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Sitzen für die Zukunft – ein Gastbeitrag zum Frauenstreik

Mai 26, 2019

Frauenstreik

Am 14. Juni tun einige Aargauer Landfrauen das, was für sie am Ungewöhnlichsten ist; sie tun nichts. Denn Lotti Baumann, Präsidentin des Landfrauenverbandes, hat für 14. Juni von 15:30 bis 16:45 zum Sitzstreik aufgerufen für gerechtere Verteilung der Hausarbeit.

Ein Interview von Christine Braunersreuther 

Lotti Baumann arbeitet hart. Für eine Bäuerin ist das nicht verwunderlich. Aber derzeit arbeitet sie noch viel härter, nämlich an sich selbst. Die Präsidentin des Landfrauenverbandes hat vier Kinder großgezogen und immer alles so gemacht, „wie es urlange schon so in uns Frauen gespeichert ist und wie es seit Generationen schon so gemacht wird“ – nämlich dass Frauen immer für die Haushaltsarbeiten und die Kinder zuständig sind und ganz selbstverständlich aufstehen und rennen, wenn etwas getan werden muss. Doch jetzt hängt vor Lotti Baumanns Hof eine violette Fahne mit geballter Faust. Jetzt ruft Lotti Baumann die Aargauer Landfrauen für 14. Juni zum Sitzstreik auf, weil sie findet, die Frauen dürften nicht weiter alles so hinnehmen wie bisher, müssten sich auch einmal beteiligen und nicht immer nur im Hintergrund sein und die ganze Hausarbeit machen.

Frau Baumann, wie kamen Sie auf die Idee zu einem Frauenstreik? Sie haben einmal gesagt, die Erkenntnis sei Ihnen am Weihnachtsabend gekommen. 

LB:

Ja – „Gopfriedstutz“ habe ich mir am letzten Weihnachtsabend gedacht, als ich mit meiner Tochter und der Schwiegermutter den Abwasch gemacht habe, während die Männer Wein getrunken und diskutiert haben. Aber eigentlich war das nur die Erleuchtung. Die Idee mit dem Streik hatte ich schon früher. Durch meine Funktion bin ich Mitglied des Runden Tisches, da kommen Frauen aus allen Organisationen und Parteien aus dem Kanton zum Austausch zusammen. Da kamen mal die Gedanken und Ideen zu einem Frauenstreik auf und ich wurde gefragt: „Machst du mit?“ Und es war sofort ein Wunsch von mir, dass sich die Landfrauen da einmal beteiligen und nicht immer nur im Hintergrund sind. Wir waren immer versteckt hinter dieser Vorgabe, dass wir politisch neutral sind. Politisch neutral – das hieß, sich immer im Hintergrund halten. Das wollte ich nicht mehr. Ich habe das dann im Vorstand besprochen und alle waren sich einig: DAS machen wir.

Aber wie sind Sie dann gerade Weihnachten darauf gekommen, dass Sie sich nicht nur irgendwo anschließen wollen zu einem Streik, sondern selber dazu aufrufen wollen? 

LB:

Dieses Beispiel mit Weihnachten war nur so ein Beispiel, dass man die ganze Zeit Vieles hinnimmt und nicht überlegt, ob es wirklich so sein muss, wie es halt immer ist und immer war. Das ist ja nicht nur bei mir so. Ich habe viel in Bauersfamilien ausgeholfen früher im Haushaltsservice und da war es immer so, dass wenn etwa am Mittagstisch das Kind schreit weil es irgendwas braucht, dann steht die Mutter auf und holt es und wenn dem Mann etwas fehlt, dann geht sie auch und holt. Das sind so kleine Sachen, aber da ist ein Umdenken nötig. Das braucht wirklich Arbeit, dass man es als Frau, wenn man es nicht anders gewöhnt ist, dann aushält zu sagen: „Hol es dir doch selber.“

Und bei uns Landfrauen bleibt es ja nicht dabei, dass wir das zu Hause machen. Es sind dann vielleicht die Eltern, die etwas brauchen, oder die Nachbarin, und dann kommt der Bürgermeister und fragt: „Ihr Landfrauen, macht ihr den Apero zum nächsten Festtag?“ Und man sagt: „Toll, klar, das machen wir.“ Und bekommt dafür aber nichts als Gottes Lohn. Erst kürzlich hatten wir eine Anfrage für ein Buffet. Da haben die Leute uns klar gesagt, sie hätten nur ein geringes Budget und wenn sie das beim Bäcker bestellen, wäre das viel zu teuer, deshalb haben sie bei den Landfrauen gefragt. Das haben wir dann nicht gemacht. Denn wir machen die Sachen ja schon gerne – aber die Wertschätzung muss halt da sein. Und die ist halt nicht mit einem Dankeschön getan. 

