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Elisabeth Badinter zu Mutterliebe und Stillen

Juli 12, 2011

Aus Zeitgründen hier teilweise das Repost eines älteren Texts. Also Entschuldigung für diejenigen, die das Post bzw. das relativ bekannte Interview mit Badinter bereits gelesen haben, für alle anderen: enjoy.

Die französische Philosophion und Historikerin Elisabeth Badinter hat bereits mehrere Werk zu Mutterschaft und Stillen veröffentlicht, der berühmteste von ihnen ist sicherlich das bereits 1980 erschienene Buch Die Mutterliebe: Geschichte eines Gefühls vom 17. Jahrhundert bis heute. In ihrem Aufsatz Pflicht-Gefühl (der hier als pdf runtergeladen werden kann) fasst Claudia Opitz einige zentrale Punkte folgender Maßen zusammen:

„Darin argumentierte Badinter u. a., daß es sich bei der »Mutterliebe«,  d. h. der in unserer Epoche und unserem Kulturkreis als natürlich empfundenen engen  Mutter-Kind-Bindung, um eine gewissermaßen von der Aufklärung seit Rousseau »erfundene« und propagierte Empfindung handle, die im wesentlichen zur Unterdrückung emanzipatorischer Impulse von Frauen und gegen deren Subjektwerdung genutzt  worden sei und auch so gewirkt habe. Ausgehend von Pariser Polizeiberichten aus dem  18. Jahrhundert, aus denen eine aus unserer Sicht exorbitante Vernachlässigung (mit Todesfolge) von Kindern aller Schichten hervorgeht, und gestützt auf diverse Niederschläge des aufklärerischen Diskurses versuchte Badinter in ihrer Studie ein Problembewußtsein dafür herzustellen, daß die Mutter-Kind-Beziehung nicht immer so eng war, wie sie heute ist oder doch wenigstens sein sollte, und insgesamt im Zusammenhang mit mütterlichen Gefühlen und Verhaltensweisen nicht allzu rasch mit Begriffen wie »Instinkt« oder »Natur« operiert werden sollte.“

Im August 2010 erschien ihr neustes Buch Der Konflikt: Die Frau und die Mutter, zu dem sie auch ein Interview auf Spiegel Online gegeben hat. Darin schildert sie den von ihr wahrgenommenen „Rückfall in längst überwundene Zeiten“, bei denen das Kind nun als König fungiert, dem die Frau sich voll zu unterwerfen hat. Sie beschreibt die dahinterstehende Vorstellungen bei vielen Müttern folgendermaßen: „wenn ich mich schon ganz und gar dem Kind widme, dann soll es auch ein möglichst perfektes Kind werden: optimal gefördert, intelligent, ausgeglichen, naturverbunden.“ Dazu gehört auch die Annahme, möglichst lange stillen zu müssen.

Einige kurze Auszüge auf dem Interview:

„SPIEGEL: Was ist so schlimm am Stillen?

Badinter: Überhaupt nichts, aber ich glaube, es gibt kaum eine intimere und persönlichere Entscheidung. Wenn eine Frau das möchte, wunderbar, wenn sie es nicht möchte, auch gut. Das geht Politiker gar nichts an. Frankreich aber hat die Direktiven der Weltgesundheitsorganisation übernommen, die da heißen: Sechs Monate sollte das Kind ausschließlich gestillt werden, nach Möglichkeit dann noch weitere zwölf Monate mit ergänzender Nahrung. Diese Leitlinien sind sinnvoll für Entwicklungsländer, in denen man traurige Erfahrungen mit Milchpulver und verseuchtem Wasser gemacht hat. Warum aber in Gottes Namen muss man sie auch auf Pariserinnen und Berlinerinnen anwenden? Das katapultiert uns zurück in die Zeit unserer Großmütter.

SPIEGEL: Sie empfinden schon die Empfehlung zu stillen als Rückschritt für die Emanzipation der Frau?

