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Mutterschaft und Depression

Mai 16, 2015

Der Artikel ‘traurige Mütter‘ auf ‘Ich. Heute. 10 vor 8.’ von Marcia Moser ist sehr empfehlenswert, ein Ausschnitt:

Die Thematisierung von postpartalen Depressionen ist getragen von Aufklärung und Betroffenheit: verhandelt werden ein Krankheitsbild und individuelle Leiderfahrungen. Anfragen an strukturelle Kontexte, wie z.B. an Geschlechterrollen, fehlen, auch im Kontext der Selbsthilfenetzwerke. Es besteht die Gefahr, dass ambivalente Empfindungen von Müttern allzu schnell pathologisiert werden. Stößt uns die Diagnose postpartale Depression nicht auch auf eine weitere Dimension des geschlechterpolitischen Themas der Reproduktionsarbeit? Auf ,Reproduktionsarbeit’ jenseits von Fragen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und wer was im Haushalt erledigt, erweitert auf Fragen der emotionalen Zuständigkeit?

Zum Müttertag

Mai 10, 2015
Muttertag (Bild von Verena Jaekel, copyright)

Muttertag – Mother’s Day (Bild von Verena Jaekel, copyright)

Statt Blumen: Mutterkampftagsforderungen auf umstandslos

Mai 10, 2015


Scan 1

Alle Jahre wieder. Schön wären weniger Pralinen und mehr Protest. (Obwohl Pralinen mit Protest eigentlich eine noch angenehmere Sache wären.) Deshalb ist die Idee eines ‘Mutterkampftages’ auf ‘umstandslos’ wunderbar – ebenso wie die dazu gehörende lange Liste mit Forderungen. Ein Ausschnitt:

  • Mutterschaft kann Teil eines Frauen*lebens sein, muss sie aber nicht. Sie macht dieses dadurch nicht besser oder wertvoller.
  • Weibliche Identität ist nicht mit Mutterschaft gleichzusetzen. Frauen*, die Mütter* sind, sind nicht ausschließlich Mütter*. Muttersein ist nur eine ihrer verschiedenen Rollen im Leben.
  • Für die Betreuung und Versorgung von Kindern können Mütter* nicht alleine verantwortlich gemacht werden. Diese gesellschaftliche Aufgabe muss auf verschiedenen Menschen, Institutionen,… aufgeteilt werden. Das gilt auch und besonders für die Betreuung und Versorgung von Kindern mit Behinderung.
  • Die Benachteiligung von Menschen, die sich um Kinder kümmern, am Arbeitsmarkt (und Mütter* sind davon in besonderer Weise betroffen), muss etwa durch einen neu definierten Stundenumfang für Vollzeitarbeit beendet werden.

Vielleicht liesse sich die Liste sogar teilweise noch erweitern, z.B. um Rassismus, Altersdiskriminierung von Müttern (die angeblich ‘zu jung’ oder ‘zu alt’ sind) und um die massive Diskriminierung von geflüchteten Menschen (während Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit mehr Kinder bekommen sollen, werden Kinder, die hier ohne deutsche Staatsangehörigkeit leben, ausgegrenzt und benachteiligt, etc.)

Schön zu lesen ist zudem der Artikel von Martina Läubli zu Tabubrüchen am Muttertag in der NZZ – sowie der Text von Jacinta Nandi auf Resonanzboden: ‘Alleine mit dem Hass der Gesellschaft‘. Auch hier ein Ausschnitt:

Alleinerziehende Frauen sind alleine mit ihren Kindern. Sie befinden sich eigentlich in Isolationshaft. Sie sind alleine mit ihren Kindern und dem Hass der Gesellschaft, dem Druck, alles richtig machen zu müssen und nie zu genügen, und mit ein paar Witzen über Prenzlberg-Mamas, die stillen und gleichzeitig entkoffeinierte Latte Macchiattos schlürfen, die sie irgendwie trösten sollen.

Neue Fuckermothers-Facebook Seite

Mai 1, 2015

Facebook hat die Fuckermothers-Seite gestern ohne Angabe von Gründen gesperrt. Kontaktieren und fragen lässt es sich nicht, habe ich gerade bemerkt. Die neue Facebook-Seite trägt den Namen Fuc_kermothers und ist eine Fanpage. Perspektivisch halte ich es nun aber doch für eine gute Idee, Facebook langfristig zu verlassen. Ich weiss allerdings nicht, ob Twitter oder ähnliches eine irgendwie demokratischere, transparentere und nettere Möglichkeit ist.