Hatten Sie vor Ihrem Entschluss schon einmal von Frauenstreiks gehört – oder kennen Sie die „Lohn-für-Hausarbeit-Kampagne“ aus den 1970ern?

LB:

Da muss ich sagen: Das ist lange Zeit an mir vorbei gegangen. Ich habe 4 Kinder groß gezogen – und es waren immer nur die Kinder und der Betrieb im Mittelpunkt. Aber jetzt habe ich das Amt und die Möglichkeit, mich zu informieren, und jetzt tu ich das und rede darüber. Denn ich habe das Gefühl, das muss mal jemand aufs Tapet bringen. Früher dachte ich immer, das ist uns Frauen in der Natur so gegeben – wenn es darum geht, vorne hinzustehen und dazu zu stehen, was man gesagt, dass man das halt nicht so gerne macht. Aber es ist halt die Erziehung. Es ist so überliefert über die Generationen. Aber das kann man auch ändern.

Haben Sie das in Ihrer eigenen Familie schon anders transportiert? Bzw. wie nimmt ihre Familie ihr Engagement auf? 

LB:

Wir haben zu Hause auch unsere Muster. Wir haben ein Mädchen und drei Jungen – und gerade beim Jüngsten, der jetzt die Landwirtschaftslehre beginnt, merke ich; der hat so viel vom Vater und Großvater auch in seinem Verständnis, wie die Rollenverteilung geregelt ist. Da krieg ich manchmal fast Schübe. Wir sprechen das natürlich an und ich sag ihm, dass eine Frau das nicht so gut finden wird, und lachen dann auch darüber – aber das sitzt so tief…

Gerade war ich 4 Tage weg. Ich fahre ja öfter mal mit meinen Frauen weg für ein paar Tage. Früher war es so, dass meine Tochter für Ordnung gesagt hat, bevor ich zurück gekommen bin. Aber jetzt ist sie nicht mehr am Hof. Und trotzdem war Ordnung und sauber. Da habe ich sie gelobt. Nur mit der Ordnung im Keller mit dem Sortieren sind sie noch nicht so geimpft, das mache ich besser selber. Aber eigentlich machen sie das eh alles gerne, haben sie sogar gesagt. Ich selber mache das auch gerne – und ich hoffe, dass ich das auch so weiter geben kann. Ich muss mich nur selber immer wieder an der Nase nehmen, dass ich nicht einfach so abspule, wieder so zu tun wie immer, nämlich alles zu machen. Weil dann ist es einfach zu viel.

Und wie haben die Landfrauen auf den Streikaufruf reagiert? 

LB:

Viele haben positiv reagiert – aber es gibt Viele, die das falsch verstehen. Ich merke: wenn ich ein persönliches Gespräch führe mit den Frauen, dann verstehen sie es auch. Das Problem ist das Wort ‚Streik‘. Das ist sehr dunkel behaftet. Es ist das, was viele Frauen abschreckt. Entscheidend ist, dass Frauen merken, dass wir nicht aggressiv sind oder Parolen schreiben oder provozierend vorgehen. Wir machen diesen Sitzstreik letztendlich, aber wir sind ganz friedlich. Wir haben unser Essen und Getränk dabei und machen einfach nichts. Und zeigen uns. Das ist mir eigentlich das Wichtigste. Wir forder auch nicht groß – wir fordern höchstens die Frauen auf: habt den Mut, setzt euch hin, lasst euch auf Diskussionen ein und überlegt, was sind eure Wünsche. Mir war wichtig, dass keine Frau etwas vorbereiten muss, einmal nichts backen oder so. Die Landfrauen tun ja sonst schon immer so viel.

Manche Frauen waren aber schon auch ablehnend. Wir haben das zwar im Vorstand gemeinsam beschlossen, sonst hätte ich das auch nicht gemacht. Aber die Mitglieder können da nicht alle so mit. Die haben Angst, dass wir die Männer angreifen – und sagen, es sei grundsätzlich gut so, wie es sei und es gab auch Drohungen, dass sie aussteigen aus dem Landfrauenverband. Ich habe böse Mails bekommen, dass wir da den Geschlechterkrieg anzetteln. Aber das ist nicht, was wir wollen. Wir wollen, dass jede Frau selber ihre Rolle hinterfragt. Und dass sie aus ihrer Opferrolle rauskommt. Aber das muss jede selber machen für sich.

