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Milf ist ein echt blöder Begriff

September 8, 2011

… finde ich. Es handelt sich dabei, wie ich erst kürzlich gelernt habe, um eine Bezeichnung für sexuell attraktive Mütter. Gemäß der wikipedia-Geschichtsschreibung tauchte sie das erste Mal im Film American Pie auf, prägte ein eigenes Genre des Pornofilms, schrieb sich auch sonst in die Annalen der Popkultur (und deren Kaffeetassen und T-Shirts) ein und dient neuerdings etwa als Titel des Blogs milfs gegen merkel.

Die Abkürzung ‚Milf‘ steht für „Mom I’d Like to Fuck“, also „Mutter, die ich gerne ficken würde.“ Fragt sich nur, wer dieses ‚Ich‘ sein soll – als Selbstbezeichnung taugt der Name schon allein deswegen nicht. (Ausser um Narzissmus der Selbstbezeichnerin zu beschreiben, was schon wieder interessant wäre und zumindest eine Körper-positive und selbst-akzeptierende Haltung ausdrücken würde.) Andere Frauen bzw. nicht-männliche Personen sind mit dem ‚Ich‘ wohl auch offiziell nicht gemeint. (Obwohl das ein ebenfalls interessantes Queering sein könnte.) Das ‚Ich‘ bezeichnet also höchstwahrscheinlich wieder die übliche unmarkierte Subjektposition des heterosexuellen Mannes, der auf das ‚Objekt‘ Frau schaut und die Macht hat, über deren Fickbarkeit zu urteilen. Und natürlich wird die Mutter in dieser Bezeichnung auch passiv ‚gefucked‘ anstatt ebensolches aktiv zu tun.

So wünschenswert es ist, dass alte Stereotype von der Frau zwischen sexloser ‚Heiliger‘ (aka altes Mutterideal) und hypersexualisierter ‚Hure‘ aufgelöst werden, so problematisch ist es, wenn dominante Normen von Attraktivität, Schlankheit und konventioneller ‚Sexyness‘ nun einfach auch auf Mütter übertragen werden – beziehungsweise sowieso nur auf bestimmte Mütter, die sich z.B. in einer ökonomisch guten Situation befinden oder ‚able-bodied‘ sind.

Auch Kathleen Furin beschäftigt sich in ihrem Artikel ‚MILF – Is the „hot moms movement“ a sign of progress?‘ auf der mothersmovement-Seite mit der Problematik. Sie schließt folgendermaßen „The rise of the hot moms‘ movement and the diversity of voices insisting that every woman has a right to define the meaning of motherhood for herself can only be a positive thing. But maybe being a mother does mean sitting at the kids‘ table for a while. When we can do that, ‚hot‘ or not, and still be respected as full members of society, then things will have changed for real.“

Nunja. Ich habe dann noch nach möglichen Alternativen Abkürzungen zu ‚MILF‘ gesucht und dabei gemerkt, dass man das ‚Ich‘ bzw. ‚I‘ im Wort aber auch aus ganz pragmatischen Gründen benötigt: es fehlen sonst Vokale. Etwas, das die Subjektivität und Aktivität der Mom betont, wie zum Beipiel: ‚mom that likes to fuck‘ (MLF, hey, oder MoLF?) oder, noch besser: ‚mom that sometimes wants to fuck and sometimes not‘ (MTSWFASN) wäre irgendwie schwer auszusprechen.

(PS: Maike von Wegen, Gründerin von ‚milfs gegen merkel‘ sowie Autorin von ‚Mutterseelenalleinerziehend‘ hat bereits einen  lesenswerten wie unterhaltsamen Text zum Thema geschrieben: ‚M.I.L.F.: Die Mutter als Spielzeug‚ – Siehe auch ihren Kommentar hier.)

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9 Kommentare leave one →
  1. September 8, 2011 3:11 pm

    Haha! Diese Auseinandersetzung gefällt mir sehr. Als Gründerin der Initiative MILFs gegen Merkel habe ich mir selbstverständlich auch Gedanken über das I in MILF gemacht.
    Sollte ich es durch ein Y ersetzen war der erste Gedanke und der zweite war: Nein! Ich bin eine Mutter, die ICH auf der Stelle f*ck** würde.
    In allererste Linie ist diese Aktion aber Satire und Wahlkampf für DIE PARTEI.
    Satire sollte man nicht erklären müssen.

    Unter diesem mir sehr angenehmen Artikel fühle ich mich aber dazu angehalten, eine ernsthafte Position zu beziehen. Die muss lauten:
    Ich stehe ein für einen selbstbewussten , -verständlichen und -bestimmten Umgang mit sich und seiner Umwelt. Ich bin gegen jegliche Ausbeutung und Gewalt.
    Ich benutze den populistischen Begriff der MILF, aber ich bin vor allem eine Frau.

