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Feminismus vs Mutterschaft I: Simone de Beauvoir zu Sklaverei

September 19, 2011

Feminismus und Mutterschaft hatten ein wechselhaftes Verhältnis. Viele Feministinnen der ersten Welle (vor dem Frauenwahlrecht) reklamierten Mutterschaft für sich, um so die vermeintlich höhere moralische Qualität von Frauen zu behaupten und damit gesellschaftliche Teilhabe einzufordern. Während auch in der zweiten Welle (ca. ab den 1960ern) Mutterschaft oft als zentraler Bestandteil von Weiblichkeit betrachtet wurde, vollzog sich mit der dritten Welle (ca. ab den 1990ern) und der Dekonstruktion von Geschlecht eine Abkehr von diesem Thema.

Auf dem Blog sollen jetzt in loser Reihenfolge immer Mal wieder verschiedene Aussagen einzelner Feministinnen zu Mutterschaft vorgestellt werden. Diesmal: Simone de Beauvoir, die sich – wie so viele – eigentlich keiner ‚Welle‘ zuordnen lässt: Ihr Hauptwerk ‚Das andere Geschlecht‘ erschien in Frankreich 1949, sie wurde jedoch dann vor allem ab den späten 1960er Jahren verstärkt rezipiert. Im Spiegel gab sie Alice Schwarzer 1976 ein einflußreiches Interview mit dem Titel ‚Das Ewig Weibliche ist eine Lüge‚, wo sie sich auch zu Mutterschaft äußerte:

„Ich glaube, eine Frau sollte sich vor der Falle der Mutterschaft und der Heirat hüten! Selbst wenn sie gern ein Kind hätte, muß sie sich gut überlegen, unter welchen Umständen sie es aufziehen müßte: Mutterschaft ist heute eine wahre Sklaverei. Väter und Gesellschaft lassen die Frauen mit der Verantwortung für die Kinder ziemlich allein. Die Frauen sind es, die aussetzen, wenn ein Kleinkind da ist. Frauen nehmen Urlaub, wenn das Kind die Masern hat. Frauen müssen hetzen, weil es nicht genug Krippen gibt (…) Und wenn Frauen trotz alledem ein Kind wollen, sollten sie es bekommen, ohne zu heiraten. Denn die Ehe, das ist die größte Falle.“

Beauvoir definierte Mutterschaft also als Gegenteil zum Feminismus und war so für die weitere Bezugnahme auf das Thema wohl eher abträglich. Gleichzeitig beschrieb sie eine Situation, die sich (zumindest im ersten Teil des Zitats) auch in den letzten 35 Jahren (zumindest in deutschsprachigen Ländern) kaum veränderte.

Simone de Beauvoir à la Bastille by zio fabio (via flickr)

Simone de Beauvoir à la Bastille by zio fabio (via flickr)

Wie Rebekkah Habermas etwa erläutert, wird Beauvoir zum so genannten „Unterdrückungsansatz“ in der feministischen Theorie gezählt, da sie davon ausgeht, dass Frauen auf Grund ihres gebärfähigen Körpers immer und überall von Männern unterdrückt wurden. Dieser Ansatz wurde vor allem ab den 1980ern verstärkt kritisiert, weil er Frauen als Opfer festschreibt, patriarchale Kulturen als ahistorisch konzeptionalisiert und von einem zweigeschlechtlichen und unveränderlichen Körper ausgeht. (Dazu: Habermas, R. (2002). Frauen- und Geschlechtergeschichte. In J. Eibach & G. Lottes (Hrsg.), Kompass der Geschichtswissenschaft: Ein Handbuch (S. 231–245). Göttingen: UTB.)

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