in heterosexuell lebenden Paaren, die nach der Geburt des ersten Kindes entgegen anderer Vorsätze fast immer traditionell wird. Berth führt dies nicht auf Geschlechterstereotype (etwa: ‚die Mutter ist besser fürs Kind‘) oder auf fehlende Kita-Plätze zurück, sondern vor allem auf die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen. Dabei verweist er – und das fand ich eine ganz interessante Umkehr – nicht wie üblich auf die Defizite bei arbeitenden Frauen, sondern auf die bei arbeitenden Männern: „Männer verdienen zuviel.“

Ein Ausschnitt: „Väter wollen nicht nur im Büro schuften, sondern auch ihr Kind aufwachsen sehen. Allerdings fehlt ihnen für eine anspruchsvolle Variante des Vaterseins vor allem eines: Zeit. Die verbringen sie meist im Büro. Nicht, weil sie das unbedingt möchten. Ihr Hauptproblem ist der Einkommensunterschied zwischen den Geschlechtern. (…) Selbst wenn man die Berufserfahrung, die Qualifikation und die unterschiedlichen Branchen von Männern und Frauen berücksichtigt, bleibt eine Lücke von mehr als zehn Prozent. (…) Dieses Faktum wird in Deutschland gerne so diskutiert, als sei es ein Gerechtigkeitsproblem. Es darf doch nicht sein, hört man dann, dass eine Frau bei gleicher Kompetenz zehn Prozent weniger verdient als ein Mann. Das stimmt, doch mindestens genauso problematisch ist der Einfluss, den ungleiche Gehälter auf Familien haben. Die Gehaltslücke ist der große Stabilisator des traditionellen Familienmodells. Solange sich hier nichts bewegt, ändert sich auch die Rollenverteilung nicht. (…) Dies ist das wichtigste Thema der deutschen Familienpolitik. Wer Männern eine andere Rolle in den Familien ermöglichen will, muss die Einkommen der Frauen verbessern.“

Das ist eine äußerst unterstützenswerte Position, denke ich. Dennoch glaube ich, dass sie etwas zu kurz greift. Vor allem sollte etwa auch die Forderung nach einer geringeren Arbeitsszeit für alle dazu gehören. Berth schreibt ja selbst, dass arbeitenden Männern besonders die Zeit fehlt – ich weiß nicht, ob alle Frauen bevorzugen würden, selbst Vollzeit zu arbeiten und dann eben umgekehrt kaum Zeit mehr für irgend etwas anderes als Lohnarbeit zu haben. Wäre nicht erstrebenswerter, wenn mehr Stellen existieren würden, auf denen man nicht ‚Vollzeit‘ arbeiten müsste, die aber dennoch genug Geld zum Leben abwerfen würden? Dann gäbe es zum einen mehr Arbeitsstellen, zum anderen hätten dann alle Leute (ob mit Kindern oder ohne) mehr ‚Freizeit‘. Ausserdem finde ich es etwas eindimensional, dieses Problem als „das wichtigste Thema der deutschen Familienpolitik“ zu bezeichnen. Schließlich betrifft dieses Problem vor allem meist weiße, heterosexuell lebende Personen mit deutschen Pass und akademischen Hintergrund – und damit keineswegs alle Personen, die von Familienpolitik betroffen sind.

arbeitende Männer (Bild von Kibbe Museum, Released 1944, 'A popular man aboard ship...', via flickr)

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5 Kommentare leave one →
  1. Oktober 4, 2011 10:48 am

    Abgesehen davon, dass längst nicht alle Eltern „im Büro“ arbeiten. Schon klar: Lange nicht jeder Bürojob ist total flexibel gestaltbar und top bezahlt. Doch gerade bei Nicht-Büro-Arbeitsplätzen ist „Vereinbarkeit“ nicht selten noch schwieriger – aus Gehaltsgründen und aus Zeitgestaltungsgründen. Die LKW-Fahrerin kann nicht auf halber Strecke den Truck rechts ranfahren und „mal früher schlussmachen“ oder der SB-Markt-Kassierer die Kundschaft stehen lassen. Und kaum eine Floristin könnte mit einem „familienfreundlichen“ Teilzeitjob diese Familie auch finanziell über Wasser halten. Die zahlreichen Erwerbstätigkeiten, die außerhalb (mal mehr, mal deutlich weniger kuscheliger) Büros stattfinden, finden in der medialen Vereinbarkeitsdebatte aber quasi gar keine Beachtung.

