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Gesprächsprotokoll: Fabienne W.

April 28, 2011

Dieser Gesprächsauszug stammt aus dem Kapitel zu Mutterschaft aus einem Buch von Christina von Braun. Sowohl das Buch als auch die sprechende Person sind äußerst psychoanalytisch geprägt – eine theoretische Perspektive, über die sich sicherlich streiten lässt. Ganz sicher würde ‚Fuckermothers‘ wohl auch der Sprechenden nicht in allen Punkten zustimmen – wird fanden es aber trotzdem aber eine interessante Einstellung zu Mutterschaft.

Gesprächsprotokoll: Fabienne W., 32 Jahre alt, Photografin und Journalistin, Mutter einer Tochter:

„Die größte Herausforderung, die ich mir selbst gestellt habe, und die größte Erniedrigung, die mir zuteil wurde, war meine Mutterschaft. Für meine Freundin A. war die Tatsache, ein Kind zu bekommen, genau das, was man oft den Frauen nachsagt: Eine Bestätigung ihrer Identität, etc. Für mich war es das genaue Gegenteil. Als ich versuchte ein Kind zu bekommen, war das auch eine Art von Selbstmordversuch, das heißt ein Mittel, mit dem Schicksal zu spielen. Ich wusste, dass es eine sehr schwierige Probe sein würde für mich, weil etwas impliziert war, das ich nicht akzeptieren kann. Ich bete meine Tochter an, liebe sie, finde sie köstlich und könnte ganze Gedichte auf sie schreiben, ich habe enorme Lust an ihr – aber das Schema der Mutterschaft ist vollkommen inakzeptabel: ich will nicht hinter einem anderen verschwinden und von ihm abgelöst werden. Irgendwo spukt in meinem Kopf immer noch diese Idee meiner Kindheit herum, dass Frauen, wenn sie berühmt sein und große Dinge vollbringen wollen, auf alles verzichten müssen. (…)

Diesen Zwang musste ich also durchbrechen. Für mich war die Tatsache, ein Kind zu bekommen, die letzte und schwierigste Art, dem Tod entgegenzutreten. Und ich muss sagen, ich bin nicht enttäuscht worden. Die Geburt eines Kindes lässt einen zehntausend Mal mehr als alles andere spüren, dass man sterblich ist. (…) Ein Kind bedeutet den Tod: es bedeutet, die Situation, das Schicksal, nicht mehr zu beherrschen. Gewiss, der Moment ist lustvoll (…). Aber als Frau befindet man sich in einer besonders schwierigen Lage. Es heißt von den Frauen sie erleben lustvoll, weil sie die Situation nicht beherrschen. Das heißt, ich werde als Frau vor die Alternative gestellt, entweder lustvoll zu empfinden oder mein Schicksal zu meistern. Frauen sterben nicht, sie setzen sich fort, sie verschwinden. (…)

Es ist natürlich kein Zufall, dass meine Tochter Colombe heißt (französisch: Taube). Colombe, das ist der heilige Geist, ist meine Großtante und vieles andere mehr. Aber es ist vor allem der reine Geist. Als ich ihre Geburt einem Freund miteilte, sagte ich übrigens nicht: ich habe ein kleines Mädchen bekommen sondern ich sagte, ich habe eine Colombe bekommen. (…) Ich habe nicht irgendein Kind in die Welt gesetzt, und ich lehne es auch strikt ab, als ‚Mutter’ bezeichnet zu werden. Ich bin nicht ‚Mutter’ sondern die Mutter von Colombe, was nichts mit der Sache zu tun hat, eine Mutter zu sein. Ich weigere mich, diese universelle Mutter zu sein, mit der im Allgemeinen die einzelne Mutter identifiziert wird. (…)

Im Moment der Geburt von Colombe, wie auch während der Schwangerschaft, war ich voller Aktivität, weil ich unter meinem Hintern die ganzen Phrasen wie ‚man muss sich schonen’ und bla-bla-bla spürte. Ich hätte Berge versetzt, um mich nicht von diesen Phrasen in die Ecke treiben zu lassen. Also habe ich nie aufgehört, aktiv zu sein. Fünf Tage nach der Geburt von Colombe habe ich die Klinik verlassen. Colombe und ich hatten uns inzwischen kennen gelernt und angefreundet. Ich bin nach Hause gekommen, habe sie in ihr Zimmer gelegt und gesagt, so Freunde, jetzt seid ihr dran. Ich lebe mit meinem Bruder und dessen Freundin, die eine Kindheitsfreundin von mir ist. Die beiden und der Vater des Kindes haben Colombe übernommen, während ich erst einmal für eineinhalb Monate nach Griechenland gefahren bin. Ich brauchte diese Reise dringend und bin mit einer Freundin gefahren, der Mütter, und alles was damit zusammen hängt, verhasst sind. Es war genau das, was ich brauchte. Meine Reise hat einen ungeheuren Skandal ausgelöst bei den Männern und Frauen meiner Bekanntschaft. Ich kann sagen, dass mein Verhältnis zu den Frauen mehr als alles andere durch die Mutterschaft auf die Probe gestellt wurde. (…)

Letztlich kümmere ich mich ziemlich viel um Colombe, aber nach meiner Art, ohne mich den Gesetzen zu unterwerfen. (…) Ich behaupte nicht zu wissen, was richtig ist, aber ich bin der Ansicht, die anderen wissen es auch nicht. Ich habe 32 Jahre ohne Rezept gelebt und werde jetzt nicht anfangen, meine Tochter nach Rezepten zu erziehen. Ich finde man kann Kinder nur bekommen, wenn es den offenen direkten Wunsch nach diesem Kind gibt, der sich nicht hinter einer Maske von allgemeiner ‚Mutterliebe’ versteckt. Die gibt es nicht; es gibt nur die Liebe zu einem Kind, das man gewollt hat.

Ich habe – im Gegensatz zu meiner Mutter – nicht ein Besitzgefühl. Meine Mutter erzählt, dass sie, als mein älterer Bruder geboren wurde, das Gefühl hatte: ah, endlich etwas, was mir gehört! (…) Für mich hingegen besteht das Lustgefühl, das Kind mit einem anderen zu machen, mit Serge, dem Vater von Colombe. (…)“

von Braun, C. (1990). Nicht Ich. Logik Lüge Libido (3 ed.). Frankfurt am Main: Neue Kritik. (S. 260-261)

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  1. Rubi permalink
    Juli 16, 2011 4:09 pm

    Krasse Frau.

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