Update: Nun wurde die alte Facebook-Seite Fuc Kermothers nach einer Woche doch wieder freigeschaltet. ich musste sie aber in eine ‘Fanpage’ umwandeln. Dadurch sind alle alten Posts auf der Seite verloren gegangen und alte ‘Facebook-Freund_innen’ sind nun ‘Fans’ geworden – das ist ein Nachteil, weil ich ihre vielen guten Posts zu Mutterschaft&Feminismus nun nicht mehr so einfach sehen und teilen kann (vielleicht habe ich auch noch nicht rausgefunden, wie das funktioniert). Deshalb freue ich mich über themenrelevante Posts auf der Seite.

(mindestens) 11 Gründe, warum Arbeit ein wichtiges Thema für feministische Perspektiven auf Elternschaft ist

April 30, 2015

8_März 2Denn: Der Tag der Arbeit steht ja vor der Tür.

  1. Unbezahlte Haus- und Pflegearbeiten: Diese Tätigkeiten zählen oft gar nicht zum Bereich der ‘Arbeit’ bzw. gelten als ‘unsichtbare Arbeit‘. Auch wenn sich viele heterosexuelle Paare mit Kind heute als modern und gleichberechtigt verstehen, übernehmen Väter sehr viel seltener Aufgaben wie Putzen, Wäsche waschen, Kinder-ins-Bett-bringen, Suppe kochen bei Krankheit, etc. Dieses Ungleichgewicht wird dann oft als Zeichen aufopferungsvoller Liebe der Mutter romantisiert – oder als übertriebenes Sauberkeitsbedürfnis oder vermeintliches ‘maternal gatekeeping‘ zum weiblichen Problem verdreht.
  2. Unterbezahlte Haus- und Pflegearbeiten: Klassische Berufsgruppen der Care-Work – also Erzieher_innen, Krankenpfleger_innen, Hebammen, Putzkräfte, Altenpfleger_innen etc. – sind meist sehr schlecht bezahlt. In ihnen arbeiten überdurchschnittlich oft Frauen. Deshalb ist etwa der Streik der Kita-Erzieher_innen sehr wichtig. Ebenso sind die Forderungen des Netzwerks ‘Care Revolution‘ unterstützenswert. Die Wissenschaftlerin Gabriele Winker hat kürzlich ein gleichnamiges Buch zu dem Thema veröffentlicht.
  3. Befristete Verträge: Im Falle einer Schwangerschaft werden befristete Verträge erfahrungsgemäß nicht verlängert  (auch wenn ‘Schwangerschaft’ dann nicht Teil der offiziellen Begründung ist). Das bedeutet zumindest temporäre Arbeitslosigkeit und, nach der Geburt, erschwerte Arbeitssuche mit einem kleinen Kind. Ausserdem bedeutet es – wenn der Vertrag in der Mitte der Schwangerschaft ausläuft – empflindlich weniger Elterngeld: Monate, in denen Arbeitslosengeld I bezogen wurden, werden nämlich nicht in die Berechnung von Elterngeld einbezogen. Es gäbe ja noch die Möglichkeit, sich für den Rest der Schwangerschaft einen neuen Job zu suchen, aber …:
  4. Probleme, in der Schwangerschaft einen Job zu finden: … es gibt fast nie einen Job, wenn der_die Arbeitgeber von der Schwangerschaft weiß. ‘Probleme’ ist noch ein sehr beschönigender Ausdruck für diese Situation.
  5. Probleme, als kinderlose Frau im sogenannten ‘gebärfähigen Alter’ einen Job zu finden: ‘Sie könnte ja schwanger werden’ (Ein Argument, das berufstätigen Frauen dann auch oft bei Beförderungen im Wege steht). Und wenn die Frau keinen Kinderwunsch hat und das auch öffentlich macht, wird ihr das in vielen Berufen ebenfalls zum Nachteil ausgelegt. Denn sie gilt dann plötzlich umgekehrt als kalt, egoistisch und ganz sicher nicht teamfähig.
