Skip to content

Asyl: Müttern wird ihre Homosexualität oft nicht geglaubt

Juli 26, 2015

Über Vorurteile und geschlechtsspezifische Diskriminierung bei Asylverfahren berichtet Saideh Saadat-Lendle von ‘LesMigras‘ in einem Interview mit dem ‘Tagesspiegel’. Ein Ausschnitt:

Wie erleben die Betroffenen die Befragungen in den Behörden?

Früher mussten Antragsteller ein Attest vorlegen, das ist glücklicherweise vorbei. Soweit wir wissen, stellen Richter auch keine aufdringlichen Fragen über Sexualpraktiken oder ähnliches. Oft wird zunächst allgemein gefragt: Erzählen sie über ihre schwule, ihre lesbische Lebensweise. Seit wann sind sie homosexuell, wie lange dauerten ihre Beziehungen, hatten sie zwischendurch andere Beziehungen, haben sie womöglich Kinder. Unserem Eindruck nach machen Richter ihr Urteil häufig stark von der Genderperformanz abhängig.

Was bedeutet das?

Frauen, die lange Haare haben und „weiblich“ wirken, wird ihr Lesbischsein häufig nicht geglaubt; genausowenig Frauen, die Kinder haben.

Antje Schrupp zur ‘Politik des guten Lebens’

Juli 23, 2015

Ein interessanter Beitrag von Antje Schrupp auf ‘Fisch und Fleisch’ zum Betreuungs-Geld Urteil im Speziellen und zur Familienpolitik generell.

Das deutsche Bundesverfassungsgericht hat das Betreuungsgeld, wonach Eltern, die ihr Recht auf einen Kitaplatz für ihre Kinder nicht  in Anspruch nehmen, 150 Euro im Monat bekommen, gekippt. Nun jubeln die einen und die anderen raufen sich die Haare, aber ich würde noch einen Schritt weiter gehen: Nicht nur das Betreuungsgeld gehört abgeschafft, sondern generell jegliche „Familienpolitik“.

Stattdessen wünsche ich mir so etwas wie eine „Politik des guten Lebens“, die sich nicht mehr darum schert, wie Menschen in welchen Konstellationen eine „Familie“ bilden oder nicht, sondern die sich daran orientiert, was Menschen brauchen, wenn sie füreinander und für Hilfsbedürftige sorgen. Ganz egal, ob diese zu versorgenden Menschen nun Kinder, Großeltern, Nachbarinnen oder Geschwister sind, also in welcher verwandtschaftlichen Beziehung sie zueinander stehen.

Eltern in der Wissenschaft – Strukturwandel statt Wertewandel

Juli 19, 2015

“Stop thinking, start dreaming”: Der Wertewandel?

Das Problem ist alt bekannt: Wissenschaft und Elternschaft passen schlecht zusammen. Das stellt besonders für Frauen, die oft mehr Sorgearbeit übernehmen, ein Hindernis dar. Zuletzt fasste der Biologe Martin Ballaschk das Problem noch einmal gut auf ‘SciLogs’ zusammen:

In diesem Klima haben es Eltern – besonders Mütter – nicht leicht, denn für die übermenschlichen Arbeitsleistungen oder die kreativen Phasen fehlt ihnen schlicht die Zeit. Teilweise lässt sich das durch unbarmherzige Optimierung und fokussierte Organisation des Alltags ausgleichen. Die Flexibilität der Arbeitszeiten an Unis und Forschungsinstituten wird hier zum echten Vorteil: Wo Schichtarbeiter/innen sich verzweifelt um eine Abendbetreuung kümmern müssen, können wir uns unsere Arbeitszeit dynamisch aufteilen. Aber jede Selbstoptimierung hat Grenzen und niemand kann die kinderlose Konkurrenz daran hindern, sich ebenso optimieren. Besonders ungünstig ist, dass die Zeit der Familiengründung mit der Qualifikationsphase zusammenfällt – also die Phase mit den intensivsten Arbeitsanforderungen und dem höchsten Wettbewerbsdruck. Zwischen Mitte zwanzig und Ende dreißig möchte der wissenschaftliche Nachwuchs nach der Doktorarbeit auch jede Menge Auslandsaufenthalte an Eliteeinrichtungen und den Aufbau einer eigenen Arbeitsgruppe bewerkstelligen. Wer sich nebenher um die Aufzucht des Nachwuchses kümmern muss, kann schnell ins Hintertreffen geraten. (…) Trotzdem wird den Fähigkeiten von Eltern, besonders Müttern und Frauen im Allgemeinen (den potentiellen Müttern) misstraut. Die Mehrzahl der weit überwiegenden Professorenschaft hat die Familienarbeit erfolgreich auf ihre Frauen abgewälzt und erwartet das natürlich ebenfalls vom eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs. Väter haben ihre Frauen, die sich um die Familienangelegenheiten kümmern. Müttern wird wissenschaftliches Arbeiten oft gar nicht erst zugetraut. Häufiger, als man glauben mag, werden Frauen mit Kindern und Schwangere diskriminiert. So kann es vorkommen, dass der Gruppenleiter schwangeren Angestellten eine Kündigung empfiehlt oder Kollegen für die Dummheit bedauert, eine Frau mit Kind eingestellt zu haben. Das alles natürlich nur hinter vorgehaltener Hand, sich der indiskutablen Haltung bewusst. Denn wenn ein Nobelpreisträger wie Tim Hunt offen Stimmung gegen gegen Frauen in der Wissenschaft macht, ist der öffentliche Aufschrei groß. Innerhalb der Community jedoch dürfte die Haltung vorherrschen, dass Hunt lediglich „unbequeme Wahrheiten“ äußerte. Je höher man die Hierarchien hinaufschaut, desto dünner wird die Dichte an Frauen und Familienmenschen. Da Männer bevorzugt Männer einstellen, verstärkt sich der Effekt weiter. Nicht zuletzt sind Frauen auch in Doppelkarrieren benachteiligt, denn tendenziell werden die Karrieren der Männer immer noch als wichtiger wahrgenommen. Dass Frauen in den Naturwissenschaften so stark unterrepräsentiert sind, ist wohl nicht ausschließlich in der Familienfrage begründet, sie spielt dennoch eine große Rolle.

Ja, das stimmt. Als eine zentrale Lösung fordert Ballaschk dann einen ‘Wertewandel’. Der wird ja gern zu vielen Gelegenheiten gefordert, oder halt ein Einstellungswandel. Stimmt ja auch, wäre schön. Solch eine Forderung tut zudem nie weh. Aber manchmal denke ich, dass das mit dem Wertewandel und der Einstellung überschätzt wird. Denn sehr viel schneller und viel besser wäre ein Strukturwandel. Und an der wissenschaftlichen Struktur ließe sich so einiges verbessern. Denkbar ist z.B.:

  1. Eine Abschaffung des Wissenschaftszeitgesetzes in Deutschland. Dieses sieht vor, dass Menschen nur 6 Jahre nach der Promotion als reguläre wissenschaftliche Mitarbeiter_innen an einer Universität beschäftigt sein dürfen. Danach sind sie raus. Oder erstmal befristet bzw. prekär beschäftigt und dann raus. (Oder, in wenigen Fällen, Professor_innen). 6 Jahre. Das ist gar nicht lang. Ein Kind mit 6 Jahren ist überhaupt erstmal ein bisschen aus dem gröbsten raus, sagen manche. Andere sagen, dass es noch einige Jahre länger dauert, bis sich das Kind selbst essen kocht, alleine ins Bett bringt, sich den ganzen Tag beschäftigt und einen nicht vermisst, wenn man mehrere Tage auf Konferenzen fährt. Aber vielleicht sind letztere Menschen ja so komische Glucken-Mütter, die eh nicht zum logischen Denken gemacht sind. Nun ja. Jedenfalls: Es ist für viele Menschen, die sich um Kinder kümmern, nicht möglich, sich in 6 Jahren so schnell zu qualifizieren, dass sie im Anschluss eine Professur bekommen. Zwar besteht die Möglichkeit, den Zweitraum um die Elternzeit und um max. zwei Jahre zu verlängern (siehe Kommentar unten) – dies wird an vielen Universitäten aber nicht umgesetzt und ist oft immer noch zu wenig. Es würde die gleichberechtigte Teilhabe von Eltern (und z.B. von Menschen, die sich um alte Angehörige kümmern oder von chronisch kranken Menschen) an der Wissenschaft enorm verbessern, wenn die 6 Jahres-Grenze fallen würde.
  2. Eine Stärkung des akademischen Mittelbaus: Es braucht mehr unbefristete wissenschaftliche Mitarbeiter_innen-Stellen (bzw. akademische Rät_innen, whatever) unterhalb der Professuren. Das fordern schon lange viele kluge Köpfe, unter anderem die vom Templiner Manifest.
  3. Eine Veränderung der Ausschreibungen für Junior-Professuren: Zu den Anforderungen gehört meistens ein Auslands-Aufenthalt von mindestens einem Jahr. Das ist für Eltern von kleinen Kindern ziemlich utopisch. Erstens weil sie ihr Kind oft nicht aus der vertrauten Umgebung reissen wollen und das zu stressig finden. Zweitens wegen dem nächsten Punkt:
  4. Die Finanzierung von Kinderbetreuung bei Auslandsaufenthalten: Viele Stipendien oder Stellen im Ausland sehen Kinder nicht vor – sie übernehmen oft weder die Kosten für Kitas oder Babysitter, noch Reise und Unterbringung für Kinder und mögliche betreuende Partner_innen.
  5. Die Finanzierung von Kinderbetreuung bei Konferenzreisen: “Leider ist uns die Erstattung solcher Kosten nicht erlaubt. Das finden wir selbst nicht gut.” Das ist die Antwort, die Konferenzorganisator_innen häufig bei vorsichtigen Nachfragen (und unvorsichtigen Beschwerden) wegen Kinderbetreuung geben. Wenn Reisekosten von Veranstalter_innen übernommen werden, dann nur für die Person, die den Vortrag hält. Reise- und Hotelkosten für Kind und Betreuung werden nicht erstattet. Das ist besonders ungünstig für Menschen, die ihr Baby noch stillen. Und für Alleinerziehende. Die können dann halt leider keinen Vortrag auf der Konferenz halten. Sorry, aber die sind in den Richtlinien halt einfach nicht vorgesehen.
  6. Mehr Stipendien und Fördermaßnahmen für Menschen, die Sorge-Arbeit übernehmen: Sei es für alte oder erkrankte Angehörige oder Kinder.
  7. Eine Anrechnung von Stipendien auf Elterngeld: Viele Wissenschaftler_innen erhalten für die Promotion Stipendien, einige auch danach. Leider wird ein Stipendium folgendermaßen in die Berechnung von Elterngeld einbezogen: 0,00. Dadurch erhalten diese Menschen während der Elternzeit nur den Mindestsatz von 300 Euro. Das führt zu Armut bzw. massiver ökonomischer Abhängigkeit in Partnerschaften.
  8. Quoten: Für Menschen, die in der Wissenschaft weniger Chancen haben.
  9. usw.

Auf der Dialogplattform ‘Wissenschaft und Familie’ werden übrigens bis 31. August Erfahrungsberichte und Vorschläge zu dem Thema angenommen. Einige Beiträge dort sind lesenswert, wenn auch bislang eher deprimierend.

Mütter fördern, Väter verändern?

Juli 16, 2015

Eine wichtige Beobachtung macht Jochen König auf seinem Blog. Er beschäftigt sich mit Rhetorik und Zielsetzung des Familienberichts 2015 des Berliner Senats. Seine Kritik lässt sich aber sicherlich auf fast alle familienpolitischen Maßnahmen verallgemeinern – nämlich das männliche Rollenmuster wenig hinterfragt werden, wohingegen weibliche Rollenmuster als ablehnenswert, überholt und schädlich gelten.

Immer wieder wird außerdem die „Förderung von Vätern“ gefordert. Väter sollen in ihrer Rolle gefördert und gestärkt werden, Mädchen und Frauen dagegen ihr Rollenverständnis verändern. Väter sind irgendwie schon ok so, wie sie sind. Sie benötigen nur etwas mehr Hilfe und Förderung, weil es ja beispielsweise so immens schwierig ist, das gesetzliche Recht auf Elternzeit auch wirklich wahrzunehmen. Frauen dagegen müssen echt nachhaltig was verändern, damit wir dem Ziel näher kommen, die ungleiche Bezahlung der Geschlechter aufzulösen. Frauen dürfen einfach nicht mehr so lange mit Kind zuhause bleiben und sich endlich ordentliche Berufe aussuchen. Haha.