Ich hab auch von Männern Mails bekommen – aber die waren so ohne Niveau, die habe ich gelöscht. Manche Männer sagen ja: „Die Frauen sollen erst mal zum Militär.“ Ich habe erfahren, in solchen Fällen nützt argumentieren nichts – darüber muss man hinweg lächeln. Es dröhnt schon so hilflos, wenn sie mit diesem Argument kommen. Das kommt halt dann, wenn ihnen sonst nichts mehr einfällt. Das ist scheinbar die Angst, den Frauen da mal die Macht zu überlassen. In den Kommentaren zu einem Artikel über mich, wo ich das gesagt habe, hat eine Frau etwas sehr Gutes geschrieben: „Das wäre ja noch schöner, wenn wir da auch noch mitmachen müssten – das haben ja nicht wir erfunden.“

Da muss man auch umdenken und sich klar sein, dass man es nicht allen recht macht. Das muss man schon lernen.

Was genau wollen sie mit dem Streik erreichen? 

LB:

Ich denke, es ist jetzt mal ein kleiner Schritt in eine Richtung, in der viel gemacht werden muss. Und danach hoffe ich, dass das weiter Thema bleibt. Einfach diese Stärkung der Frauen – auch im Politischen sich zu engagieren und sich selber etwas wert zu sein. Wenn man „bloß Hausarbeit“ macht – das ist ja eine Diskriminierung unter den Frauen selber. Das muss aufhören. Jede macht das, was für sie am besten ist.

Es gäbe so gute Möglichkeiten. Einfach anerkennen, dass es Frauen gibt, die mehr der Typ sind für zu Hause bleiben oder auswärts arbeiten gehen. Auch die Frauen untereinander. Wir streiken zusammen mit dem katholischen Frauenverband. Es wäre so wichtig, dass die Frauenorganisationen mehr zusammen machen würden, im großen Ganzen, sich mischen und miteinander. Dann findet man viel bessere Lösungen. Das braucht eine Offenheit – auch von den Landfrauen. Aber von allen Seiten. Da muss man in der Zukunft ganz fest dranbleiben.

Ich denke, wir gehen schon in die richtige Richtung. Wir können sehen: wir haben Fortschritte gemacht. Aber vielleicht geht es zu wenig schnell.  Da ist so ein Streik gar nicht schlecht. Da kommt das wieder auf – und gibt wieder Schub. 

Gibt es Forderungen, die über die Bewusstwerdung hinaus gehen?

LB:

Unser Dachverband hat Forderungen an den Bauernverband gestellt, dass jeder Betrieb verpflichtet ist, jeder Frau ihren Lohn zu bezahlen und ihre Abfindung und dann auch ihre Pension. Der Dachverband hat gefordert, dass das an die Direktzahlungen gekoppelt wird. Die Forderung, wurde aber abgeschmettert. Sie galt aber nur für die Arbeit im Betrieb. Aber das Hauptproblem dabei war: die Löhne in der Landwirtschaft sind so klein, dass sie kaum für eine Person reichen – und das ist dann halt der Mann.

Wir raten aber dazu, dass Frauen trotzdem ihre Arbeitszeit dokumentieren. Damit sie etwas vorweisen können, wenn sie sich scheiden lassen wollen oder so. Aber es machen so wenige. Immer steht der Betrieb im Mittelpunkt. Junge Frauen kommen auf den Betrieb und denken sich, alles wird gut. Ich rufe aber auf: Schaut, dass ihr eine Taggeldversicherung macht. Und schreibt eure Stunden auf. Das ist wichtig. Aber das mit der Versicherung machen noch nicht einmal die Männer. Da werden lieber teure Maschinen gekauft von dem Geld, aber niemand denkt daran, dass die dann keiner bedienen kann, wenn mal jemandem etwas passiert.

Und ich sage auch immer, dass die Frauen wählen gehen sollen und dass überhaupt mehr Frauen politisch tätig werden. Ich wurde oft gefragt: „Hat es keinen Platz für Frauen in der Politik?“ Doch, den hat es! Es müssen nur mehr Frauen wollen und tun. Es wäre wirklich gut, wenn gleich viele Frauenstimmen dazu kommen wie Männerstimmen. Ist ja logisch, sonst wird halt nie eine Politik für die Frauen gemacht.

Das klingt jetzt aber nicht so unpolitisch, wie Sie das am Anfang gesagt haben.

LB:

Der Landfrauenverband ist über-parteiisch, das steht so in den Statuten. Bei mir hat es sich jetzt gerade so ergeben, dass ich auf einer Liste kandidiere für den Nationalrat. Ich bin CVP , also Mitte. Früher war ich sogar einmal SVP. Aber auch so aus Gewohnheit, weil meine Familie immer SVP war. Aber ich bin mit meinem Mann vor ein paar Jahren ausgetreten, weil das für mich einfach nicht mehr gestimmt hat.
Ich kandidiere jetzt für eine bäuerliche Unterliste. Viele haben gesagt, das müsste nicht sein. Aber jeder Mensch hat seine Gesinnung. Jede_r fühlt sich an einem bestimmten Ort wohler. Und wenn man fair miteinander umgeht ist es so, dass Demokratie gewinnt.
 

Und wie sieht es mit dem Streik am 14.6. aus? Betrachten Sie den auch als politisch?

LB:

Bei dem Streik ist mir ganz wichtig, dass wir alle zusammen tun. Wir streiken ja auch zusammen mit den katholischen Frauen. Eine Zeitlang hatte ich fast Angst, dass ich alleine da sitze. Jetzt weiß ich, die katholischen Frauen kommen auch und noch 20, die fest zugesagt haben, dass sie kommen. Wünschen würde ich mir 50-80. Aber viele sagen, es ist Saison. Viele sind bei der Ernte und Turnfest ist auch in Aarau. Ich lasse mich überraschen – und weiß, dass ich nicht alleine da sein werde. Im Vorstand haben wir den Streik zwar gemeinsam beschlossen – aber ich fühle mich so, als wäre ich Einzelkämpferin. Sie lassen mich das ausbaden. Und alle werden sicher nicht kommen.

Betrachten Sie die Initiative als beispielgebend? 

LB:

Ablehnend habe ich nichts gehört – aber ich weiß von keinem anderen Kanton, der eine Aktion plant. Nur, dass teilweise Bäuerinnen sich irgendwo anschließen, aber eigene Aktionen haben sie nicht geplant.

Aber vor Kurzem hat die Präsidentin des Schweizerischen Landfrauenverbandes angefragt, ob sie bei uns mitmachen kann. Das freut mich sehr! Ich habe vorher schon Rücksprache gehalten, ob der schweizerische Verband dahinter steht. Die haben gleich gesagt, sie geben uns Rückendeckung. Aber dass Präsidentin kommt, das ist ganz neu – das werde ich auch so kommunizieren an die anderen Frauen. Na, und vielleicht kommt sogar jemand vom Bauernverbund? Der Streik ist ja für Männer nicht verboten….

Vielen Dank an Christine Braunersreuther für das Bereitstellen ihres Gastbeitrags!

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Video: I was the pregnant man

Mai 22, 2019

In diesem sehenswerten Video spricht Trystan Angel Reese über sein Leben und seine Schwangerschaft. Resse hat den Blog ‚Biff and I‚. Leider fand ich dieses Video, das ich schon lange posten wollte., nur über einen oft weitergeleiteten Facebook-Link, ich hoffe es funktioniert trotzdem:

Ein weiteres Video von Reese ist dagegen besser zugänglich:

 

 

 

 

Am 8. März: Riot Parents: Perspectives on feminist motherhood (auf der Berlin Feminist Film Week)

März 6, 2019

Alle Personen, die am 8. März streiken oder sonstwie Zeit haben, sei die Feminist Film Week empfohlen. Dabei sei ein Filmschmankerl besonders ans Herz gelegt: Das Panel Riot Parents: Perspektiven feministischer Elternschaft.

Am 8. März wird dort um 10:00 zuerst der Film (M)OTHER von Antonia Hungerland gezeigt. Danach gibt es eine Podiumsdiskussion, bei der neben Alisa Tretau und Feray Halil auch ich mitmachen werde.

Der Ankündigungstext zum Panel:

Kaum ein soziales Konstrukt ist so sehr umkämpft, wie das der Mutterschaft. Politik wird mit dem Körper von Menschen mit Uterus gemacht, die durch gesellschaftliche Normen mit dem Konzept von Mutterschaft und den Erwartungen an diese Rolle konfrontiert sind. Doch nicht alle Menschen wollen Kinder, nicht alle können welche bekommen und wenn es eine Person kann und will, hat sie das Recht, die Bedingungen dafür selbst zu gestalten. Diesem Recht stehen in einer hetereosexuell und cis-geschlechtlich organisierten Welt gesellschaftliche Normen und Zwänge entgehen, die es gilt zu hinterfragen und aufzubrechen. Unser Panel “Riot Parents” möchte alternative Narrationen von Elternschaft im feministischen Kontext sichtbar machen. Im Vorfeld des Panels freuen wir uns den Dokumentarfilm (M)OTHER von Antonia Hungerland (Deutschland 2018, 88 min.) deutsch und englisch mit deutschen und englischen Untertiteln als Preview zeigen zu können. Der Film geht der Frage nach, warum Mutterschaft als etwas “natürliches” angenommen wird und begleitet Familien, die alternative Modelle leben.

 

Die zumutbare Opfergrenze und der § 219a

Dezember 16, 2018

 

Juramama hat einen fantastischen Text zu dem katastrophalen ‚Kompromiss’ zum § 219a geschrieben. Ich habe durch ihren Text ‚Raus aus meinem Uterus‚ viel gelernt – unter anderem das bedenkliche Wort „zumutbare Opfergrenze“. Der Begriff scheint vorauszusetzen, dass Personen mit Uterus sowieso ein Opfer zu bringen haben – und welches Opfer dabei noch zumutbar ist, entscheiden meist Personen ohne Uterus.

Ein Ausschnitt aus dem langen Text, in dem sich die Autorin einige gute Fragen stellt:

Wieso sind (…) Berufe, die schützenswertes Leben direkt pflegen und versorgen, die am miesesten bezahlten Branchen? Wenn ich das richtig verstanden habe, sind es Frauen und ihr Uterus, die „das Leben schützen“ und ermöglichen? Wieso zum Teufel können Frauen denn dann eigentlich nicht schon immer völlig von Kinderwunsch oder Kindern unbehelligt durch eine eigene sichere finanzielle Existenz gehen und allein aufgrund ihrer beruflichen Kompetenzen jede Stelle der Welt bekommen? Warum endet ein Leben mit  Kinderaufzucht des schützenswerten Lebens ganz sicher in bitterlicher Armut, wenn man nicht in einem Umfang berufstätig ist, als hätte man sich gegen dieses Kind entschieden?

Tja. Weil diese exklusiv weibliche Kompetenz und dieses „schützenswerte Leben“ faktisch immer nur zu ganz großer Scheiße und zu rechtlich und gesellschaftlicher Diskriminierung geführt hat und nicht etwa dazu, dass überall goldene Gebärpaläste gebaut werden.

Oder gar dazu, dass die Väter dieses schützenswerte Leben nach der Geburt biologisch und gesellschaftlich selbstverständlich aufziehen und finanzieren wollen, wo doch die Frau dieses Leben so verantwortungsvoll mit ihrem Körper ausgetragen hat. Mir sind keine historischen Kämpfe bekannt, in denen Horden männlicher „Suffragets“ über Jahre und unter Einsatz ihres Lebens mit Pechfackeln durch die Straßen gezogen wären, um eine Finanzierungs- und Betreuungsberechtigung für all ihre leiblichen Kinder zu erstreiten. Komisch. Wenn diese schützenswerten Kinder aus den Gebärmüttern geschlüpft sind und aufgezogen und finanziert werden müssen, verstummt der Schrei nach „Lebensschutz“ plötzlich. Nicht nur in der Geschichte des Rechts. Väterrechtler knüpfen ihre oftmals berechtigte Wut über unzureichenden Umgang mit ihren Kindern ganz wesentlich an einen einzigen, rechtshistorisch relativ neuen Umstand: Sie sind gesetzlich dazu verpflichtet für ihre Kinder vollen Unterhalt zu bezahlen und sie zu beerben. Ob sie das Kind wollten oder nicht und ob es ehelich oder unehelich gezeugt wurde. Bevor es diese klaren Verpflichtungen im deutschen Gesetz gab, war von Väterrechtlern und ihrem Kampf um generellen Umgang und Sorgerecht und Verantwortung nichts Nennenswertes zu sehen und zu hören. Wenn es um Geld und eine möglichst beeinträchtigungsfreie Aufzucht dieses Lebens geht, ist die ganze Chose „Lebensschutz“ nämlich dann doch wieder eine Frage der „Eigenverantwortung“ der Frau. Sie hätte das Kind ja nicht bekommen müssen. Keiner habe sie gezwungen. Die Eigenverantwortung für ihren Körper und ihr Leben stehen plötzlich felsenfest im Mittelpunkt und das obwohl man ihr genau diese Eigenverantwortung am letzten Wochenende auf einer Lebenschützerdemo mal eben komplett abgesprochen hat. Oder Annegret Kamp-Karrenbauer sie für etwas hält, was christlichen Werten widerspricht.

Man stelle sich mal ein staatliches Programm vor, das an die verpflichtende Konfliktberatung für ungewollt Schwangere ein Antragsrecht auf finanzielle Absicherung knüpfen würde. Ein Programm, dass diese Frauen mit 1500 Euro monatlich bei der Kinderaufzucht staatlich unterstützt, wenn sie das Kind nach einer Beratung dann tatsächlich bekommen. Freilich zusätzlich zum rentenrelevanten Erwerbseinkommen. Es wäre reflexartig von Sozialschmarotzerei die Rede und dass sich dann ja wohl jede Schwangere in den Beratungsstellen vorstellen würde. „Wieso soll ich für fremde Kinder zahlen? Was gehen mich die Blagen von der Schlampe an? Soll die halt die Beine zusammenhalten!“ schreien dieselben bigotten Moralisten, die sich aber vorher doch so sehr um die fremden Kinder in den fremden Uterussen gesorgt haben. So weit geht die eigene Verantwortung  für die Einmischung in die körperlichen Angelegenheiten fremder Frauen dann doch nicht. Dieselben Heinis schreien heute „Unterhaltsmafia“ und haben schon bei der Diskussion um „Nein heißt nein“ Schaum vor dem Mund. Verantwortungsvoller Umgang mit Geschlechtsverkehr und seinen Folgen spielt offenbar immer nur dann eine Rolle, wenn man sie selbst gerade nicht übernehmen muss.

Neben den vielen wichtigen Fakten aus ihrem Text noch zwei Dinge, die ich in der aktuellen Diskussion wichtig finde:

  1. Gemäß den Daten auf Destatis sind mehr als die Hälfte aller Personen, die abtreiben, bereits Mütter* (bzw. es handelt sich um Personen mit einem oder mehr Kinder). Das spricht erstens gegen das sowieso aus vielen Gründen falsche Argument von vermeintlicher Unverantwortlichkeit oder Naivität (a la ‚Abtreibugspillen wie Smarties‘). Und es spricht zweitens umso mehr dafür, dass viele Personen, die abtreiben, bereits ganz real die Erfahrung gemacht haben, wie vollkommen allein sie mit dem ’neuen Leben‘ tatsächlich sein werden, wenn es sich nicht mehr in ihrem Bauch befindet – wie viel Arbeit sie nach der Geburt eines Kindes sie haben, und wie wenig Unterstützung sie dafür von der Gesellschaft bekommen. Nochmal zu Erinnerung: Mehr als 90 % der Alleinerziehenden sind Frauen. Dem Statistischen Bundesamt zufolge waren 2015 rund ein Drittel aller Alleinerziehenden in Deutschland von Armut bedroht, noch mehr (40 Prozent) waren 2011 auf Leistungen aus der Grundsicherung für Arbeitsuchende nach Sozialgesetzbuch (SGB) II, also „Hartz IV“, angewiesen. Gemäß einer Studie der Bertelsmann-Stiftung steigt mit jedem Kind das Armutsrisiko.
  2. Es ist zu begrüßen, dass Studien zur psychischen Situation von Frauen* in Auftrag gegeben werden. Allerdings existieren bereits viele Studien zum sogenannten ‚Post-Abortion-Syndome‘ – und viele erklären, dass es dieses Syndrom nicht gibt sondern dass es den meisten Frauen* nach einem Abbruch besser geht (Überblick z.B. hier:Matlin, M. (2003). From menarche to menopause: misconceptions about women’s reproductive lives. Psychology Science, 45(2), 106-122. ). Natürlich lohnt es sich sicherlich dennoch, nochmal zu überprüfen, ob dem tatsächlich so ist. Wenn es um die psychische Situation von Frauen* und Reproduktion geht, sollte es aber auch Studien zu mindestens ebenso wichtigen Themen geben: z.B. zur psychischen Situation von Frauen*, die eine ungewollte Schwangerschaft ausgetragen haben. Oder zur psychischen Situation von Alleinerziehenden. Zu Müttern allgemein erschien bereits eine Studie, die Mareice Kaiser in ihrem tollen Text zum ‚Unwohlsein der modernen Mutter‘ zitiert: In den sieben Jahren nach der Geburt eines Kindes verschlechtert sich das mentale Wohlbefinden von einem Drittel aller Mütter deutlich.

Der Paragraph 219a gehört abgeschafft. Der Paragraph 218 auch. Und wenn es wirklich darum gehen soll, die Zahl von Schwangerschaftsabbrüchen zu reduzieren: Der obige Vorschlag mit den 1500 Euro zusätzlich pro Monat wirkt da sehr sinnvoll, zumindest sinnvoller als ein Informationsverbot jemals sein könnte.

Zur mentalen Belastung

September 1, 2018

An Kinderarzt-Termine denken, den Haushalt organisieren, Sich-Nahrungsmittel-Allergien-anderer-Kinder-merken, Elternsprechstunden-und-Schulprüfungen erinnern oder Geschenkideen-für-Kindergeburtstage-kaufen: Sorge-Arbeit hat auch eine kognitive Dimension, die sich „mental Load“ nennt.

Die französische Cartoonistin Emma hat ein Comic dazu gezeichnet, das relativ bekannt geworden ist. Es ist mittlerweile auf Englisch übersetzt und trägt den Titel „You should have asked.“

Das tolle DasNuf hat sich in zwei wichtigen Blogposts ebenfalls mit mentaler Arbeit beschäftigt. Sie gehen auf einen Vortrag zurück, die sie auf dem ‚Female Future Force Day‘ gehalten hat. Im ersten („Aufgaben richtig gerecht verteilen„) schlägt sie unter anderem eine Auflistung von Aufgaben vor:

Setzt euch in einem Kick-off zusammen und schreibt kleinstteilig auf, was alles gemacht wird. Dabei geht es erstmal ums Grundsätzliche – nicht um eine konkrete Planung. Einige meiner LeserInnen kennen die Liste schon:

Wer putzt das Klo?
Wer putzt die Fenster?
Wer wäscht die Wäsche?
Wer hängt sie auf?
Wer faltet sie?
Wer räumt sie in den Schrank?
Wer bügelt?
Wer steht am Wochenende mit den Kindern auf?
Wer überzieht die Betten?
Wer macht die Einkaufsliste?
Wer plant was gegessen wird?
Wer gießt die Blumen?
Wer näht kaputte Kleidungsstücke?
2016 habe ich eine solche Liste erstellt und es empörten sich v.a. Männer, dass ich elementare Aufgaben vergessen hatte. So z.B.
Wer bringt das Auto zum TÜV?
Wer programmiert den neuen Fernseher?
Wer repariert das Fahrrad?
Wer tauscht die Batterien im Feuermelder?
Wer macht die Steuererklärung?
Wer recherchiert, ob der Mobilfunkvertrag noch zeitgemäß ist?
Stimmt. Ich hatte kaum Aufgaben dieser Art in der Liste. Beim näheren Nachdenken fiel mir dann aber ein Detail auf: Wie oft fährt man eigentlich zum TÜV? Äh und wie oft wechselt man Windeln im Vergleich?
Also: Vergesst diese Punkte in eurer Bestandsaufnahme nicht. Dafür sitzt man ja zusammen. Schreibt alles auf!
(Ich muss leider etwas zwanghaft erwähnen: Bis auf den TÜV sind das Dinge, die ich auch mache. Ich hatte sie eben wegen der Seltenheit vergessen.)
Schreibt dann dahinter wie lange die einzelne Aufgabe dauert und wie oft man sie in der Woche macht (ihr könnt natürlich auch aufs Jahr rechnen oder eben Dinge, die nur alle 2 Jahre auftreten entsprechend runterrechnen. Wichtig ist es eine Relation von Aufwänden zu schaffen.)
Jetzt markiert wer was macht.
Gebt euch einen imaginären Stundenlohn und schreibt hinter Aufgaben und Aufwände eine Summe in Euro. Diese Summe rechnet ihr dann pro Person zusammen.
Im zweiten Blogpost, der sehr viel mehr als ein „Nachtrag“ ist, kommen einige gute Vorschläge, wie auf das Argument des ‚Erfahrungsmangels‘ (z.B. ‚Person xy macht immer diese Aufgabe, weil sie mehr Erfahrung hat und es schneller geht‘) reagiert werden kann:

Wenn ihr also irgendwann die Zeit findet eine Mental Load Bestandsaufnahme zu machen, dann identifiziert doch mal die Dinge, die ihr vielleicht sogar dauerhaft oder einen Zeitraum X abgeben wollt. Erst dann ist man vom Mental Load entlastet. Alles andere spart Arbeit, lässt aber die Verantwortung in der Regel bei einer Person.

Ich kann auch empfehlen am Erfahrungsmangel zu arbeiten. Lasst den Mann „häßliche“ Schuhe kaufen und recherchiert dafür welche fernsteuerbaren Rauchmelder im Moment die besten am Markt sind. Tauscht also auch mal Aufgaben. Dann lernt jeder Partner was und macht Erfahrungen, die oft sehr erleuchtend sind. So erscheint die Aufgabe „Mach einen U-Termin beim Kinderarzt aus“ lächerlich einfach, so lange man das noch nie gemacht hat. Wenn man dann aber vier Tage hintereinander, sieben mal am Tag während der Arbeitszeit versucht bei der Kinderarztpraxis überhaupt durchzukommen, naja, dann versteht man, was das für eine be****** Aufgabe ist.

Ein weiterer Vorteil vom Durchtauschen der Aufgaben: Ihr lebt euren Kindern nicht die gängigen Klischees vor. Wenn der Vater loszieht, um Geschenke für Kindergeburtstage zu kaufen und Stunden recherchiert, wie denn nun die Einschulungstorte aussehen soll, während die Mutter die Geräteupdates macht und sich überlegt wie man redundante Backups automatisiert, dann lernen die Kinder: Es hängt nicht an der Chromosomenausstattung wer welche Aufgabe übernimmt.

Gute Vorschläge, von denen wir mehr brauchen.