  6. Schlechte Chancen, als Mutter eine neuen bezahlten Arbeitsplatz zu finden: Für Frauen von kleinen Kindern ist es oft schon schwer, zu Vorstellungsgesprächen eingeladen zu werden, geschweige denn, den Job zu bekommen. (Beispielsweise beschreibt ‘Mutterseelenalleinerziehend’ diese Situation und geht dabei auch auf andere Diskriminierungsformen ein.)
  7. Diskriminierung von berufstätigen Müttern: Arbeitstreffen, die nach 16:00 stattfinden, Termine jenseits der Kita-Betreuungs- oder Schulzeiten, zwanglose After-Work-Drinks, die zu mehr Networking führen sollen, blöde Bemerkungen von Chefs und Chefinnen, usw… Ein Zitat von ‘kiddothekid’  zu den eigenen, früheren Vorbehalten: “Soll ich mich mal hochoffiziell zum Arsch machen? Ja? Wirklich? Na schön: Ich habe früher wahnsinnig ungern mit Müttern zusammengearbeitet. Sehr, sehr ungern. Ich fand das nämlich, sagen wir mal, kompliziert. Diese Teilzeitgeschichten. Der pünktliche Feierabend mitten am Tag. Das ebenso spontane wie unwiderrufliche Fehlen aufgrund von Kinderkrankheiten, von denen ich im Leben noch nie etwas gehört hatte.”
  8. Die Abwertung von Teilzeit-Berufstätigkeit: In Teilzeit zu arbeiten ist oft die einzige Möglichkeit, Beruf und das Sich-Kümmern-um-kleine-Kinder (oder z.B. alte Menschen) irgendwie unter einen Hut zu bringen. Trotzdem werden gerade Mütter vor der vermeintlichen ‘Teilzeit-Falle’ gewarnt. Warum? Weil Teilzeit weniger Geld, weniger Aufstiegschancen, weniger Rente und mehr finanzielle Abhängigkeit bedeutet. Und weil man gerade mit diesem Schlagwort die Schuld für diese Probleme Müttern zuschieben kann, die scheinbar naiv in diese ‘Falle’ getappt sind – anstatt etwa den Blick auf politische Verantwortung zu lenken – auf die schlechte gesellschaftliche Verteilung von Lohnarbeit, auf ungleiche Bezahlung oder das ungerechte Rentensystem.
  9. Die Probleme von alleinerziehenden Müttern: Für diese potenzieren sich viele der oben genannten Punkte um ein vielfaches. Nicht zuletzt deshalb müssen mindestens 30 % der Alleinerziehenden von Hartz IV leben. Sie “sind damit die mit Abstand größte Bevölkerungsgruppe unter den Sozialhilfebezieherinnen. Alleinerziehende Mütter tragen das höchste Armutsrisiko.”
  10. Die Probleme von Müttern mit Kindern, die mehr Bedarf an Betreuung haben: Ebenso potenzieren sich obige Punkte bei Kindern, die eine intensivere Betreuung, Pflege sowie medizinische, psychologische und/oder pädagogische Unterstützung benötigen. Dazu ein Kommentar von Mareice vom Blog ‘Kaiserinnenreich': “Überspitzt werden all diese beschriebenen Probleme bei Eltern behinderter Kinder – wo Pflege manchmal 24 Stunden am Tag nötig ist. Und ganz selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass die Mutter sie übernimmt.”
  11. Arbeitszeitmodelle: Die Idee, dass Vollzeitarbeit das Maß aller Dinge ist und 40 Stunden (plus 10) bedeutet, ist überholt und mit der Realität von Sorgearbeit nicht vereinbar. Deswegen ist es sinnvoll, politisch zu fördern, dass mehr Männer mit Kindern Teilzeit arbeiten (derzeit sind es 6 % Väter und 69 % Mütter). Ausserdem sind Modelle der verkürzten Vollzeit-Lohnarbeit von 32 Wochenstunden oder die Vier-In-Einem-Perspektive zur Verteilung von Arbeitstätigkeiten für alle Menschen gute Ideen.

Hausgeburt als Privatleistung?

April 27, 2015

Die Situation der Hebammen ist trotz vieler Proteste und Petitionen weiterhin sehr schlecht. Nun planen die Krankenkassen, das Recht auf eine hebammengeleitete Hausgeburt stark einzuschränken, so dass diese Möglichkeit in erster Linie eine Frage des Geldes wird. Denn eine Hausgeburt würde dann um die 1000 – 1500 Euro kosten.

Auf ‘Hebammenunterstützung’ findet sich deshalb eine Erklärung der Elterninitiative ‘Mother Hood e.V.‘:

Erstmals wollen die gesetzlichen Krankenkassen aus der umfassenden Versorgung der Frauen mit Hebammenhilfe aussteigen. (…) Geht es nach dem Willen des GKV-SV, dürfen sich Frauen künftig nur noch unter bestimmten Voraussetzungen für eine außerklinische Geburt auf Kassenleistung entscheiden. Das Überschreiten des errechneten Termins um bereits einen Tag (ET+1) ist dabei eines der umstrittensten Kriterien. Die Pläne der Krankenkassen gelten zunächst für Hausgeburten. Der Verein “Mother Hood – Bundeselterninitiative zum Schutz von Mutter und Kind während Schwangerschaft, Geburt & 1. Lebensjahr”, fürchtet deren Ausdehnung auf die Geburtshäuser noch in diesem Jahr. (…) Den Verweis der Krankenkassen auf die Sicherheit von Mutter und Kind hält man bei der Bundeselterninitiative für einen vorgeschobenen Grund: “Außerklinische Geburten sind sicher. Dafür sprechen alle Zahlen – übrigens auch jene, die der GKV-SV in einer Studie 2011 selbst erhoben hat”, ergänzt Eva Abert.  Sorge bereitet dem Verein “Mother Hood” vor allem die Sogwirkung dieser Entscheidung. Wenn die Krankenkassen auf diese Weise vermitteln, es sei gefährlich den errechneten Termin um auch nur einen Tag zu überschreiten, wird sich dies auch auf klinische Geburten auswirken: “Schon heute wird bei 90 Prozent aller Geburten medizinisch eingegriffen. Der bereits bestehende Trend zur frühen Einleitung, verbunden mit weiteren Eingriffen bis hin zum Kaiserschnitt wird dadurch verstärkt”, gibt Eva Abert zu Bedenken.
Dabei kommen lediglich drei Prozent aller Kinder am errechneten Termin zur Welt. (…)

Sehr ärgerlich.

Studien zu Fruchtbarkeit und Alter

April 12, 2015

Studien zu weiblicher Fruchtbarkeit sind ganz sicher nicht unproblematisch. Zum einen sind sie zweifellos oft von Geschlechtsstereotypen beeinflusst. Zum anderen ist generell nicht ratsam, allen wissenschaftlichen Ergebnissen unreflektiert zu vertrauen. Und selbst man ihnen vertraut, stellt sich die Frage, inwieweit man das eigene Leben am statistischen Durchschnitt ausrichten sollte.

Das sei nur eingangs erwähnt, weil die wissenschaftliche Kritik, die die Psychologin und Statistikerin Jean Twenge an Studien zu Fruchtbarkeit übt, ebenfalls nicht komplett unproblematisch ist. Dafür ist ihre Kritik aber trotzdem sehr interessant. Unter dem Titel ‘How long can you wait to have a baby?‘ beschäftigt sie sich mit verschiedenen Statistiken zu Fertilität und Alter und deren oft irreführender Interpretation. So beschreibt sie beispielsweise, dass eine der zentralen Studien zur im Alter abnehmenden Fertilität allein historische Ergebnisse liefert: Denn die Daten basieren auf französischen Geburtenregistern von 1670 bis 1830 – also aus einer Zeit mit z.B. sehr rigider Geschlechterordnung aber ohne moderne Geburtsmedizin und Antibiotika – und sind entsprechend wenig auf heutige Verhältnisse übertragbar:

The widely cited statistic that one in three women ages 35 to 39 will not be pregnant after a year of trying, for instance, is based on an article published in 2004 in the journal Human Reproduction. Rarely mentioned is the source of the data: French birth records from 1670 to 1830. The chance of remaining childless—30 percent—was also calculated based on historical populations.

Einige aktuellere Untersuchungen liefern dagegen Ergebnisse, die nahelegen, dass sich die Fertilität von Frauen, die Ende 20 Jahre alt sind und solchen, die Ende 30 Jahre sind, nur um 4-6 Prozentpunkte unterscheiden.

Surprisingly few well-designed studies of female age and natural fertility include women born in the 20th century—but those that do tend to paint a more optimistic picture. One study, published in Obstetrics & Gynecology in 2004 and headed by David Dunson (now of Duke University), examined the chances of pregnancy among 770 European women. It found that with sex at least twice a week, 82 percent of 35-to-39-year-old women conceive within a year, compared with 86 percent of 27-to-34-year-olds. (The fertility of women in their late 20s and early 30s was almost identical—news in and of itself.) Another study, released this March in Fertility and Sterility and led by Kenneth Rothman of Boston University, followed 2,820 Danish women as they tried to get pregnant. Among women having sex during their fertile times, 78 percent of 35-to-40-year-olds got pregnant within a year, compared with 84 percent of 20-to-34-year-olds.

Vielleicht sind Studienergebnisse wie diese zumindest für Besuche bei Gynäkolog_innen nützlich. Denn dort gehört die vermeintlich gut gemeinte ‘Warnung’ vor dem 35. Geburtstag, die gerade an kinderlose Frauen geht, ja leider nach wie vor zur ärztlichen Routine.

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