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Gibt es was zu feiern?

Mai 8, 2011

Was tun mit dem Muttertag? Ignorieren, doch feiern, gar irgendwie umdeuten (aber wie)? Einige Punkte jedenfalls sprechen dafür, den Feiertag äußerst kritisch zu sehen.

Zurück geht der Muttertag auf die US-amerikanische Feministin Anna Jarvis, eine Pazifistin und Sozialreformerin, die sich auch für das Frauenwahlreicht einsetzte. Der Muttertag sollte die Leistungen von Frauen würdigen und auf ihre Rolle in der Gesellschaft hinweisen, und zwar via die sozial akzeptierte Figur der Mutter. Auf Jarvis Einsatz hin wurde der Muttertag schließlich 1914 zum amerikanischen Feiertag erklärt. Allerdings gerieten die politischen Anliegen schnell in den Hintergrund und der Tag entwickelte sich – zu Jarvis Entsetzen – zu einer vor allem kommerziellen Veranstaltung. In der Folge kämpfte Jarvis bis zu ihrem Tode gegen den von ihr vorgeschlagenen Feiertag, wurde sogar einmal verhaftet, weil sie eine Muttertagsveranstaltung störte und brauchte für ihre Gegenkampagne ihr gesamtes Vermögen auf. (Ironischer Weise wurde ihr Platz im Altersheim  schließlich ohne ihr Wissen von der Blumenindustrie bezahlt).

In den 1920er Jahren wird der Muttertag – das ist relativ bekannt – von Vertretern der Blumenindustrie nach Deutschland importiert. Speziell ist es der Lobbyist Rudolf Knauer, der den Tag auf einer USA-Reise kennen lernt und seinen möglichen Gewinn für die unter der Inflation leidende Blumenindustrie erkennt. Um den Feiertag  zu etablieren arbeitet dieser mit der „Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung“, einem Dachverband von konservativen, eugenischen und antifeministischen Vereinen, zusammen. Dem Verband kommt ein Tag, an dem die Mutterschaft als einzige Berufung der Frau ‚geehrt‘ werden kann, gerade recht, passt er doch perfekt in seine Kampagne gegen weibliche Berufstätigkeit und die sich verbreitende Frauenemanzipation. Und so startet der Muttertag in Deutschland als Ehrentag für Mütter, der nur scheinbar ‚unpolitisch‘ und ‚unkommerziell‘ ist.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht gewählt werden ist der Muttertag schon etabliert und wird umgehend in den vorherrschenden Mutterkult integriert. So wird er mit den ‚Mütterweihen‘, religiös angehauchten Zeremonien zelebriert und 1938 durch das ‚Ehrenkreuz der Deutschen Mütter‘ ergänzt. Die einzige Berufung der Frau zur Mutter soll auch durch Zwangsmaßnahmen geschaffen werden: Frauen werden beispielsweise aus dem Staatsdienst entlassen, dürfen nicht berufsttätig sein, wenn ihr Ehemann arbeitet, nur noch höchstens 10 % aller Studieplätze an Universitäten können an Frauen vergeben werden, Empfängnisverhütung wird verboten. Dieser Mutterkult zielt allerdings nur auf einige Mütter, nämlich auf die als arisch und erbgesund klassifizierten Frauen. Die anderen Mütter und ihre Kinder werden verfolgt und ermordet. Zudem kommt es in der Folge nationalsozalistischer Bevölkerungspolitik zu einer großen Zahl von Zwangsterilisierungen, in deren Folge viele Frauen sterben oder lebenslange Verletzungen davon tragen.

Nach dem Krieg wird der Muttertag in Ostdeutschland nicht wieder belebt und stattdessen durch den  ‚Internationalen Frauentag‘ ersetzt. In Westdeutschland kommt der Muttertag nach einer kurzen Pause bereits in den 1950er Jahren wieder, wo er erneut die Blumenindustrie und ausserdem die Karten, Pralinen- und Haushaltsgegenstände-Industrie ankurbelt. (Und dass der Tag dabei fast immer für ‚gute‘ beziehungsweise ’normale‘ Mütter reserviert war, also etwa verheiratete, weiße Mütter mit deutscher Staatsangehörigkeit, mit ‚gesundem‘ Körper und Geist und sich im ‚korrekten‘ Alter befindend, ist wohl auch klar.)

Am 8. Mai ist auch der 66. Jahrestag der deutschen Niederlage im zweiten Weltkrieg – ein sehr viel eindeutiger Grund zu feiern.

(PS: zum Muttertag gab es einige kritische Veranstaltung österreichischer Aktivistinnen, in denen diese dem „Mutterkult, der Instrumentalisierung von Müttern, von der moralischen Überhöhung von Mütterlichkeit und Muttertags-Kommerz“ den Kampf ansagen wollen und den „Widerspruch zwischen der Idealisierung von Mütterlichkeit, verbunden mit hoher sozialer Verantwortung, und den nicht ausreichend vorhandenen Rahmenbedingungen“ betonen. – Der Link kommt ursprünglich von der Mädchenmannschaft und der Denkwerkstatt.)

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