Für ungleiche Geschlechterverhältnisse wird so implizit die Einstellung von Frauen verantwortlich gemacht – wohingegen Männer ja scheinbar wollen, aber gehindert werden.

Zum ‘Mutterschutz’

Juni 30, 2015

Dieses Wort klingt so antiquiert, dass es mir schwer fiel, es in der Überschrift stehen zu lassen. Vielleicht heisst der äußerst lesenswerte Text von Mascha Jacobs deshalb auch schön ominös ‘Wenn die Auster zweimal klemmt‘. (Er erschien vor einigen Wochen auf ‘Ich.Heute.10.vor.8′)

Der Text handelt von der Gesetzgebung zu Mutterschutz – also der Zeit kurz vor und nach der Geburt. Angestellte bekommen in dieser Zeit finanzielle Förderung von Krankenkasse und Arbeitgeber. Für die vielen Menschen, deren Beschäftigungsverhältnisse sich jenseits der Anstellung bewegen, sieht es finanziell dagegen oft äußert schlecht aus. Ein Ausschnitt aus dem Text:

Ich bin jedoch nicht die einzige, der der Mutterschutz entgangen ist. Auch Leiharbeiterinnen, befristest Beschäftigte, Geschäftsführerinnen, Schülerinnen, Studentinnen, Praktikantinnen, Soldatinnen, privat versicherte Selbstständige und Frauen, die eine Fehlgeburt erlitten haben, fallen nach der geltenden Gesetzeslage aus dem Mutterschutz raus. Das Mutterschutzgesetz ist nicht nur aufgrund der Orientierung am Normalarbeitsverhältnis gnadenlos veraltet und unzureichend.

Es geht auf ein Gesetz von 1952 zurück, das als Ersatz für das vom Geist des Nationalsozialismus vergiftete Gesetz zum Schutz der erwerbstätigen Mutter aus dem Jahre 1942 bis heute umgesetzt wird. Auch wenn das Mutterschutzgesetz eine der großen Errungenschaften des Arbeits- und Arbeitsschutzrechts für Frauen ist, wäre eine Novellierung dringend notwendig, denn seit den 50er Jahren ist doch so einiges passiert, möchte man meinen.

Heute ist meine damalige Situation, selbstständig von Zuhause arbeitend und nicht abgesichert, für viele Frauen Realität. Ich verpasste meinen Mutterschutz. Eine „richtige Schwangere“ wollte ich sowieso partout nicht sein. Die größte Angst hatte ich davor, dass meine vorherigen Interessen in der Schwangerschaft unmerklich, aber unwiderruflich verschwänden, dass ein Vakuum entstehen könnte, welches im Umkehrschluss durch die totale Konzentration auf das Kind kompensiert werden müsste. Also spielte ich überzeugend die Rolle der Anti-Mutter.

(…) Mutterschutz ist kein individuelles Problem, das wir weglächeln können, es gehört auf die politische Agenda. Im Gleichstellungsbericht ist das Thema unter den Tisch gefallen, obwohl eine schwangerengerechte Arbeitswelt ein Kernthema der Gleichstellungsdebatte sein sollte. Denn die Probleme beginnen nicht erst im Kreißsaal; die Auswirkungen auf die gleichberechtigte Teilhabe, die Einschnitte in die Lebensläufe von Frauen nehmen bereits in der Schwangerschaft ihren Anfang.

Ich schliesse mich an: Eine Reform (und vielleicht gar eine Umbenennung) des Mutterschutz ist ein feministisches Thema.

zwei Gentrifizierungs-Bilder mehr

Juni 28, 2015

Foto 1-2

Der Friseursalon, der wegen Mieterhöhung geschlossen hat.

Foto 2-2

Der hoffnungs-weckende Protest dagegen, dass dem Gemüsemarkt ‘Bizim Bakkal‘ wegen Sanierung gekündigt wurde.

(Hoffentlich setzt das einen Schlusspunkt an die deprimierende Nachbarschafts-Gentrifizierungs-Reihe mit Kinderärztin, Kinderläden und Restaurants.)

Geburten, Raten.

