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…ist grad schlecht

Juli 9, 2011

Eine weitere Geschichte der Autorin Unter den Haaren:

Ich sage zu meinem Mann. „Es tut mir leid, aber einer muss ja das Geld verdienen. Ich hab den besseren Abschluss und Brüste, also ich. Tut mir leid“.

Der hat in letzter Zeit vielleicht schlechte Laune. Immer wenn ich von der Arbeit komme heult der mir die Ohren voll. Ich kann ihn aber nur schlecht verstehen, weil die Kinder heulen mir auch die Ohren voll. Ich kann mir das Elend nicht mehr länger mit ansehen. Das heißt, ich gucke es mir kürzer an. Ich bleib ein bisschen länger bei der Arbeit. Da ruft der mich ständig an. Der Vater war gemein, das Kind war gemein, der Erzieher war gemein. „Ja“, sage ich, „das klingt echt blöd“. Ich hör aber nicht hin. Um Gottes Willen. Das ist ja auch total uninteressant. Was die da so haben: Männerkram. „Ich muss jetzt wieder arbeiten“, sage ich dann, „ist grad schlecht. Du schaffst das schon, Schatz“. Jeden Tag telefoniert der dreimal mit seinem Vater. Die können das dann unter sich ausmachen. Ich weiß auch nicht, den einen Tag will er arbeiten, dann wieder nur soundsoviel Stunden. Er leidet wie ein Hund, weil er kein Geld hat.  Dann wieder denkt er, die Kinder kommen zu kurz. „Ich hab doch Geld“, sag ich dann. „Mach dir keinen Kopp. Ist doch schön, wie es ist. Ist halt so. Mal muss einer Zurückstecken. Dem anderen den Rücken freihalten. So war es schon immer. Wie solls auch anders gehen. Frag deinen Vater“. Er wieder, er hat keinen intellektuellen Ausgleich. „ich schaff nicht mal Zeitung zu lesen“. „Meine Güte! Genieß es doch“. Da kommen so viele Jahre, in denen er wieder Zeitung lesen kann. Bis zum Erbrechen. Ihm fehlen Freunde, die schlau sind. Das ist bestimmt auch doof. Dann sage ich „wenigstens bist du schlau“ und „davon profitieren auch die Kinder“. Das ist ja auch so. Ich sage zu ihm, was alles wäre, wenn er nicht hier wäre und den Laden zusammenhalten würde. Ich sage, die Kinder sind ganz tolle Menschen, dank dir. Und ich sage, „danke fürs Aufräumen und den ganzen Mist“. Aber das hilft ihm gar nicht. So eine Fresse zieht der. Immer kurz vorm Heulen. Ich bin froh, wenn der das irgendwie gelöst bekommt. Es ist echt nicht lustig, nach Hause zu kommen. Ich denke, ich fang mit Sport an. Zweimal die Woche. Ich brauch Ausgleich.

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2 Kommentare leave one →
  1. Juli 15, 2011 9:34 pm

    Sehr schöne Satire! Leider irgendwie unheimlich nah dran an der Realität.

  2. casomir permalink
    September 6, 2011 6:53 pm

    hey, bin gerade in der 13. woche und schon zweimal wegen angst vor solchen zuständen nachts schweißgebadet aufgewacht. du hast das großartig formuliert, und mir den albtraum konkret (und damit „händelbar“) gemacht, merci!!

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