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Zwei Mütter, ein Kind: Interview Part III

September 23, 2011

Ein Interview mit einer so genannten ‘Regenbogenfamilie’, bestehend aus den Müttern Barbara und Bea und ihrem 7 jährigen Sohn Lukas (alle Namen geändert); Das Interview entstand 2005 im Rahmen eines Projekts zu queeren Familien und wird in drei Teilen veröffentlicht (hier der erste und der zweite Teil). Nun letzte Teil:

Bezieht Ihr den sozialen Vater mit in die Erziehung ein?

Barbara: Jein. Wenn es sich ergibt. Wir haben die Kindergärtnerin zusammen ausgesucht.

Bea: Oder auch die Schule. Da interessiert er sich schon und wir diskutierten auch darüber. Letztlich ist klar, dass wir das endgültig entscheiden.

Brauchen Kinder einen Vater?

Barbara: Ich habe bei vielen Kindern festgestellt, dass die, die keinen leiblichen Vater haben – oder keinen Kontakt zu ihm haben – sich irgendjemand suchen. Etwa den Onkel oder den neuen Freund der Mutter. Denn die Gesellschaft besteht nun mal aus Männern und Frauen, und der Papa ist eine Figur in unserem Leben. Ob das der leibliche Vater ist, ist aber nicht der wichtige Punkt, für unsere Identität brauchen wir keine leibliche Elternfigur, keine Blutsverwandtschaft – wir brauchen jemanden, den wir uns als Vorbild nehmen können. Ich finde die Gene zu hoch bewertet, denn wir leben ja auch in sozialen Verhältnissen. Das merke ich an Bea und Lukas. Denn Lukas hat viele Dinge von Bea, das Lachen zum Beispiel, oder bestimmte Bewegungen. Und da kann mir keiner erzählen, dass er die nicht haben kann, weil er nicht leiblich mit ihr verwandt ist. Die beiden leben miteinander, und zwar sehr intensiv – eigentlich seit der ersten Sekunde seiner Entstehung.

Bea: Lukas weiß auch, dass Peter nicht sein leiblicher Vater ist, mittlerweile hat er auch Kontakt zu seinem Erzeuger.

Glaubt ihr, dass es Vorteile gibt, so wie ihr lebt, im Gegensatz zu traditionellen Hetero-Familien?

Barbara: Tausende. (Lacht) Doch, natürlich. Ich habe mal eine Untersuchung gelesen, dass Kinder aus anderen Verhältnissen – so nenne ich das jetzt mal ganz pauschal – später sozial flexibler und kompetenter sind. Weil sie lernen, mehrschichtig zu denken.

Bea: Nicht so schwarz-weiß, Mann-Frau, Papa-Mama-Kind und so weiter. Du setzt Dich als Kind einfach mit mehr Sachen auseinander, erweiterst Deinen Horizont, stößt an Grenzen. Und ich glaube, dass das Kinder stärkt.

Barbara: Aber es gibt einen Punkt in diesen empirischen Untersuchungen, der mich unglaublich stört. Und zwar die Frage: Werden Kinder homosexueller Eltern homo- oder heterosexuell? Und die Angst ist, dass die Kinder später selber homosexuell werden. Plötzlich muss ich darauf achten, dass mein Kind nicht eher homosexuell wird, als andere Kinder. Ich persönlich bezeichne mich als bisexuell und möchte so leben, wie ich will – nicht dieses oder jenes. Lesben sind nicht die besseren Menschen und Heteros ebenso wenig. Aber wenn es dann in Untersuchungen darum geht, dass Kinder aus homosexuellen Familien doch häufiger in der Pubertät homosexuelle Kontakte haben – was dann als negativer Punkt aufgeführt ist – da bin ich dann wieder doch mehr Lesbe und denke: Ja Gott sei Dank. Denn so haben die doch eher die Chance, beides auszuprobieren und müssen nicht ständig Scheuklappen tragen. Später kann mir Lukas anschleppen, wen auch immer er will. Wahrscheinlich werde ich die sowieso alle erstmal doof finden – die sind dann ja schließlich in der Pubertät, genauso wie er. (Lacht)

Hat Lukas dann eigentlich gar nicht so sehr solche Kategorien im Kopf…

Barbara: Junge oder Mädchen-Kategorien?

Nein, die wahrscheinlich schon. Aber Homo oder Hetero?

Barbara: Nein, darauf achtet er überhaupt nicht.

Das könnte dann ja auch ein Vorteil sein.

Barbara: Ja, da muss ich Bea auch Recht geben. Lukas bekommt eine breite Fächerung mit, erfährt mehr von all den Möglichkeiten, die es im Leben gibt. Es ist bei uns nicht so wie in meiner Kindheit und Jugend, in der mir alles zu engstirnig, zu eng gedacht war – und zwar in jeder Hinsicht, ob nun in den damaligen Liebens- und Lebensdingen oder in den politischen Verhältnissen. Und unabhängig von der Art Beziehung, in der ich lebe – ob nun Homo oder Hetero – macht das meine Identität vor allem aus: nämlich dass ich bestimmte Vorstellungen habe von – ja, von Freiheit, irgendwie.

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