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Zwei Mütter, ein Kind: Interview Part I

Mai 30, 2011

Ein Interview mit einer so genannten ‚Regenbogenfamilie‘, bestehend aus den Müttern Barbara und Bea und ihrem Sohn Lukas (alle Namen geändert); Das Interview entstand 2005 im Rahmen eines Projekts zu queeren Familien und soll hier in mehreren Teilen veröffentlicht werden.

Barbara und Bea, ihr habt zusammen Lukas, Euren fast siebenjährigen Sohn und lebt in Kreuzberg. War dieser Wohnort eine bewusste Wahl?

Barbara: Ja, es erleichtert viel in Kreuzberg zu leben. Hier herrscht Normalität, weil es sehr viele Homosexuelle, in jeder Situation und Lebenslage gibt – so dass den Eltern, die Du hier triffst, bei Deiner Situation nicht unbedingt die Kinnlade runter fällt. Und wenn die Eltern Akzeptanz haben, ist das für die Kinder natürlich auch leichter nachzuvollziehen. Denn was Deine Mutter komisch findet, das findest Du als Kind ja auch komisch.

Kam es trotzdem mal vor, dass jemand feindselig oder unverständlich reagiert hat?

Barbara: Es gibt immer mal wieder solche Vorfälle. Einer seiner Freunde hat mal gesagt: Man kann nicht zwei Mütter haben. Da hat Lukas einfach gesagt: Kann ich wohl! (Lacht) Lukas ist gerade in die Schule gekommen, was natürlich immer auch bedeutet: eine neue Situation, neue Kinder und neue Eltern, die noch nicht alle bescheid wissen. Und neulich hat mich auch wieder ein Mädchen aus seiner Klasse gefragt: Mensch, wer ist denn nun eigentlich die Mama von Lukas? Weil mal kommt Bea zum Abholen, und mal komme ich. Da habe ich gelacht und gesagt: der hat zwei Mütter. Und dann wollte sie wohl eigentlich noch nachfragen, hat das aber nicht getan und ich bin gegangen. Ich übe mich oft in der Kunst, eine Frage nur kurz zu beantworten und zu gucken, was dann kommt. Da passieren spannende Dinge.

Bea: Wobei ich es erstaunlich finde, dass relativ wenig negative Reaktionen kommen. Möglicherweise werden die auch einfach nur nicht gezeigt. Als ich mich damals zum ersten Mal im Kindergarten als Elternteil vorstellen musste – das war auf einer Weihnachtsfeier – kam ich in den Raum, alle guckten mich an, und ich habe gesagt: Hallo, ich bin die andere Mutter – oder die Mitmutter – von Lukas. Und dann war ich für einen Moment ein bisschen schweißgebadet, dachte: was kommt jetzt? Und dann kam gar nichts. Alles war, als sei das ganz normal. Zwar war ein Momentchen Schweigen, aber dann ging die Feier munter dahin. Und jetzt in der Schule ist es ähnlich.

Wie habt Ihr Euch bei der Namensgebung entschieden? Macht Ihr Unterscheidungen wie Mama oder Mami?

Barbara: Wir heißen Bea und Barbara. Das hat Lukas auf eine ganz interessante Weise für sich selbst geklärt. Als er anfing zu sprechen, hat er uns einfach beide Mama genannt. Wobei wir da selbst unsicher waren, abgesehen davon, dass uns klar war, dass wir dieses Mama und Mami nicht wollten. Und so kam es, dass eigentlich keine von uns diese Bezeichnungen verwendet hat. Ich hab mich nicht als diese Dritte-Person-Mama bezeichnet Ich habe beispielsweise nicht so etwas gesagt wie: Komm zu Mama, sondern habe von mir nur als ich geredet. Wir wollten das beide nicht festsetzen.

Bea: Er konnte das trotzdem ganz gut sortieren. Etwa wenn er Mama gerufen hat, und Barbara meinte, aber ich geantwortet habe, dann hat er einfach gesagt: Nee, die andere Mama!

Aber wie ist er auf diese Bezeichnungen gekommen, wenn Ihr sie so vermieden habt?

Barbara: Man lebt in keinem Kokon. Du bist unterwegs, bei Bekannten, Freunden oder beim Einkaufen und dann spricht jemand von Deiner Mama. Ich glaube, dieses Mama bedeutete für Lukas eher, dass jemand sich um ihn kümmert Er hat einen sozialen Vater, Peter. Als Lukas das erste Mal alleine mit ihm verreist war, hat er ihn auch Mama genannt, sobald sie im Zug waren, bis sie wieder zurück in der Stadt waren. Das ist interessant, denn eigentlich war Peter auch kein Papa, sondern ein Vorname. Damals haben wir uns fast ein bisschen schlecht gefühlt. Wir dachten, das kann man wieder keinem erzählen, dass er zu Peter Mama sagt. Damals fing Lukas allerdings gerade erst an zu sprechen. Als sich seine Sprachfähigkeiten erweitert haben, hat er sofort begonnen, uns mit unseren Namen anzusprechen. Also ich hieß dann Barbara, und Bea hieß dann Bea. Und Peter hieß Peter. Er weiß, dass er aus meinem Bauch kommt. Und in unserer Beziehung ist schon dieses Mutter-Kind-Ding da. Aber das ist trotzdem nicht weniger oder mehr als Bea und er. Die beiden haben einfach eine andere Beziehung.

Bea: Wobei wir beschlossen hatten, dass wir uns beide zusammen immer als Eltern definieren.

Barbara: Das war eine ganz pragmatische Überlegung. So kann Lukas z.B. im Kindergarten von seinen Eltern reden, und muss nicht permanent in Gesprächen offen legen, dass er zwei Mütter hat. Wir wollten ihm so einen Schleichweg bieten, damit das nicht immer und überall Thema sein muss. Es ist unverfänglicher, wenn er von seinen Eltern spricht. Und wir sind ja auch seine Eltern.

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