Skip to content

Kein Glas in Ehren? Auch kein Tropfen? Naja …

Mai 2, 2011

Viele TheoretikerInnen, die moderne Konzepte von Schwangerschaft untersucht haben, kommen zu dem Schluss, dass sich der Fokus dabei immer weniger auf die schwangere Person und immer mehr auf den Fötus richtet. Er wird heute als vollständig ausgereiftes Individuum betrachtet, als die Hauptperson der Schwangerschaft, als das ultimativ schützenswerte und bedrohte Leben. Die Rechte und Bedürfnisse der Schwangeren dagegen zählen kaum mehr; vielmehr sind sie, als potentielle Gefahr für jenes ‚werdende Leben‘, verstärkter Kontrolle und Disziplinierung unterworfen. Weder ihr Bauch noch ihr Körper noch ihr Kopf liegen weiterhin in ihrer alleinigen Entscheidungshoheit.

Die unsägliche Kampagne ‚Mein Kind will keinen Alkohol‚ scheint gut in dieses Muster zu passen. Auch das kleinste „Gläschen in Ehren“ schade dem Fötus unweigerlich, wird dort kommuniziert. Hübsch alarmistisch ist etwa das Plakat, in dem uns das Model Franziska Knuppe mitteilt:  „Es ist furchtbar, was Sie ihrem ungeborenen Kind antun, wenn Sie Alkohol in der Schwangerschaft trinken. Es bleibt unheilbar ein Leben lang behindert.“ Gefeatured werden auch FDP-Frontfrau Silvana Koch-Merin und die CSU-Bundestagsabgeordnete Dorothee Bär (letzere mit dem schönen Satz: „In anderen Umständen ist Alkohol Gift“). Genauere Informationen dazu, beispielsweise Studienergebnisse oder Mengenangaben zu Alkohol, fehlen hier wie in sämtlichen Informationsmaterialien. Ein anderes Plakat teilt uns zumindest die Zahl mit, in Deutschland kämen jährlich ca. 3000 Babies auf die Welt, die durch Alkohol dauerhaft geschädigt seien. Diese Zahl spielt auf die Kinder an, die mit FAS, dem fetalen Alkoholsyndrom diagnostiziert wurden.

Der Slogan der Kampagne hing auf riesigen Plakaten im ganzen Land und wurde vorbehaltlos von unzähligen Medien aufgegriffen. Die Morgenpost erklärt: „Schon ein einziges Glas Alkohol kann Schäden beim ungeborenen Kind verursachen.“ In noch alarmistischeren und drohenderen Ton warnt etwa das ZDF  sogar vor „jedem Tropfen Alkohol“ eindringlichst. Teilweise ist in den Berichten neben den ca. 3000 Kindern (eine Studie der Charité spricht von 4000) mit FAS von ungefähr weiteren 10.000 Babys die Rede, die mit jährlich mit etwas geringfügigeren Alkoholschäden in Deutschland zur Welt kommen.

Soweit so gut. Leider basieren viele dieser Warnungen, insbesondere einige Aussagen der Kampagne, auf groben Verallgemeinerungen, Auslassungen, widersprüchlichen Studienergebnissen oder sind sogar schlicht falsch.

Es sei vorweg gesagt: Sicherlich ist es schädlich, häufig und viel starken Alkohol zu trinken, ganz besonders in der Schwangerschaft. Zweifellos gibt es schwere fötale Missbildungen durch den Konsum erheblicher Alkoholmengen und die 3000 Fälle von FAS  sind höchst bedauerlich und sollten verhindert werden. Auch viele Studien weisen eindeutig nach, dass große Mengen hochprozentigen Alkohols, die während der Schwangerschaft regelmäßig getrunken werden, zu Schäden führen. Diese Studien haben allerdings Schwangere untersucht, die Größenmengen zu sich nahmen, die als Alkoholismus, Alkoholmißbrauch oder als an der Grenze dazu klassifiziert werden können. Bei den Mengen darunter fängt das große Feld der Unsicherheiten an, viele Studien kommen zu unterschiedlichen und sehr widersprüchlichen Ergebnissen. So existiert etwa keine seriöse Studie, die nachweist, dass ein einziges Glas Bier oder Wein in der Schwangerschaft zu Schäden des Fötus führt, nur eben bei vielen und häufigen ‚einzelnen‘ Gläsern gibt es durchgängig Effekte.

Nun noch einige Schwachstellen der Argumentation im Detail:

Erstens: Die rund 10.000 weiteren Babys, die in Deutschland mit leichteren Alkoholschäden, also unter der Ebene von FAS auf die Welt kommen, beruhen auf Schätzungen. Schwer ist dabei etwa unter anderem, festzustellen, welche Einschränkungen und Defizite auf Alkohol zurückzuführen und sind welche auf andere Faktoren. Spielt Alkohol eine Rolle, so ist anzunehmen, dass schwerwiegendere Schäden bei Kind – again – von großen und regelmäßigen Mengen an Alkohol herrühren.

Zweitens: Noch einmal: Die rund 3000 Fälle von FAS stammen höchstwahrscheinlich von Menschen, die Alkoholiker_innen sind oder Alkoholmißbrauch betreiben. Diese Menschen besitzen eine erhebliche Suchtstruktur, die nur durch intensivere Unterstützungsangebote und Therapiemaßnahmen behandelt werden kann. Wahrscheinlich wissen die meisten selbst, dass ihr Verhalten weder für sich noch für den Fötus gesund ist. Mit hübschen Plakaten und Internetauftritte einer solchen Kampagne sind sie definitiv nicht zu erreichen. Man kann sich deswegen fragen: Warum also die Kampagne? Warum so unglaublich viel Geld ausgeben, um rund rund 3000-4000 Frauen zu erreichen, die sowieso nicht zu erreichen sind?

