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Stillen fördert Allergien – oder wie war das nochmal?

April 29, 2011

Viele Frauen wollen ihre Kinder stillen und das ist auch gut so. Andere Frauen empfinden das Stillen als eher unangenehm, haben zu wenig Zeit dafür, haben gesundheitliche Probleme, möchten unabhängiger von Kind und Brüsten sein, wollen arbeiten oder alleine Spaß haben, etc. – diesen Frauen wird dann oft nahegelegt, trotzdem zu stillen da ihr Kind andernfalls später gesundheitliche Probleme bekommen würde: Allergien sind auf dieser Liste meist ganz oben mit dabei. Diese Argumentation ist jedoch an zwei Stellen fehlerhaft:

Zum einen geht es bei den angebenenen Werten um statistische Wahrscheinlichkeiten. Es wird (gesetzt dass die Prämisse überhaupt stimmt) durch Nicht-Stillen lediglich etwas wahrscheinlicher, dass ein Kind später Allergien entwickeln könnte. Das Stillen oder Nicht-Stillen ist aber nicht die determinierende Ursache für potentielle Allergien. Auch Kinder, die gestillt wurden, entwickeln Allergien – ebenso kann man bei einem Kind, das nicht gestillt wurde und Allergien hat, diese nicht eindeutig auf das Nicht-Stillen zurückführen. Auch für den Fall, dass der Zusammenhang überhaupt bestehen sollte, ist die einzelne nicht-stillende Mutter also keineswegs verwantortlich für spätere Allergien. Sie trägt nicht  ‚die Schuld‘ an den Allergien ihres Kindes.

Zum anderen ist keinesfalls erwiesen, dass es überhaupt einen Zusammenhang zwischen Stillen und Allergien gibt. Es ist nämlich relativ aufwendig, so einen Zusammenhang festzustellen, weil man für eine Untersuchung eine große Menge an Menschen über einen sehr langen Zeitraum verfolgen müsste. Von den Studien, die existieren, finden einige keinen klaren Zusammenhang, andere kommen zu gegenteiligen Ergebnissen: Demnach soll Stillen sogar die Wahrscheinlichkeit für Allergien erhöhen.

Hierzu Auszüge der Kurzzusammenfassung einer Studie von Sears, Greene, Willan et al. von 2002 durch J. Spranger von der Universitäts-Kinderklinik Mainz:

„Die Datenlage zur Prävention von Allergien durch Brustmilchernährung ist kontrovers. Studien, welche die Häufigkeit allergischer Manifestationen wie Ekzem oder pfeifende Atmung bei Kleinkindern prüften, fanden überwiegend eine Allergie-protektive Wirkung der Muttermilch. Andere bestreiten die protektive Wirkung. Fast alle Studien haben handwerkliche Fehler. Jetzt kommt eine überaus sorgfältig geplante prospektive Untersuchung von 1139 Säuglingen zum Ergebnis, dass Brustmilchernährung die Entwicklung allergischer Manifestationen nicht verhindert, sondern insgesamt fördert. Die Studie ist populationsbezogen, prospektiv, blind.“ Bei der Studie wurde ca. die Hälfte der Kinder gestillt, die anderen bekamen übliche Milchnahrungen. Kinder und Eltern wurden bis zum 3. Lebensjahr einmal in der Woche, danach seltener besucht und ab dem 3. Lebensjahr im Abstand von zwei, ab dem 15. Lebensjahr im Abstand von drei Jahren bis zum Alter von 26 Jahren befragt. Der Ergebnis der Studie: „Bis zum 21. Lebensjahr hatten gestillte Kinder signifikant mehr allergische Manifestationen als kuhmilchernährte.“ So hatten etwa die gestillten Kinder mehr Asthma und Allergien, z.B. gegen Hausstaub.

Danach kommt der Autor zu dem Schluss, es gebe viele gute Gründe für das Stillen, die Allergieprävention gehöre jedoch offenbar nicht dazu.

Beiträge von Spranger aus: HIPP Pädiater-Service 6/02

Studie: Sears, Greene, Willan, Taylor, Flannery, Cowan, Herbison, Poulton (2002) Long-term relation between breastfeeding and development of atopy and asthma in children and young adults: a longitudinal study The Lancet, Volume 360, Issue 9337, Pages 901-907

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8 Kommentare leave one →
  1. myrabell permalink
    Mai 18, 2011 10:12 am

    Ich finde deinen Blog wirklich gut, aber: Ist es dein ernst eine Studie im Zusammenhang mit Stillen vs nicht-Stillen zu zitieren, die vom Babynahrungsmittelhersteller HiPP stammt? Wie verwunderlich, dass diese zum Ergebnis kommt, dass Stillen im Grunde sogar negative Auswirkungen haben kann… Sich zur Lobbyistin der Babynahrungsindustrie machen zu lassen, war sicherlich nicht dein Ansinnen?!

