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WTF – Freiheit von Windeln?!

April 28, 2011

Heute sollen Mütter nicht nur schon während der Schwangerschaft ausschießlich für die Gesundheit des Kindes leben, anschließend in Vollzeit stillen, mit Waschnüssen Wäsche waschen und auch lieber keine Schnuller geben – nein, der neueste Trend treibt totale Entgrenzung und mütterliche Selbstaufgabe noch weiter auf die Spitze:

Windelfreiheit!

(Einige Vertreter_innen finden sich hier: http://www.ohne-windeln.de/)

Das Prinzip ist, kurz gesagt: Kleinkindern keine Windeln zu geben. Die Eltern (in den allermeisten Fällen: die Mütter) sollen nun ihr Kind nicht mehr nur 90 % ihrer Zeit beobachten sondern, äh, mindestens 120 %. Sobald das Kind auch nur mit der Wimper zuckt, einen verdächtigen Ton von sich gibt, etc. – muss das Elternteil das Kind augenblicklich über eine Badewanne oder ähnliches halten. Tja, und wenn es daneben geht: hatte die Mutter wohl gewagt ihre Aufmerksamkeit kurz auch nur irgendetwas anderem als ihrem Kind zu widmen – schlechte, schlechte Mutter!

Es mag sich nach Wahnsinn anhören, leider wird die Idee aber bereits von zwei mir bekannten heterosexuellen Paaren, mit akademischen Hintergrund und in Großstädten lebend, umgesetzt. In beiden Fällen ist es die Frau, die die Hauptverwantwortliche für diese Methode ist.

Wie es bei Mutterschaft immer so ist, ist dieser Trend natürlich ‚von der Natur‘ so vorgesehen, als „natürliche Folge der (non)verbalen Kommunikation mit dem Baby“ wird es von den Vertreter_innen angepriesen. Und wie es in diesen Argumentationen ebenfalls immer so ist, kommt diese ‚Natur‘ keineswegs  ’natürlich‘ sondern muss mühevoll erlernt werden, wie die Vertreter_innen der Windelfreiheit ebenfalls erklären, der „eigene Instinkt wird geschult“. Aus selbstlosen Müttern werden noch selbstlosere, pardon, noch instinktivere Mütter. Ist es wirklich mehr ‚Freiheit‘ ohne Windeln, oder irgendwie doch mehr Zwang? Geht diese ‚Freiheit‘ nicht mal wieder auf Kosten der Freiheit von Frauen? Werte Frauen und Männer, Mütter und Väter und alles dazwischen, bitte denkt doch noch einmal drüber nach!

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10 Kommentare leave one →
  1. Juli 8, 2011 8:13 pm

    ich finde windelfrei garnicht dumm, wenn man die zeit dafuer hat, bzw sich nehmen will.
    und es ist auch nichts, bei dem es ein ganz oder garnicht gibt, dh, wenn es eben nicht passt, kann man ja auch eine windel anziehen.
    ich gebe allerdings zu: ich bin dafuer zu faul.
    eine emanzipationsfrage kann ich damit nicht verbinden. ein kind abhalten kann doch auch der mann.

  2. Juli 10, 2011 11:15 pm

    Hallo Nina,
    ja, stimmt schon, es ist eine privatentscheidung und wenn man die zeit hat… Die Emanzipationsfrage müsste tatsächlich nicht zwangsläufig damit verbunden sein, in der Theorie zumindest nicht. Ich glaube aber, dass sie es in der Praxis sehr oft ist: statistisch gesehen kümmern sich in Vollzeit in der überwiegenden Anzahl der Fälle die Frauen um Kinder im windelfähigen Alter, das zeigen ja leider auch die Elternzeit/Elterngeld-Zahlen. Und dann sind es eben genau die Mütter, die noch genauer auf ihre Kinder acht geben sollen. In meinem nichtrepäsentativen Bekanntenkreis war das zumindest der Fall, kann aber bestimmt auch anders laufen…

  3. Juli 12, 2011 8:30 am

    naja, es kommt ja auch auf das kind an. manche sind mit windeln echt nicht froh, ob ich die dann xmal am tag neu wickel oder eben merke, da kommt was und dann den topf raushole und eben abhalte….
    wir haben das kind die ersten monate eh fast immer am koerper gehabt, anders haette ich es mir auch nicht vorstellen koennen.
    und das mit der elternzeit hat ja auch mit den oekonomischen verhaeltnissen zu tun: die maenner verdienen halt meist mehr und da dann zu entscheiden, das der mann zuhause bleibt, muss man sich auch leisten koennen.

  4. Juli 12, 2011 2:36 pm

    „Natürlich“ kann das easy funktionieren – wenn man z.B. im Dschungel lebt, richtigen Erdboden in der Hütte hat oder ganz draußen wohnt und selber eh auch immer nackig ist, dann erfordert das nämlich nicht 100% Aufmerksamkeit 24/7.
    Aber obwohl wir im Warmen wohnen und nur geflieste Böden haben hat es mir schon gereicht, als Selene sich mal einer Windel entledigt und mit dem Inhalt gespielt hat, denn danach war ÜBERALL Kacke verteilt – und zwar eben nicht auf dem Fliesenboden sondern auf der Couch und an allen Textilien die sie finden konnte. Naja. Muss auch mal sein, aber das war in einer einzigen, unachtsamen Minute – wenn ich sowas täglich und andauernd verhindern muss, da kann ick ja nüscht anderes mehr machen!
    Dafür setze ich sie wenn’s Wetter stimmt nackig in unseren kleinen Hof, der ist wie ein kleines Zimmer draußen. Wenn sie da pullert kommt ein Eimer Wasser rüber und fertig. Oder wir gehen eh ganz an den Strand. Nacktheit ab und zu halte ich schon für wichtig, einerseits damit überall mal Luft und Sonne an die Haut kommt, andererseits für ein gesundes Verhältnis zum eigenen Körper.
    Aber in z.B. einer Stadtwohnung als arbeitende Eltern ein kleines Wesen das fast nur aus Körperfunktionen besteht nahezu permanent über eine Wanne halten, kann gloob ick nich gut enden… *kicher*

  5. Juli 12, 2011 4:24 pm

    Also nochmal eine etwas theoriegeschwängerter (ächz) Nachtrag von mir dazu: Ich wollte damit (und dem Blog allgemein) halt die gute alte Parole ‚das Private ist politisch‘ aufwärmen. Und bei der Windelfreiheit überschneiden sich meiner Meinung nach vor allem zwei gesellschaftliche Tendenzen: 1. Immer mehr Fokus aufs Kind, seine Perfektionierung, Optimierung, ‚König Kind‘ und so. 2. Die vor allem in Deutschland (im Unterschied zu einigen anderen euopäischen Ländern) immer noch extreme Verlagerung von unbezahlter Kindererziehung und Hausarbeit auf Frauen/ Mütter, mit den bekannten Konsequenzen: geringeres Gehalt für Frauen (und weniger Rente, etc.), kaum Mütter in Vollzeit oder Chefetagen, Mangel an Kinderbetreungsplätzen, etc.
    In diesem Windelfreiheits-Dings verstärken sich beide Prozesse, bzw. kulminieren oder so.
    Ich wollte eigentlich nicht unbedingt gegen Einzelfälle und Privatentscheidungen wettern bzw. denke ich, diese sollten unbedingt respektiert werden. Aber ich denke, es ich wichtig, das in einen gesellschaftlichen Zusammenhang zu stellen und die gesellschaftlichen Konsequenzen im Blick zu haben.
    So, nun aber Schluß mit meiner Litanei.

  6. Juli 13, 2011 7:35 am

    Ich erlebe seit einigen Jahren ( in Ö) Eltern, die „windelfrei“ praktizieren aus nächster Nähe.

    Seeehr entspannt und um einen Aspekt (die Windelei) befreiter. (So wie wir Erwachsenen auch, pinkeln Babys nicht „planlos“ über den Tag verteilt 🙂 )

    (Genauso, wie Babys auch nicht ständig mit Argusaugen beobachtet werden müssen, um mitzukriegen, wann sie Hunger haben, die sind ja g´scheit und machen sich selbst bemerkbar!)

    Die Vermutung, dass mit windelfrei MEHR Fokus aufs Kind verbunden ist.. haben Menschen, die die Praxis (noch) nicht kennen – sie (die Vermutung) bewahrheitet sich im Alltag nicht… im Gegenteil.
    Diese Eltern sind „laid back“ und recht locker und haben Kopf, Herz und Hände frei(er) für Dinge, die ihnen guttun… sie trauen und muten ihren Kindern zu, einiges in eigener Kompetenz zu vermitteln.

    Eine Erleichterung für alle Beteiligten.
    So gesehen recht g´schickt und auch vom privat“politischen“ Aspekt zu begrüssen…
    … es geht auch bei diesem Thema mehr ums „wie“ als ums „was“

  7. Juli 14, 2011 8:45 am

    ich glaube nicht, das kinder die mit 4 noch in windeln kacken, irgendeiner frau einen emanzipatorischen vorteil bringen.
    eine nanny, die sich um das windelgeschehen kuemmert, vielleicht. wobei dann wieder die frage ist: was ist eigentlich mit deren leben, deren „befreiung“.
    ist es besonders emanzipatorisch oder feministisch, wenn ich mich um meine kinder nicht selber kuemmern will, sondern jemanden (schlecht) dafuer bezahle?

    • Juli 14, 2011 10:01 am

      Hallo mammal, nur kurz und um missverständnissen vorzubeugen. In diesem Blog geht es um eine definition von feminismus, die sich an queer-feminismus orientiert. Hier eine Beschreibung des Mädchenblogs dazu: http://maedchenblog.blogsport.de/2006/06/21/feminismus/

      • Juli 14, 2011 10:38 am

        und nochmal:
        ist es besonders emanzipatorisch oder feministisch, wenn ich mich um meine kinder nicht selber kuemmern will, sondern jemanden (schlecht) dafuer bezahle?

  8. Juli 14, 2011 5:17 pm

    Ich verstehe deine Frage in diesem zusammenhang nicht so ganz, mammal. Die Gegenfrage: „Ist es besonders emanzipatorisch oder feministisch, wenn ich mich um meine Kinder selber kuemmern will?“ Ich denke, weder Wollen noch Nicht-Wollen haben zwangsläufig etwas mit Feminismus zu tun – das wichtigere ist das Können, die Möglichkeit zu beidem zu haben.

    Ganz grob: Wenn man Feminismus als – kleinster gemeinsamer Nenner – Bewegung versteht, die Diskriminierung auf Grund von Geschlecht verhindern will und gleiche Möglichkeiten für alle Menschen fordert, sollten auch Mütter die Gelegenheit haben, dass auch andere Personen sich um ihre Kinder kümmern: Kitas, Verwandte, Freund_innen, Partner_innen, etc.

    Ausserdem ist der Gegensatz „sich nicht selber kümmern“ versus „jemanden (schlecht) bezahlen“ doch so überhaupt nicht gegeben, es gibt doch kein entweder-oder: Mütter können sich ja z.B. auch ein bisschen oder halbzeit oder am wochenende, etc. kümmern, das muss nicht unbedingt bedeuten, dass dafür jemand bezahlt werden muss. Zudem ist der dadurch angedeutete Gegensatz ‚Windelfreiheit‘ versus ’sich nicht kümmern wollen‘ doch auch ganz extrem übertrieben.

    Und: klar: die schlechte Bezahlung von Kita-Erzieher_innen, Tagesmüttern und (oft migrantischen) Hausangestellten ist ein großes Problem und ist deswegen auch bereits längere Zeit ein Thema des Feminismus. Auch in diesem Blog wurde dieses Problem doch schon mehrfach angespochen.

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