Drittens: Wie sieht es denn nun aus mit moderatem und gelegentlichen Alkoholkonsum in der Schwangerschaft? Zum einen wäre verwunderlich, wenn dieser tatsächlich allumfassend zu solch desaströsen Schäden führen kann. Schließlich existiert Alkohol seit ca. 10.000 v. Chr. und es ist anzunehmend, dass seitdem auch  Schwangere in vielen Kulturen gelegentlich Alkohol trinken. Überraschender Weise existiert die Menscheit jedoch immer noch. Zudem war es in westlichen Kulturen bis in die 1970er Jahre gängig, in der Schwangerschaft zu rauchen und zu trinken und – Überraschung again – die Menschheit besteht entgegen anders lautender Ängste weiterhin. Auch geben momentan in Umfragen 58 % aller Frauen* in Deutschland an, dass sie während der Schwangerschaft gelegentlich Alkohol trinken, was sich jedoch keineswegs in den Statistiken über die Gesundheit der Neugeborenen niederschlägt.

Zum anderen deuten auch viele wissenschaftliche Studienergebnisse darauf hin, dass moderater Konsum von Alkohol nicht schädlich ist. So gab es bei einer Studie der australischen Forscher Walpole, Zubrick und Pontré kein signifikantes Ergebnis zwischen niedrigen und moderaten Alkoholkonsum der Schwangeren und dem Zustand des Kindes nach der Geburt. Die Forscher schließen mit dem Satz: „The outcome suggests that cautionary advice to pregnant women warning that any alcohol taken during pregnancy is potentially harmful to the fetus is inaccurate and therefore probably counterproductive.“

Erhellend ist auch die Zusammenfassung einer aktuellen Studie durch Brigitta von Lehn in der Frankfurter Rundschau: „Trinkt die Mama in spe ein oder zwei kleine Gläschen Wein à zehn Milliliter [in der Studie selbst war wohl von „half a pint of beer, a glass of wine, or a single measure of spirit or liqueur“ die Rede, f.m.] pro Woche, dann trinkt das Baby im Bauch zwar mit, es schadet ihm aber nicht. Zu diesem Ergebnis kommen britische Forscher des University College in London in einer Studie an mehr als 11 000 Fünfjährigen. Die im Journal of Epidemiology and Community Health veröffentlichte Untersuchung bestätigt damit Zwischenergebnisse von vor zwei Jahren. Damals hatten die Forscher bereits verkündet, bei Dreijährigen seien keine nachteiligen Auswirkungen bezüglich Verhaltensentwicklung und geistigen Kapazitäten erkennbar. Mit ihrem Fazit gießen die Wissenschaftler nun erneut Öl ins Feuer einer seit Jahren unter Fachleuten umstrittenen Frage, ob Alkohol in der Schwangerschaft das Kind im Mutterbauch gefährdet oder nicht. Je nach Nationalität fällt die Antwort unterschiedlich aus. Während in einigen Ländern wie den USA, Frankreich und Deutschland Abstinenz gepredigt wird, gelten in Großbritannien ein bis zwei Drinks ein- bis zweimal wöchentlich als relativ sicher.“

Klar ist: Starker Alkoholkonsum in der Schwangerschaft ist ungesund und führt zu Schäden beim Kind. Und selbstverständlich ist es sicherer, so wenig wie möglich zu trinken und am allersichersten ist es, vollständig auf Alkohol zu verzichten. Klar ist aber auch: Es gibt – trotz vieler Studien – keine eindeutigen wissenschaftlichen Gewissheiten zu negativen Konsequenzen durch moderaten Alkoholkonsum in der Schwangerschaft. Ein einiziges ‚Glas in Ehren‘ führt damit keineswegs zu Schäden beim Kind, ein einziger Tropfen erst recht nicht.

Die Kampagne übertreibt also ganz erheblich und basiert auf einer unseriösen, alarmistischen und wenig fundierten Argumentation. Bleibt noch die Frage: Was ist der Grund dafür? Um was und um wen geht es in der Kampagne eigentlich? Geht es dabei wirklich nur um das Wohl des Kindes? Um die 3000 Fälle von FAS? Oder geht es um alle Schwangeren? Und warum traut man denen nicht zu, selbst zu denken und entscheiden – schließlich enthält man ihnen dabei grundlegende Informationen vor, offensichtlich in der Annahme, sie könnten nicht zwischen einem Bier pro Woche und drei Bier pro Tag unterscheiden? Es scheint so, als wären hier die Mechanismen des ‚Mother Blame‘ am Werk, also die Tendenz, Probleme, die gesellschaftliche Ursachen haben (Armut, Abbau von psychologischen Beratungsstellen, etc.), zu individualisieren und auf das Verhalten einzelner Mütter zurückzuführen.

Advertisements
5 Kommentare leave one →
  1. Glitzerfee permalink
    Januar 20, 2014 7:32 pm

    Es werden nicht nur „Frauen“ schwanger. Schade, dass Trans*- und Inter*-Menschen beim Thema Schwangerschaft so gut wie nie mitgedacht werden…

Trackbacks

  1. Mutter sein unter Feministen – Ein Leben für mein Kind? – Pusteblumenbaby erziehen
  2. Kleine Mengen von Alkohol in der Schwangerschaft führen zu besserer emotionaler Entwicklung des Kindes? Über Verbote | fuckermothers
  3. Mädchenmannschaft » Blog Archive » Kleine Mengen von Alkohol in der Schwangerschaft führen zu besserer emotionaler Entwicklung des Kindes? Über Verbote

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: