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Wollen wir´s nicht wegmachen?

Mai 17, 2011

Ständig wird einem in der Schwangerschaft ein Sonderangebot gemacht. Zwei Untersuchungen zum Preis von einem. Drei Zusatzultraschalls- oder gleich eine Flat für Ultraschalluntersuchungen. Eigentlich sind es ja nur drei „notwendige“. Aber wir haben uns schon längst daran gewöhnt, immer Bilder von einem Kind haben. Es gibt ja diese tollen 3D Bilder! Manchmal sogar Videos! Das kostet natürlich extra.

„Sie müssen überlegen, wie wichtig ihnen dieser Moment ist.“

Vor noch fünf Jahren war dieser 3D Ultraschall eine Untersuchung für Frauen mit Risikoschwangerschaft. Nicht, dass man dann etwas tun könnte, aber man könnte abtreiben. Das ist die teuerste Untersuchung in der gesamten Schwangerschaft.

Die Fotos, auf die wir Mütter so scharf sind haben nämlich eine medizinische Funktion, sie sollen dem Arzt ermöglichen, der Mutter zu sagen, zu wie viel Prozent Wahrscheinlichkeit irgendwas mit dem Baby nicht stimmt. Das wird irgendwie vergessen zu erwähnen. Man sollte also eigentlich als mündige Bürgerin eher zu oft, als zu selten darauf hingewiesen werden. Bei dem Wunsch nach größerer Nähe zum Fötus kann herauskommen, binnen 24 Stunden entscheiden zu sollen (weil eventuell das der verbliebene Zeitraum zu einer möglichen Abtreibung ist) ob man und wie sehr man Wahrscheinlichkeitsrechnungen glaubt. Diese gegen das eigene Gefühl abzuwägen. Sich der Frage zu stellen, wie man mit einer Abtreibung eines Kindes („Guck mal, es hat deine Nase!“) umgehen würde.

Stell dir vor es ist nicht krank? Was sagt das Internet? Was sagt der Mann? Bleibt er bei einem? Darf man so was nach Gefühl entscheiden? Wird man dann nicht sein Leben lang dafür verantwortlich gemacht, das falsche Gefühl gehabt zu haben? Stell dir vor es ist krank und du hast gesagt, du glaubst nicht daran.

Du kennst Mütter, deren Kinder zu 80% einen schweren Herzfehler hätten haben sollen und nichts, aber auch gar nichts hatten, außer eine beschissene Schwangerschaft. Und es wurde dir unter Umständen, nicht einmal gesagt, dass diese Untersuchung freiwillig ist, sondern es wurde so hingestellt, als ob es eine Pflichtuntersuchung sei.

Ich bin sogar noch einige Zeit nach meiner Geburt von einer Ärztin für ‚behindert‘ erklärt worden. Meinen Eltern wurde damals eröffnet, dass sie sich jetzt von ihren Freunden verabschieden könnten. Niemand wolle mit Leuten zu tun haben, die ein so genanntes ‚behindertes‘ Kind haben. Meine Eltern sind zu einem zweiten Arzt gegangen, weil ich nach den Übungen, die sie mit mir machen sollten, so geschrieen habe. Der zweite Arzt fand mich „normal“.

In meiner zweiten Schwangerschaft habe ich von meiner Ärztin ungefragt einen Überweisungsschein für die 3D Untersuchung bekommen. Ich habe gesagt, dass ich diese Untersuchung nicht machen will. Wir würden das Kind auch bekommen, wenn es krank oder behindert wäre. Das wäre das Risiko beim Kinder kriegen. Ich sei jetzt über den dritten Monat schwanger. Ich hätte mich bisher mit ihr über die Ultraschallbilder, den Herzschlag, den man sehen konnte, gefreut. Trotzdem war ich verunsichert. Gab es versteckte Andeutungen ihrerseits? Hätte ich mich nie so freuen dürfen? War von Anfang an etwas komisch? Sie bat mich bei den folgenden Terminen immer wieder, die Untersuchung zu machen.

Ich habe nächtelang diskutiert. Mir Meinungen eingeholt. Darf man sich als Mutter gegen mögliche Informationen sperren? Darf man sich schützen? Ich habe die Ärztin gefragt, was konkret getan werden könnte, wenn mein Kind behindert sei, ich aber nicht abtreiben würde. Könnte man etwas dagegen tun? Tabletten einnehmen, die es verhindern, dass das Kind eventuelle Schäden habe? Das wäre ein logischer Grund für ihre Hartnäckigkeit. Nein. Könne man nicht.

Könnte ich ein Kind morgen abtreiben, von dem ich gerade erst eine 3D-DVD in die Hand gedrückt bekommen habe? Denn das hätte ich dann vielleicht. Vielleicht hätte mein Mann sich extra freigenommen um mit mir gemeinsam den wunderbaren Augenblick des „ersten Augenblicks“ zu erleben. Dann hätten wir vor den 3D Aufnahmen gesessen und überlegt, ob eine 20%ige Chance auf einen Herzfehler ein Grund zur Abtreibung ist. Das hätten die Ärzte in Ordnung gefunden.