Juni 8, 2015

Ja, Deutschland ist letzter und so. Ich mag die Debatten um niedrige Geburtenraten überhaupt nicht. Erstens weil ich nationale Ranglisten irgendwie unangenehm finde und das Konzept von Nationen ebenfalls. Zweitens weil in Debatten meist sehr schnell ‘die Frauen’ in die vermeintliche Verantwortung genommen werden. Drittens weil die Geburtezahl keine direkte Aussagen über die Qualität familienpolitischer Leistungen zulässt (denn Familienpolitik sollte an Lebensqualität und Gleichberechtigung orientiert sein). Viertens weil ich mich immer wieder wundere, warum nicht einfach mehr geflüchtete Menschen aufgenommen werden können und Kinder ohne deutsche Staatsbürgerschaft immer noch abgeschoben werden – wenn die Bevölkerungszahl doch angeblich so rapide abnimmt. Und fünftens gibt es sicherlich noch einige gute Gründe mehr.

Aufschlussreich fand ich Antje Schrupps Informationen zur jüngsten Studie zur deutschen Geburtenrate des Weltwirtschaftsinstituts bei ‘FischundFleisch’:

Allerdings – wenn man genauer hinschaut – ist eigentlich gar nicht viel passiert. Das „schlechte“ Abschneiden Deutschlands liegt nämlich nicht daran, dass die Gebärfreudigkeit noch mehr abgenommen hätte als sowieso schon. Sondern der Grund ist, dass diese Studie einen anderen Maßstab nimmt, als andere Studien: Nicht die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau (die so genannte „Fertilitätsrate“) war das Kriterium, sondern die „Geburtenrate“, also Zahl der Geburten pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohner. Da aber alte Menschen nunmal keine Kinder bekommen, ist die Geburtenrate logischerweise umso niedriger, je höher der Anteil älteren Menschen in einer Gesellschaft ist. Ganz unabhängig davon, wie viele Kinder einzelne Frauen bekommen. Denn Frauen jenseits der Fünfzig kriegen in aller Regel keine Kinder mehr.

Deshalb ist es auch kein Wunder, dass in der internationalen Geburten-Olympiade die ärmsten Länder so „gut“ abschneiden, Niger zum Beispiel, mit 50 Geburten pro tausend Einwohnerinnen und Einwohner. Super Sache, so viele Kinder? Ganz und gar nicht. Denn die hohe Geburtenrate ist nur eine Folge davon, dass die Menschen in Niger vergleichsweise früh sterben. Und deshalb der Anteil der Frauen im gebärfähigen Alter dort eben viel, viel höher ist als in Deutschland.

Es ist fahrlässig und verzerrend, den Faktor Geburtenrate in demografischen Diskussionen unabhängig vom Faktor Lebenserwartung zu diskutieren.

Auch Stefanie Lohaus Text in der FAZ beschäftigt sich mit der Geburtenrate und deutscher Familienpolitik:

Wer irgendeine Talkshow zur Familienpolitik einschaltet, sucht zeitgemäße Elternvorbilder mit der Lupe. Immer wieder bekommen wir stattdessen die 40jährige Birgit Kelle vorgesetzt, die sich klar gegen Kinderbetreuung und für ein traditionelles Familienmodell positioniert.

Kelle darf leben, wie sie will, das ist keine Frage. Aber sie repräsentiert in meiner Generation eine absolute Minderheit, die durch ihre Dauerpräsenz auf dem Bildschirm künstlich aufgeblasen wird. Sie sitzt da, weil der durchschnittlich 60-jährige Zuschauer des öffentlich-rechtlichen Fernsehens seine Ansichten bestätigt will, nicht, weil sie etwas über die Wünsche junger Familien aussagt.

Es fehlt jedoch nicht nur an Vorbildern, sondern auch an Optimismus und kreativem Denken. Zwei Vätermonate und Betreuungsplätze für unter Dreijährige reichen bei weitem nicht aus. Was ist mit Ganztagsschulen, Home-Office, Job-Sharing für Führungskräfte, 32-Stunden-Woche, flexible Kinderbetreuung für Menschen mit Schichtdienst?

Diese Vorschläge sind gut. Sie sollten aber umgesetzt werden, um gleiche Chancen zu schaffen und allen Menschen gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen – und nicht um einen Preis in einem ominösen nationalen Geburtenzahlenwettbewerb zu erringen.

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 382 Followern an