    • Oktober 4, 2011 12:31 pm

      Teilzeit heißt ja nicht unbedingt halbtags. Die LKW-Fahrerin könnte ja z.B. Montags bis Mittwochs arbeiten, ihr Mann, der SB-Markt-Kassierer Donnerstags bis Samstags. Sonntag ist Familientag, Montag bis Mittwoch sind Papatage, Donnerstag bis Samstag sind Mamatage.

      Das Problem ist da natürlich der Verdienst – in einer teuren Großstadt kann man mit diesen Berufen nur schwer seine Familie über Wasser halten. Wenn jetzt Papa und Mama wirklich flexible Arbeitgeber haben, dürfen sie ja vielleicht an den Papa- bzw. Mamatagen kürzer arbeiten wenn das Kind in der Kita oder im Kindergarten ist … Mama hilft im Büro, Papa füllt Regale auf. Oder könnten in der Zeit einen kleinen Nebenjob machen.

      Möglich wäre glaube ich mehr als viele es machen. Oder sich trauen. Aber ich bin im Gründe meines Herzens vermutlich doch ein Optimist (sonst wäre ich nicht Mutter geworden).

      In meinem Büro-Beruf (IT) sollte es jedenfalls machbar sein. Ich habe auch Kollegen die regelmäßig Homeoffice machen, mittags die Kinder vom Kindergarten abholen, einen Tag die Woche nicht arbeiten etc. Aber grau ist alle Theorie, im Januar kommt für mich die Praxis. Bei meinem Mann ist es keine Theorie mehr – er arbeitet halbtags, macht Elternzeit halbtags (das dafür länger bis zum Frühling).

  2. Oktober 4, 2011 11:06 am

    P.S. Ich gehe total d’accord mit der grundsätzlichen Forderung des Autors und mit dem Protest gegen die Individualisierung des Problems, aber das Zahlenbeispiel in Berths an sich ja interessantem Artikel ist bezeichnend: „Wenn der Mann 3000 Euro verdient, die Frau aber nur 2500, dann ist die Frage, wer seine Arbeit zugunsten der Familie zurückschraubt, schnell beantwortet: Es ist die Frau. „Wir können es uns nicht leisten, dass ich meine Arbeitszeit reduziere“, sagen die Männer dann – und das blöde daran ist, es stimmt leider oft.“ – OK, der Fairness halber: Ich weiß nicht, ob Berth hier brutto oder netto durchspielt, und sicherlich sind 3000 Euro brutto jetzt nicht unbedingt so viel, dass eine – zumal größere – Familie davon Reichtümer anhäufen kann. Aber es gibt halt auch echt massenhaft Familien, die mit deutlich weniger klarkommen (müssen). Und bei solchen Zahlen wie in dem Beispiel nähert mensch sich durchaus dem Bereich, wo „nicht leisten können“ und „nicht leisten wollen“ in einander übergehen…

  3. Oktober 4, 2011 9:11 pm

    @Helena: Ich bin auch total überzeugt, dass viel viel mehr geht, als aktuell oft praktiziert wird. Mir ging es nur darum, dass in medialen Vereinbarkeitsdiskursen das sprichwörtliche Büro andauernd zitiert wird und andere Formen der Erwerbstätigkeit anscheinend gar nicht wirklich mitgedacht werden. Was ja auch naheliegt, denn die Leute, die gemeinhin über diese Dinge schreiben, sitzen selbst überwiegend in Büros. Ich finde es aber bedenklich (und das wird oben im Blogartikel ja auch angesprochen), wenn dadurch – gern auch im Zusammenspiel mit zentralen Begrifflichkeiten wie Karriere, Führungskräfte, Weiterkommen etc., als wäre Vereinbarkeit nicht ein Problem, dass Menschen auch jenseits von bestimmten Ambitionen und Notwendigkeiten haben – der Eindruck verstärkt wird, dass es sich bei diesen Vereinbarungsdebatten oftmals vor allem um Klientelpolitik für gewisse Bevölkerungsgruppen handelt. Das alles find ich im oben zitierten Artikel auch gar nicht sonderlich krasser als anderswo, es ist mir nur hier halt auch wieder sehr ins Auge gefallen. Daher die vielen Worte 🙂

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  1. 32 Stunden Vollzeit « fuckermothers

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