Badinter: Noch mal, ich finde es wunderbar, wenn sich eine Frau dafür entscheidet. Aber das sollte freiwillig geschehen. Ich beobachte hier in Frankreich seit einigen Jahren mit großer Sorge eine Bewegung, die ein Zurück zur Natur einfordert und sich dabei als Avantgarde der Moderne empfindet. Frauen sollten ohne Peridural-Anästhesie entbinden, so lange wie möglich bei ihrem Baby bleiben, das ist gut für das Mutter-Kind-Bonding. Sie sollten das Kind stillen, das bewahrt es vor Allergien, Asthma und die Mutter selbst vor Brustkrebs. Sie sollten waschbare Windeln benutzen, das ist besser für die Umwelt. Unsere Umweltministerin hat vor zwei Jahren ernsthaft vorgeschlagen, eine Steuer auf Wegwerfwindeln einzuführen.“

 

(PS: Antje Schrupp hat eine sehr ausführliche und intelligente Kritik Badinters neuerem Buch ‚Konflikt‘ verfasst: ‚Die Vielfalt weiblicher Lebensentwürfe‚)

7 Kommentare leave one →
  1. Juli 12, 2011 12:45 pm

    schrecklich, diese diskussionen ums stillen. trägt fast die züge eines glaubenskrieges, da gibt es auch keine ein- und nachsichtigen.

    die diskussion lebt immer vom eigenen erleben. wer sein kind mit genuss gestillt hat, wird dafür plädieren. wer nicht, der sieht es anders. es ist eine ganz persönliche frage und ich habe so meine zweifel mit einer philosophischen und emanzipatorischen annäherung. ich habe ganz einfach gestillt, das zweite kind stille ich mit fast zwei jahren immer noch ein wenig – und ich genieße es. das kind genießt es. ob das nun gut, schlecht, akzeptiert, unemanzipiert, instinktiv, naturalistisch, WHO-konform oder gesund ist, spielt keine rolle. wir stillen einfach. obwohl in berlin (merkwürdiger regionaler ansatz im interview.).
    arbeiten gehe ich trotzdem und den halben haushalt schmeißt der freund. geht auch mit altmodischem stillen.

    • Juli 14, 2011 9:09 am

      … ja, mit dem glaubenskrieg hast du sehr recht! Ich bin nur unsicher, ob die diskussion tatsächlich in erster linie vom eigenen erleben lebt – in einzelgesprächen und im persönlichen bereich wahrscheinlich schon.
      Insgesamt denke ich aber, dass es sich auch um ein gesellschaftlich (und so auch politisches) Thema handelt und dass es sich lohnen kann, sich damit auseinanderzusetzen. Ich muss aber auch dazu sagen, dass ich mich wissenschaftlich mit Ratgeberliteratur beschäftige.🙂 Und in dieser ist ein eindeutiger Pro-Stillen-Bias, der ja auch gern mit (wenn man genau hinschaut äußerst widersprüchlichen) Studienergebnissen untermauert wird (‚ungestillte Kinder bekommen mehr Allergien‘, etc.), da ist dann Stillen die Norm und Nicht-Stillen eine Abweichung. Zudem ist es ja leider keineswegs bei allen Jobs möglich, dort zu stillen, was dann bei manchen Eltern auch die klassische Rollenaufteilung verstärken kann.
      Gleichzeitig will ich aber auch gar nicht gegen Stillen argumentieren oder behaupten, es sei altmodisch (so richtig alt isses ja sogar nach Badinters eigener Analyse auch gar nicht, erst Ende des 18. Jhs fangen die bürgrlichen Mütter damit an :)).
      Ich denke, Wahlfreiheit und individueller Gestaltungsspielraum sind wichtig. Euer ‚Berliner-Modell‘ (echt komischer regionaler Zusatz im Interview) jedenfalls hört sich unaufgeregt entspannt und toll an!

      • Juli 14, 2011 8:48 pm

        das stimmt natürlich, man kann sich auch wissenschaftlich und soziologisch und historisch mit stillen auseinandersetzen. nur so als kleine anmerkung: bei still-ratgebern muss man natürlich davon ausgehen, dass die „pro“ eingestellt sind😉 und deine erkenntnis ist sicher richtig: stillen ist heute das verordnete mittel der wahl.
        ich weiß nicht, wie es in der reinen fachliteratur aussieht. natürlich werden auch ungestillte kinder groß, ob sie es nun deshalb benachteiligt sind, wird sich schwer feststellen lassen. ich kann diese diskussion auch nur emotional und vom eigenen erleben führen, da gebe ich meine befangenheit zu😉

  2. Juli 14, 2011 8:39 am

    erica jong hat auch grade, ich glaube im wall street journal, einen grauenhaft dummen artikel veroeffentlicht, wo sie behauptet (ueberspitzt), das frauen keinen sex wollen und deswegen attachment parenting toll finden, das haelt die maenner auf distanz. oder irgendeinen aehnlich bloeden sums.
    auch bei badinter schwebt das „fuer den mann verfuegbar sein“ ueber der ganzen sache, finde ich.
    und wenn das die alternativen sind (mann versorgen/kinder versorgen), dann bin ich zumindest lieber fuer meine kinder verfuegbar.

    leute wie badinter und jong liegen bei mir in der „self-hating“ schublade und koennen dort gerne verschimmeln.