Letztendlich habe ich mir von einer Freundin sagen lassen müssen, dass es im Prinzip unverantwortlich sei, nicht zu dieser Untersuchung zu gehen. Selbst wenn herauskäme, dass das Kind „anormal“ sei, und ich es trotzdem (!) nicht abtreiben wolle, sei es meine Pflicht, mich vorher auf die Situation vorzubereiten. Für das Kind. Wer will da der Pflicht nicht nachkommen?

Zum Schluss sagte die Ärztin, sie sei unsicher ob sie alles sehen könnte. Dann habe ich sie verstanden. Sie wollte sich selbst absichern. Sie hat erst dann unterlassen, mir Angebote für die Untersuchung (und damit für eine eventuelle Abtreibung zu machen) als ich ihr versprach, dass ich sie nicht für die Behinderung meines Kindes verantwortlichen machen würde. Es ging darum, nicht verklagt zu werden.

Frauen werden verantwortlich für kranke und so genannte ‚behinderte‘ Kinder gemacht. Das haben sich die Ärzte in ihrer Angst vor Verantwortung und vor Klagen so überlegt. Und: das ist daran besonders toll: wenn man Frauen nervös hält, in der Schwangerschaft, dann zahlen die richtig viel Geld.

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5 Kommentare leave one →
  1. icke permalink
    Mai 18, 2011 10:00 am

    es scheint bei dieser untersuchung ein recht auf nicht-wissen zu geben.

    uns wurde vor der untersuchung ein fragebogen gegeben in der wir bei vielen (sehr vielen) zu erkennenden aber nicht behandelbaren „schäden“ angeben konnten, dass wir das untersuchungsergebnis nicht erfahren wollen.

    • unter den haaren permalink
      Mai 18, 2011 12:24 pm

      das finde ich toll! hätte ich mir sehr gewünscht.

  2. Mai 18, 2011 8:00 pm

    oh mensch! ich sag ja, schwangerschaft wird zu einer krankheit gemacht! ich bin sehr froh, dass ein großteil meiner vorsorge von hebammen übernommen wurde. aber auch mein gynäkologe war toll, und hat mir GAR NICHTS aufgedrängt. ich musste mich eher beschweren, dass ich nochmal ein ‚foto‘ bekomme, weil er die tatsächlich nur bei den drei screenings gemacht hat. liebe schwangere: mehr menschenverstand und bauchgefühl! und eine entspannte schwangerschaft!

  3. Claudia permalink
    Juli 14, 2011 8:22 am

    Unter den Haaren hat geschrieben: Und: das ist daran besonders toll: wenn man Frauen nervös hält, in der Schwangerschaft, dann zahlen die richtig viel Geld. – Zitatende

    Ja, genauso isses. Bei mir wurde erst zu viel Fruchtwasser festgestellt und dann in der darauffolgenden Zuckerwertuntersuchung auch zu viel Zucker. Allerdings gerade unter dem Höchstlimit. Und dann hat mir die Frauenärztin vorgeschlagen, doch ins Krankenhaus zu gehen, ein Zuckermeßgerät auszuleihen, einen Tag lang die Werte zu kontrollieren, das Gerät wieder zurückzubringen. Das Krankenhaus ist weit weg und ich habe noch einen kleinen Sohn, den ich dann immer mitschleppen müßte. Dann bei der nächsten Untersuchung bei der Frauenärztin war dann das Fruchtwasser wieder ganz normal. Sie fragte mich wieder nach den Zuckerwerten. Ich hab ihr gesagt, daß ich die wohl immer hätte und ich nicht glaube, daß dem Kind davon was passiert. Da gäbe es einen natürlichen Schutzschild. Und mein erstes Kind hat auch kein Zuckerproblem. Fest steht für mich: Wenn die Zuckerwerte wieder knapp unter der Maximalgrenze gewesen wären, dann hätten die Ärzte wieder nicht gewußt, was zu tun sei. Man hat mir das schon vor zehn Jahren mal gesagt, daß ich so einen Grenzwert hätte und aufpassen solle. Da hatte ich noch gar keine Kinder. Und wenn das jetzt gleich geblieben ist, dann ist doch alles superstabil. Und durch weitere Schwangerschaftsuntersuchungen wäre ich nur noch mehr verunsichert gewesen. Man drohte mir mit Ernährungsumstellung. Aber ich bin nicht übergewichtig, eher das Gegenteil. Und ich habe einfach keinen Bock mehr auf weitere Untersuchungen gehabt. Und irgendwann hat meine Frauenärztin das auch eingesehen.

    • Juli 15, 2011 7:28 am

      Hallo Claudia, puh, das mit den Zuckerwerten hört sich ganz schön stressig an. Danke für den Bericht!

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