    Reinster Populismus an der Grenze des guten Geschmacks.
    Nichts weiter.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Maike von Wegen

  2. September 8, 2011 4:25 pm

    Liebe Maike von Wegen,
    ja, das mit der Satire und dem reinsten „Populismus an der Grenze des guten Geschmacks“ hatte ich auch schon so verstanden und finde den Milf-Begriff bei dem Blog – beziehungsweise wenn man weiß, wie Du ihn für Dich definierst – dann schon wieder quasi eine Art ’subversive Aneignung.‘ Ich persönlich fände aber irgendwie trotzdem gut, wenn er ganz allgemein (jenseits von dem blog) nicht soviel verwendet wird. Auf die gute Idee des Y-Einsetzens kam ich bei meinen ganzen Satzneuzusammensetzungsversuchen gar nicht…
    Ich denke zudem, dass Dein Milf-Blog definitiv in eine andere Richtung als die meisten Mainstream-Milfs gehen – hatte dann beim Schreiben obigen Textes aber das Gefühl, die Milf-Problematik wäre ohne das nennen des Blogs unvollständig – weil er grade was neues ist und auch, weil er mich erst dazu animiert hatte, das Wort überhaupt mal zu googeln.
    Ganz liebe Grüsse!

  3. September 8, 2011 11:14 pm

    Ich persönlich bevorzuge „yummy mummy“. Besonders, wenn ich in der dritten Person Einzahl von mir selbst spreche.

  4. September 9, 2011 10:28 am

    Ich respektiere jedes Menschen Selbstbezeichnung (ok, oder versuche besser gesagt, darauf zu achten, dass ich es tue). Ich persönlich würde es allerdings bevorzugen, wenn endlich mal aufgehört werden könnte, Frauen in Kategorien einzusortieren – zumal im Hinblick auf ihren vermeintlichen sexuellen „Nutzwert“. Ich finde auch diese Einteilung in Frauen und Mütter ganz furchtbar, also, in erotischer/sexueller/attraktivitätsbezogener etc. Hinsicht jetzt. Was soll denn das?! Damit wird davon ausgegangen, dass Frauen, die Mütter werden/sind, quasi automatisch aus dem Pool der erotisch Interessierten und Interessanten rausfallen – es sei denn, sie kriegen so ein schmieriges Gütesiegel aufgeklebt, das vor allem dem kommerzialisierten, heteromännlichen Blick genüge tut.
    Ansonsten: alles, was oben im Artikel steht.

  5. Elisabeth permalink
    September 10, 2011 1:09 pm

    Ich stimme völlig mit Anna-Sarah Hennig überein. Mir geht der Begriff MILF völlig gegen den Strich, und ich kann es auch nicht nachvollziehen, wie du, Maike von Wegen, _gerade_ nach deinem so eindrücklichen MILF-Artikel diesen Begriff in Verbindung mit der PARTEI in einen Kontext stellst, der mir völlig konstruiert und abwegig erscheint, Ironie hin oder her – die Verwendung des Begriffs in diesem Zusammenhang ändert nichts daran, dass damit eine Frau nach ihrem sexuellen Nutzen beurteilt wird, er ist und bleibt also sexistisch. Nur weil ein sexistischer Begriff ironisch verwendet wird, wird er nicht weniger sexistisch. Hierzu auch der Beitrag „Retro Sexism and Uber Ironic Advertising“ von feministfrequency: http://www.youtube.com/watch?v=PD0Faha2gow&feature=player_embedded

  6. ich bins permalink
    Dezember 31, 2011 11:30 am

    Ein noch nicht so beleutetes Problem hier ist – finde ich – daß es bei der Zuschreibung, die wegen ihrem Eingang in die Pornoindustrie m.E. sowieso „verbrannt“(1) ist für progressive Nutzung, nicht nur kein weibliches Ich gibt (jedenfalls kein vorgesehenes), sondern daß die Zuschreibung doch eine rein körperliche Wertung ist.

    Noch mal einfacher gesagt: Der Ausdruck sagt, eine Frau sei irgendwie attraktiv, „hot“ oder so. Dabei gelten natürlich alle miesen geschellschaftliche Maßstäbe daran weiter, die „American Pie“ pupertären männlichen Mythen wie Sex-Ausgehungert, großbusig und ne kuschelige Miutterfigur sein, so wie die eigene Mami UND noch die „normalen“ gämgigen Schönheitsideale.

    Zum Pornomythos: Dort ist the Milf durchgehend bescheuert und wird ausgenutzt (oft ist dabei der unischtbare oder nach-hause-kommende Mann noch irgendwie in die Story eingebaut) Ok, das gilt für viele Pornofrauenfiguren, aber hier ist es im Genere angelegt. Ein erstrebenswertes Ideal?

    Da sind wir mit MTSWFASN gleich viel weiter, relevant ist doch nicht ob irgendwer die Frau toll findet, sondern was sie selbst findet!

    sez ich

  7. pornosüchtige feministin permalink
    Januar 6, 2012 3:12 pm

    Natürlich habt Ihr alle recht. Aber ein wichtiger und verhältnismässig interessanter (und nicht völlig unqueerer..) Aspekt von MILF-Porn ist das Verhältnis der beiden Personen. Der „ich“ ist oft ein junger Mann, auf manchen Seiten explizit ein Freund des Sohnes, oft etwas „aufgeregt“ und nicht immer so der volldoofe Presslufthammerficker, manchmal ganz sanft. MILF ist zwar eine Kategorie, die meist der sehr klassischen, amerikanisch-busenzentrierten Hochglanzästhetik folgt, aber bei den Verführungs- und Objekt-Subjekt-Rollen gibt es eine gewisse Varianz: Manchmal ist sie die geile, dominante Mutter, die ihn drängt, manchmal ist es zärtlich und romantisch und manchmal ist er der, der sie drängt und sie ziert sich anfangs. Allein durch den Generationenunterschied hat sie eine andere Position als der Typ „Teenie“.

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