(Und wenn Ihr nach mehr sucht: Es gibt z.B. das Buch ‚Papa kann auch Stillen‚, in dem einige Anregungen zu einer gerechten Aufteilung von Sorgearbeit und dem ‚Mental Load‘ zu finden sind.)

 

Familia* Futura!

Juli 29, 2018

Ein fantastisches Festival zu Utopien familiären Zusammenlebens findet im September in Dresden statt.  Einige Informationen zum Festival in den Worten der Veranstalter*innen:

FAMILIA*FUTURA ist ein Festival für Familien und Familienutopien. Es findet am Wochenende vom 14.-16.09.18 im riesa efau. Kulturforum Dresden und im Zentralwerk Dresden statt. Wir gründen ein temporäres soziokulturelles Zentrum und laden Familien, interessierte Bürger*innen, Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und Initiativen zu einem kreativ ausgestalteten Dialog ein. Ziel ist es, gemeinsam neue Strategien des Zusammenlebens zu entwickeln, die Familien ökonomisch, sozial und emotional entlasten.

Zum Programm, das von einem Künstler*innen-Kollektiv mit dem schön klingenden Namen wilde pferde organisiert wird,  gehören Workshops, Lesungen, Diskussionen und Performances. Ausserdem gibt es eine Party, an der das Konzertkollektiv mit dem – ebenfalls schön klingenden Namen – Böse & Gemein beteiligt ist. Unter anderem tritt Sokee auf, die in diesem Video schon einmal ihre Gedanken zum Thema Familie teilt:

(Mehr interessante Videos von Beitragenden findet Ihr im Programm)

Das Festival wird die wichtigsten Punkte des Familien*lebens ins Zentrum stellen: Themen sind Reproduktion, Liebe & Sex, Lebensräume, Geschlechter-Vielfalt, Geschlechter-Solidarität, Familien-Vielfalt und Familien-Pflege.

Kämpfen (in Listen)

Juni 8, 2018

Es ist ruhig hier geworden. Es gab vieles, was dieses Blog zum verstummen brachte. Die Zumutungen der sogenannten Vereinbarkeit, der Job, der Alltag. Und es gab die AfD, den Aufstieg rechter Ideologien, die Hass-Mails, Trump, die Kampagnen des Anti-Genderismus, und all die bedrohlichen Realitäten, die mir vor 5 Jahren noch wie ein unrealistisches Katastrophenszenario erschienen wären. Und so verständlich Schweigen ist, so sehr kann es auch dazu führen, dass alles nur noch schlimmer wird.

Doch auch Reden führt vielleicht nicht immer ans Ziel. Das ständige Reden-Über, die immer währende Aufregung über jede gezielte Provokation der AfD, über jeden Tweet von Trump sichert den rechten Diskursen doch nur noch mehr Aufmerksamkeit und führt dann nur irgendwann zum Empörungs-Burnout. Manchmal fühlt es sich an, wie das Kaninchen, das auf die Schlange starrt. Deswegen dachte ich, es ist wichtig, raus aus der Defensive zu kommen. Und selbst wieder die Agenda zu setzen. Nun, als Beginn dieses hehren Vorhabens, mal wieder eine Liste. Für diejenigen Dinge, für die es sich lohnt zu kämpfen:

  • Abschaffung des § 218 (und natürlich, des § 219a gleich mit). Abtreibung ist in Deutschland illegal – und das ist falsch. Die Mädchenmannschaft hat einen ausführlichen und wichtigen Artikel dazu geschrieben, der absolut unterstützenswert ist. Und die Arbeit von Kristina Hänel ist es sowieso.
  • Eine Achtung des Rechtanspruchs auf Familiennachzugs für Geflüchtete. Dieser wurde seit 2016 für subsidiär Geschützte ausgesetzt. Familien gehören zusammen.
  • Abschaffung des Ehegattensplitting. Es ist unglaublich, wie lange es fundierte Kritik an diesem antiquierten Relikt gibt, und wie wenig sich ändert. Die jüngste fundierte  Kritik stammt von Eva Schulz – und so gut ihr Video ist, so sehr hoffe ich, dass es das letzte seiner Art sein muss.
  • Die Einführung der 30-Stunden-Woche für alle Beschäftigten. Nur so ist es halbwegs realistisch, dass Menschen genug Zeit für Erwerbs- und Sorgearbeit haben.
  • Die Berücksichtigung von trans*-Rechten bei Familienkonzepten und Definitionen von Elternschaft. Die Geschlechtsangleichung von Eltern muss auch rechtlich anerkannt werden, so dass diese sich dann (entgegen dem BGH-Urteil von 2018) auch juristisch als Vater* bzw. Mutter* bezeichnen können.
  • to be continued.