  2. Mai 18, 2011 12:44 pm

    Hallo myrabell, danke für Deinen Kommentar – und ja, da bei HIPP kamen mir auch große Zweifel. Allerdings stammt die Kurzzusammenfassung der Studie nur aus einer von HIPP gesponserten (und bestimmt nicht lobbyfreien) Ärztezeitschrift. Die Studie selbst (die hier ja auch angegeben ist) stammt aus einem (soweit ich weiß, Zweifel sind immer angebracht) unabhängigen Forschungskontext – und wurde ja auch in dem ziemlich renommierten Journal Lancet veröffentlich. Aber ganz sicher sein kann man da bei keiner Studie, das stimmt.

  3. myrabell permalink
    Mai 19, 2011 10:26 pm

    Du hast recht – die Studie an sich scheint unabhängig. Dies trifft aber leider nicht auf Herrn Spranger, seine Zusammenfassung und Interpretation der Studie zu! Dafür scheint mir die berufliche Verbindung zu HiPP zu intensiv.

    Was auch (von Hernn Spranger) unerwähnt bleibt: Es handelt sich bei dem hier postulierten Zusammenhang um eine Korrelation, nicht etwa um eine Kausalbeziehung! Nur weil etwas gemeinsam auftritt, bedeutet dies noch nicht, dass eine irgendwie geartete Kausalität besteht. Moderationseffekte, Drittvariablen und und und könne zu diesem Ergebins geführt haben!. Stillen kann also durchaus positiv präventiv wirken – im Falle der Stichprobe aber vllt durch andere Effekte neutralisiert werden.

    Das nur der Vollständigkeit halber 🙂

    • Mai 23, 2011 9:24 pm

      Hallo myrabell – nochmal Danke für den Kommentar! Und: ja, es war wohl tatsächlich eher unklug, den Text von Spranger zu zitieren. Aber ich fand seine Zusammenfassung in den Teilen, die ich zitiert hatte, eher neutral. Zum Zitat: es ist richtig, dass die Datenlagen kontrovers ist und es ist richtig, dass viele Studien handwerkliche Fehler haben und dann kommt ja im Text noch kurz etwas Deskriptives zum Forschungsdesign. Hinter diesen Aussagen konnte ich stehen und habe das auch so ein bisschen zur Arbeitsersparnis zitiert – viel Interpretation steckt in diesem Textabschnitt meines Erachtens nicht. Aber es stimmt: es war ein Fehler, Werbung und potentieller Lobbyarbeit dadurch Raum zu geben.

      Was Du über Korrelationen schreibst ist natürlich absolut korrekt – das wollte ich im ersten Teil meines Textes auch zum Ausdruck bringen, habe aber versucht es allgemein und eher umgangsspachlich zu halten. Fast alle Studien zum Zusammenhang zwischen Brustmilchernährung und Allergien (sowohl die, die zu positiven als auch die, die zu keinen oder negativen Ergebnissen kommen) arbeiten mit Korrelationen – und diese sind selbstverständlich nicht mit Kausalbeziehungen zu verwechseln. Danke für die gute Erklärung!

      Zu Deiner Kritik mit den Moderationseffekten und Drittvariablen: das verstehe ich nicht so ganz – die genannte Studie hat aber doch auch mit einer multifaktoriellen Analyse gearbeitet und genau auf einige zentrale Moderaktionseffekte und Drittvariablen kontrolliert?

      Hier noch einmal der Link auf das Abstract des Sears-Artikel:
      http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12354471

  4. myrabell permalink
    Mai 28, 2011 5:47 am

    Ja, richtig, einige Moderations- bzw. Drittvariablen werden kontrolliert (hättest du zur Bekräftigung deines Artikels erwähnen können 😉 ). Es fehlt aber z.B. ein zentraler Indikator: Genetische Vorbelastung. Auch das Geschlecht steht in Verdacht einen Unterschied zu machen.

    Und was das Abstract nochmal sehr deutlich zeigt: In der Stillgruppe werden Säuglinge erfasst, die vier Wochen und länger gestillt wurden. Ich weiß nicht, wie weit das noch aufgeschlüsselt wird (werde mir das aber nochmal zu Gemüte führen), aber man kann vermuten, dass viele davon nicht signifikant länger als einige Wochen gestillt wurden (was der „typischen“ Stilldauer entspräche). Ein wichtiger Faktor, wenn es um die Allergieprävention geht!

  5. Mai 30, 2011 10:01 am

    OK, ich seh schon – da besitzt du einiges mehr an Vorwissen als ich zu dieser Thematik! 🙂 Wenn Du die Studie gelesen hast, würd ich mich total freuen, wenn du das hier noch einmal darlegen könntest. Und auch sonst würd ich mich über weitere Hinweise zum Thema freuen. Liebe Grüsse!

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