    • Juli 14, 2011 9:19 am

      hm, also ich mag badinter und möchte nicht, dass sie verschimmelt😉 Aber das ist natürlich geschmacks- und einstellungssache… Jedenfalls interessant, was Du schreibst – in ihren Texten habe ich das ‚für den mann verfuegbar sein‘ bzw. ‚die alternativen mann versus kind‘ gar nicht so rausgelesen. Wenn überhaupt habe ich darin ein ‚für sich selbst verfügbar‘ bleiben gesehen und als pladoyer dafür, dass man/ frau vorsicht bei ’naturerzählungen‘ lassen walten sollte.
      (PS: mammal, ich hatte dir auch eine Mail geschrieben, die aber zurückgekommen ist, wie ich grade gesehen habe: ich hab einen teil von deinem kommentar gelöscht, weil wir hier eine policy gegen alle Aussagen haben, die in die nationalistische und rassistische etc. Richtung gehen. Umformuliert-neutraler kannst Du es aber natürlich noch einmal schreiben.)

  3. Juli 15, 2011 11:07 am

    „Wenn eine Frau das möchte, wunderbar, wenn sie es nicht möchte, auch gut. Das geht Politiker gar nichts an.“
    […]
    „Frankreich aber hat die Direktiven der Weltgesundheitsorganisation übernommen, die da heißen: Sechs Monate sollte das Kind ausschließlich gestillt werden, nach Möglichkeit dann noch weitere zwölf Monate mit ergänzender Nahrung.“

    Die Grenzen zwischen Empfehlen -> politisch erwünscht -> gesellschaftlich erwünscht -> sozialer Druck -> ‚Freiwillige‘ Entscheidung? sind fließend.

    Privatheit ist eine Herausforderung. Einerseits muss man im Bereich der Privatheit seine persönlichen Entscheidungen treffen (als Mutter für sich und das Kind). Man trägt Verantwortung. Andererseits wird die Nutzung der Privathoheit auch heute noch (und durch virtuelle Netzwerke eventuell wieder verstärkt) sozial kontrolliert. Man wird also auch im Privatverhalten an den sozial gültigen Maßstäben (der jeweiligen Zeit/Gesellschaftsstruktur) gemessen. Neben der Verantwortung steht man (je nach Sozialstruktur des Umfelds, der persönlichen sozialen Nische, der Lebensbereiche, etc. mehr oder weniger) auch sozial auf dem Prüfstand. Das betrifft den Menschen vielleicht stärker in den Rollen, auf die besondere gesellschaftliche Aufmerksamkeit gerichtet ist. Dies sind heute u.a. Mütter und Kinder. Das Kind wird teilweise gesellschaftlich nicht als Kind betrachtet, sondern als „gesellschaftsrelevantes Objekt“, dessen Entwicklung begutachtet werden muss.
    Eine Sorge um das Wohl der Kinder gibt es in allen Gesellschaftsformen. Wenn sie wirklich am Kindeswohl orientiert ist, ist sie auch sehr zu begrüßen. Aber eine Objektivierung des Kindes als „gesellschaftlicher Fetisch“ kann dazu führen, dass Mütter zwischen den sozialen Ansprüchen (in einer eventuell widersprüchlichen Vielzahl) und ihrer persönlichen Situation (als vielfach sozial eingebundener Mensch) in einen gesellschaftlichen Erwartungs- und Beeinflussungs-Druck geraten. Hier wäre eine Betonung des Humanismus und eine Subjektivierung der Debatte wichtig, um Mütter wieder zuallererst als Menschen (mit Sorgen, Stärken und Grenzen) zu sehen. Nicht als reine soziale Funktions-Rolle, die immer und möglichst erfolgreich das umzusetzen hat, was die neuesten „besten Absichten“ der Gesellschafts-Ideen oftmals direkt als Erwartungshaltungen aufbauen und sozial kommunizieren.

    Die Schlussfolgerung ist vielleicht irgendwo zwischen den folgenden Vorschlägen angesiedelt (allerdings nicht pathetisch, sondern eher relativierend-entkrampfend gemeint):
    ‚Bewahrt so gut es geht ein wenig die Privatsphäre (bzw. Gelassenheit) vor den („harten“ oder „weichen“) Vorgaben des häufig wechselnden „So muss es (heute) gemacht werden“‚ und
    ‚Schützt die Menschen vor den überzogenen Erwartungshaltungen an eine angeblich „freie“ bzw. gänzlich dem Menschen unterstehende Handlungs-Autonomie‘.

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