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Studien zu Fruchtbarkeit und Alter

April 12, 2015

Studien zu weiblicher Fruchtbarkeit sind ganz sicher nicht unproblematisch. Zum einen sind sie zweifellos oft von Geschlechtsstereotypen beeinflusst. Zum anderen ist generell nicht ratsam, allen wissenschaftlichen Ergebnissen unreflektiert zu vertrauen. Und selbst man ihnen vertraut, stellt sich die Frage, inwieweit man das eigene Leben am statistischen Durchschnitt ausrichten sollte.

Das sei nur eingangs erwähnt, weil die wissenschaftliche Kritik, die die Psychologin und Statistikerin Jean Twenge an Studien zu Fruchtbarkeit übt, ebenfalls nicht komplett unproblematisch ist. Dafür ist ihre Kritik aber trotzdem sehr interessant. Unter dem Titel ‘How long can you wait to have a baby?‘ beschäftigt sie sich mit verschiedenen Statistiken zu Fertilität und Alter und deren oft irreführender Interpretation. So beschreibt sie beispielsweise, dass eine der zentralen Studien zur im Alter abnehmenden Fertilität allein historische Ergebnisse liefert: Denn die Daten basieren auf französischen Geburtenregistern von 1670 bis 1830 und sind entsprechend wenig auf heutige Verhältnisse übertragbar:

The widely cited statistic that one in three women ages 35 to 39 will not be pregnant after a year of trying, for instance, is based on an article published in 2004 in the journal Human Reproduction. Rarely mentioned is the source of the data: French birth records from 1670 to 1830. The chance of remaining childless—30 percent—was also calculated based on historical populations.

Einige aktuellere Untersuchungen liefern dagegen Ergebnisse, die nahelegen, dass sich die Fertilität von Frauen, die Ende 20 Jahre alt sind und solchen, die Ende 30 Jahre sind, nur um 4-6 Prozentpunkte unterscheiden.

Surprisingly few well-designed studies of female age and natural fertility include women born in the 20th century—but those that do tend to paint a more optimistic picture. One study, published in Obstetrics & Gynecology in 2004 and headed by David Dunson (now of Duke University), examined the chances of pregnancy among 770 European women. It found that with sex at least twice a week, 82 percent of 35-to-39-year-old women conceive within a year, compared with 86 percent of 27-to-34-year-olds. (The fertility of women in their late 20s and early 30s was almost identical—news in and of itself.) Another study, released this March in Fertility and Sterility and led by Kenneth Rothman of Boston University, followed 2,820 Danish women as they tried to get pregnant. Among women having sex during their fertile times, 78 percent of 35-to-40-year-olds got pregnant within a year, compared with 84 percent of 20-to-34-year-olds.

Vielleicht sind Studienergebnisse wie diese zumindest für Besuche bei Gynäkolog_innen nützlich. Denn dort gehört die vermeintlich gut gemeinte ‘Warnung’ vor dem 35. Geburtstag, die gerade an kinderlose Frauen geht, ja leider nach wie vor zur ärztlichen Routine.

Reue

April 7, 2015

‘Vielleicht wirst Du das mal bereuen’ ist ein Satz, den Frauen oft zu hören bekommen, wenn sie keine Mütter werden wollen. Mit dem argumentativen Druck der angeblichen späten Reue hat sich ja Sarah Diel in ihrem Buch zu gewollter Kinderlosigkeit ausführlich befasst.

Dass dagegen auch die Entscheidung zum Kind bereut werden kann, ist ebenso naheliegend wie tabuisiert. Wohl deswegen stiess ein interessanter Artikel von Esther Goebel über unglückliche Mütter in der SZ auf viel Resonanz. Goebel beschäftigt sich darin mit einer Studie über Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen. Es gab bereits einige gute Reaktionen darauf (hier eine Liste, hier noch eine), am eindrücklichsten fand ich einen Text bei den Phoenix-Frauen zu dem Thema. Ein Ausschnitt:

(…) es gibt Momente, wo ich wutentbrannt “im nächsten Leben keine Kinder” in mich hineinschnaube. Ich habe vollstes Verständnis für meine Freundinnen, die keine Kinder haben. Ich würde nie zu ihnen sagen, dass ich es schade finde, dass sie keine Kinder haben oder dass sie etwas verpasst haben. Ich genieße es, mit ihnen Frauen zu kennen, die mit mir nicht nur über Kinder reden. Manchmal beneide ich sie um ihre Wochenenden und ihre Freizeit. Ich beneide sie darum, dass sie nur sich selbst zu verantworten haben und dass es dadurch auch nicht ganz so bedrohlich ist, wenn mal weniger Geld in der Kasse ist. Ich beneide sie darum, dass sie keine wichtigen Zukunftsentscheidungen für einen anderen Menschen treffen müssen, die sich dann vielleicht als Fehler herausstellen. Ich beneide sie darum, dass sie sich von ihrem Partner trennen können, ohne damit zusätzlich einem unschuldigen Kind das Leben zu verkorksen. Ich beneide sie darum, dass sie sich mit weniger Sorgen und Ängsten herumschlagen müssen. Ich beneide sie darum, dass sie sich nie so sehr am Rande ihrer nervlichen Belastbarkeit erleben müssen.

Ich finde es wichtig, Reue – oder zumindest solche Ambivalenzen – in Bezug zu Mutterschaft stärker zu thematisieren (und dass Reue und Ambivalenz keinesfalls identisch sind, analysiert ‘aufzehenspitzen‘ sehr schlau). Besonders, weil die mit Mutterschaft verbundenen Arbeitsbedingungen und Erwartungen alles andere als ansprechend sind – wie auch folgendes (auf andere Art ambivalentes) Video zu einem vorgetäuschten Vorstellungsgespräch zeigt. Das Video war zum Muttertag. Sein erster Teil zeigt einige Gründe, weshalb sich die Entscheidung, Mutter zu werden, durchaus bereuen lässt. Der zweite Teil ist leider unangenehm affirmativ-kitschig.

Gerade der zweite Teil des Videos zeigt zugleich auch, auf welche Art der Muttermythos Gefühle der Reue oft neutralisiert: An der Stelle, an der man sich anfängt zu fragen, ob sich all diese furchtbaren Anstrengungen denn tatsächlich lohnen, setzt das Narrativ der mütterlichen Opferbereitschaft ein. In all der offensiven Dankbarkeit für soviel Selbstlosigkeit, würde Reue dann wohl doch zu egoistisch scheinen. Vor allem aber taucht eine Mutter selbst in dem Video gar nicht auf – dass eine der job-suchenden Personen selbst bereits Mutter sein könnte, scheint nicht möglich. Dann würde die ganze Geschichte wohl aber auch zu kompliziert. In einem der Blog-Texte fand ich deshalb einen Ausdruck sehr schön: statt regretting motherhood könnte es oft eher regretting the system heissen.

Allerdings keineswegs immer. Denn es gibt sie, die echte Reue, die sich nicht nur auf Momente bezieht und die keine Tür offen lässt: Es gibt Mütter, die bereuen, ihre Kinder bekommen zu haben. Und zwar unabhängig von jedwelchem System.

Stillen als Möglichkeit

März 24, 2015
(Collage: Fuckermothers)

(Collage: Fuckermothers)

Stillen ist von vielerlei Zwängen umgeben – sei es der Druck, sein Kind für dessen Gesundheit unbedingt stillen zu müssen, sei es das Verbot, nicht in der Öffentlichkeit stillen zu dürfen oder die Vorgabe, nicht zu lang zu stillen. Das war in diesem Blog ja bereits mehrfach Thema.

Eine Legitmation für den oft empfundenen Zwang zum Stillen liefern scheinbar klare emprische Evidenzen aus der Wissenschaft, die bei näherem Hinsehen allerdings nicht mehr ganz so klar sind. Ein gutes Update dazu kommt von ‘aufZehenspitzen’. Sie setzt sich kritisch mit einer neuen Studie auseinander, die jüngst viel durch die Medien geisterte – nämlich mit der brasilianischen Langzeit-Still-Studie (Horta), deren Kernaussage war, dass Stillen Kinder intelligenter mache. Sie nennt einige Fehlschlüsse sowie in diesbezüglichen Artikeln vergessene Punkte, die sehr lesenswert sind.

Wer sich – unabhängig von solch eher zweifelhaften wissenschaftlichen Vorgaben – entscheidet, zu stillen, muss diese Tätigkeit vielleicht nicht immer unbedingt als Zwang betrachten, sondern kann sie auch als Möglichkeit nutzen. Beispielsweise für Kunst. Oder etwa für Freundschaft und soziale Mutterschaft. Etwa handelt ein langer Artikel im ‘Guardian‘ davon, wie eine Frau ihr eigenes und das Kind ihrer Freundin stillte. Gemeinsames Stillen wird mitunter auch von lesbischen Müttern praktiziert. Zudem hat das Ammenwesen schließlich eine sehr lange Geschichte. In der Schweiz gingen die letzten beruflichen Ammen wohl in den 1950ern in den Ruhestand. Ein bio-kapitalistisches Update erfährt das Ammenwesen aktuell durch einige pharamzeutische Firmen, die für das ‘weiße Plasma’ relativ viel Geld bezahlen – eine Entwicklung, die sehr kontrovers diskutiert wird.

Zugleich wäre es sicherlich auch falsch, nun wiederum das Stillen mit dem Anspruch auf unendliche Möglichkeiten, auf Kreativität, Soziales-Beziehungs-Stiften oder Alles-Anders- bzw. Wie-Früher-Machen zu überfrachten. Manche Leute stillen, andere nicht. Und die, die stillen, sollten es auf die Art und Weise und an den Orten tun, die gut für sie sind. Ohne Zwang, eben.

Raben- Mütter e.V. sucht Unterstützung

März 22, 2015

Ein Aufruf: Mein Name ist Anne Bonnie, ich bin 34 Jahre alt und reif, mein Herzensprojekt in Angriff zu nehmen: Die Gründung eines Vereins, der sich einem tabuisiertem Thema widmet,

Müttern, die gehen.

Wir leben in einer Zeit, in welcher das Mutterideal noch immer geprägt ist von bedingungsloser Hingabe, grenzenloser Liebe, der Aufopferung der Mutter und von dem Glauben an einen biologischen Determinismus, nur als Mutter ganz Frau zu sein. Mütter, welche ihr Kind bei einer anderen Betreuungsperson lassen, werden von der Gesellschaft kritisch beäugt. Sofort reagieren andere Mütter mit einem Gefühl von Verlust, oder Verrat am Kind: „ Ich könnte das nicht“. Die Mehrheit der Menschen richtet den Blick nach dem Befinden des Kindes. Und dies in einem Ausmaß, welches bei Trennung vom Vater, oder einer nicht biologischen Bezugsperson nicht im Ansatz vorhanden ist. Die Mutter ist das Maß aller Dinge.

Die Mutterrolle seit vielen Generationen über- idealisiert, wird

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Unterstützung für geflüchtete Familien

März 17, 2015

Zwei Aufrufe zur konkreten Unterstützung von geflüchteten Familien sind sehr aktuell:

  1. “Die Flucht der Familie aus Damaskus bis nach Deutschland war dramatisch (…). Im Sommer 2014 schafft es die Familie nach Kaarst (NRW). Dort kommen Eltern und Kind endlich zu Ruhe. Sie lernen deusch und werden durch einen Helferkreis unterstützt. Rayan geht in die Kita, sogar ein erstes Arbeitsplatzangebot liegt vor, schreibt Grünberg. Doch der Asylantrag in Bulgarien wird der Familie zum Verhängnis: Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge lehnte den Asylantrag ab. Die Familie soll nach Bulgarien zurück, schreibt die Behörde. Antje Grünberg und die anderen Helfer der Familie aus Kaarst sind schockiert, denn in Bulgarien leiden viele Flüchtlingsfamilien unter Not und Obdachlosigkeit.” Hier die Petition zum Bleiberecht der Familie, über die auch Proasyl berichtet.
  2. Dieser Aufruf ging kürzlich durch einige soziale Medien: “*Praktische Solidarität für junge Familie dringend nötig!* Eine junge Familie (alleinerziehende Mutter und drei Kinder) braucht dringend praktische Solidarität. Die Familie lebt seit der Räumung der Gerhard Hauptmann Schule in der Ohlauer Straße in ständiger Unsicherheit und von Obdachlosigkeit bedroht. Behörden und Ämter versagen der Familie Schutz und ihre Grundrechte zu sichern, stattdessen werden ihnen diese verwehrt. Konkrete Solidarität ist sehr wichtig, damit die Familie weiter für ihre Rechte kämpfen kann. Bitte meldet euch, falls ihr in der Lage seid, etwas zur Unterstützung beizutragen! Im Moment wird folgendes benötigt:

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Recht und Reproduktion: drei Neuerungen

März 15, 2015
  1. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Straßburg besagt, dass eine Person, die das Geschlecht anpassen will, sich vorher nicht sterilisieren lassen muss. Dadurch wird vielen Trans*Menschen nun zumindest nicht mehr auf gesetzlicher Ebene das Recht abgesprochen, leibliche Kinder zu haben.  (Bis 2011 war auch in Deutschland eine Personenstandsänderung – also die formale Angleichung des Geschlechts – nur möglich, wenn die beantragende Person sich durch eine Operation „dauernd fortpflanzungsunfähig“ machte). Mehr Infos auf der taz.
  2. Zwar werden gleichgeschlechtliche Paare in Deutschland weiterhin im Adoptionsrecht diskriminiert, es gibt aber eine kleine Besserung. Wie Rainbow Family News berichtet, wurde der Gesetzestext so verändert, dass ein Elternteil mit nicht-deutscher Nationalität seine Staatsbürgerschaft künftig nicht mehr aufgeben muss, um ein Stiefkind zu adoptieren.
  3. Bereits im Januar diesen Jahres gab es ein Urteil des Verfassungsgerichts in Österreich zur absoluten Gleichstellung im Adoptionsrecht. Nach diesem sollen gleichgeschlechtliche Paare nun endlich alle Rechte erhalten, die gegengeschlechtlichen Paare bereits haben. Bis Dezember 2015 muss ein verfassungskonformes Gesetz geschaffen werden. (Infos im Standard). In Deutschland ist es für homosexuelle Paare weiterhin rechtlich unmöglich, gemeinsam ein Kind zu adoptieren

trans*parent – “Neuauflage”/”Limited Edition”/Erweiterte Version

März 12, 2015

E findet in der ‘öffentlichkeit’/sichtbarkeit meistens nicht die ‘richtigen’ worte oder wird nicht angehört oder gesehen, daher hat E irgendwann 2014 eine mutig-wütende bildbeschreibung von dem selbstbild als trans* und elternteil entworfen.

keine rechtfertigung, sondern überwindung der sprachlosigkeit.

ich bin trans*parent.

ich bin trans* und elternteil (parent) für mein kind = trans*parent.

ich habe das bedürfnis über mich zu schreiben, weil ich selber keine menschen mit ähnlichen lebensumständen kenne.

wenn ich mich skizzieren würde, hätte ich zuallererst

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