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Die zumutbare Opfergrenze und der § 219a

Dezember 16, 2018

 

Juramama hat einen fantastischen Text zu dem katastrophalen ‚Kompromiss’ zum § 219a geschrieben. Ich habe durch ihren Text ‚Raus aus meinem Uterus‚ viel gelernt – unter anderem das bedenkliche Wort „zumutbare Opfergrenze“. Der Begriff scheint vorauszusetzen, dass Personen mit Uterus sowieso ein Opfer zu bringen haben – und welches Opfer dabei noch zumutbar ist, entscheiden meist Personen ohne Uterus.

Ein Ausschnitt aus dem langen Text, in dem sich die Autorin einige gute Fragen stellt:

Wieso sind (…) Berufe, die schützenswertes Leben direkt pflegen und versorgen, die am miesesten bezahlten Branchen? Wenn ich das richtig verstanden habe, sind es Frauen und ihr Uterus, die „das Leben schützen“ und ermöglichen? Wieso zum Teufel können Frauen denn dann eigentlich nicht schon immer völlig von Kinderwunsch oder Kindern unbehelligt durch eine eigene sichere finanzielle Existenz gehen und allein aufgrund ihrer beruflichen Kompetenzen jede Stelle der Welt bekommen? Warum endet ein Leben mit  Kinderaufzucht des schützenswerten Lebens ganz sicher in bitterlicher Armut, wenn man nicht in einem Umfang berufstätig ist, als hätte man sich gegen dieses Kind entschieden?

Tja. Weil diese exklusiv weibliche Kompetenz und dieses „schützenswerte Leben“ faktisch immer nur zu ganz großer Scheiße und zu rechtlich und gesellschaftlicher Diskriminierung geführt hat und nicht etwa dazu, dass überall goldene Gebärpaläste gebaut werden.

Oder gar dazu, dass die Väter dieses schützenswerte Leben nach der Geburt biologisch und gesellschaftlich selbstverständlich aufziehen und finanzieren wollen, wo doch die Frau dieses Leben so verantwortungsvoll mit ihrem Körper ausgetragen hat. Mir sind keine historischen Kämpfe bekannt, in denen Horden männlicher „Suffragets“ über Jahre und unter Einsatz ihres Lebens mit Pechfackeln durch die Straßen gezogen wären, um eine Finanzierungs- und Betreuungsberechtigung für all ihre leiblichen Kinder zu erstreiten. Komisch. Wenn diese schützenswerten Kinder aus den Gebärmüttern geschlüpft sind und aufgezogen und finanziert werden müssen, verstummt der Schrei nach „Lebensschutz“ plötzlich. Nicht nur in der Geschichte des Rechts. Väterrechtler knüpfen ihre oftmals berechtigte Wut über unzureichenden Umgang mit ihren Kindern ganz wesentlich an einen einzigen, rechtshistorisch relativ neuen Umstand: Sie sind gesetzlich dazu verpflichtet für ihre Kinder vollen Unterhalt zu bezahlen und sie zu beerben. Ob sie das Kind wollten oder nicht und ob es ehelich oder unehelich gezeugt wurde. Bevor es diese klaren Verpflichtungen im deutschen Gesetz gab, war von Väterrechtlern und ihrem Kampf um generellen Umgang und Sorgerecht und Verantwortung nichts Nennenswertes zu sehen und zu hören. Wenn es um Geld und eine möglichst beeinträchtigungsfreie Aufzucht dieses Lebens geht, ist die ganze Chose „Lebensschutz“ nämlich dann doch wieder eine Frage der „Eigenverantwortung“ der Frau. Sie hätte das Kind ja nicht bekommen müssen. Keiner habe sie gezwungen. Die Eigenverantwortung für ihren Körper und ihr Leben stehen plötzlich felsenfest im Mittelpunkt und das obwohl man ihr genau diese Eigenverantwortung am letzten Wochenende auf einer Lebenschützerdemo mal eben komplett abgesprochen hat. Oder Annegret Kamp-Karrenbauer sie für etwas hält, was christlichen Werten widerspricht.

Man stelle sich mal ein staatliches Programm vor, das an die verpflichtende Konfliktberatung für ungewollt Schwangere ein Antragsrecht auf finanzielle Absicherung knüpfen würde. Ein Programm, dass diese Frauen mit 1500 Euro monatlich bei der Kinderaufzucht staatlich unterstützt, wenn sie das Kind nach einer Beratung dann tatsächlich bekommen. Freilich zusätzlich zum rentenrelevanten Erwerbseinkommen. Es wäre reflexartig von Sozialschmarotzerei die Rede und dass sich dann ja wohl jede Schwangere in den Beratungsstellen vorstellen würde. „Wieso soll ich für fremde Kinder zahlen? Was gehen mich die Blagen von der Schlampe an? Soll die halt die Beine zusammenhalten!“ schreien dieselben bigotten Moralisten, die sich aber vorher doch so sehr um die fremden Kinder in den fremden Uterussen gesorgt haben. So weit geht die eigene Verantwortung  für die Einmischung in die körperlichen Angelegenheiten fremder Frauen dann doch nicht. Dieselben Heinis schreien heute „Unterhaltsmafia“ und haben schon bei der Diskussion um „Nein heißt nein“ Schaum vor dem Mund. Verantwortungsvoller Umgang mit Geschlechtsverkehr und seinen Folgen spielt offenbar immer nur dann eine Rolle, wenn man sie selbst gerade nicht übernehmen muss.

Neben den vielen wichtigen Fakten aus ihrem Text noch zwei Dinge, die ich in der aktuellen Diskussion wichtig finde:

  1. Gemäß den Daten auf Destatis sind mehr als die Hälfte aller Personen, die abtreiben, bereits Mütter* (bzw. es handelt sich um Personen mit einem oder mehr Kinder). Das spricht erstens gegen das sowieso aus vielen Gründen falsche Argument von vermeintlicher Unverantwortlichkeit oder Naivität (a la ‚Abtreibugspillen wie Smarties‘). Und es spricht zweitens umso mehr dafür, dass viele Personen, die abtreiben, bereits ganz real die Erfahrung gemacht haben, wie vollkommen allein sie mit dem ’neuen Leben‘ tatsächlich sein werden, wenn es sich nicht mehr in ihrem Bauch befindet – wie viel Arbeit sie nach der Geburt eines Kindes sie haben, und wie wenig Unterstützung sie dafür von der Gesellschaft bekommen. Nochmal zu Erinnerung: Mehr als 90 % der Alleinerziehenden sind Frauen. Dem Statistischen Bundesamt zufolge waren 2015 rund ein Drittel aller Alleinerziehenden in Deutschland von Armut bedroht, noch mehr (40 Prozent) waren 2011 auf Leistungen aus der Grundsicherung für Arbeitsuchende nach Sozialgesetzbuch (SGB) II, also „Hartz IV“, angewiesen. Gemäß einer Studie der Bertelsmann-Stiftung steigt mit jedem Kind das Armutsrisiko.
  2. Es ist zu begrüßen, dass Studien zur psychischen Situation von Frauen* in Auftrag gegeben werden. Allerdings existieren bereits viele Studien zum sogenannten ‚Post-Abortion-Syndome‘ – und viele erklären, dass es dieses Syndrom nicht gibt sondern dass es den meisten Frauen* nach einem Abbruch besser geht (Überblick z.B. hier:Matlin, M. (2003). From menarche to menopause: misconceptions about women’s reproductive lives. Psychology Science, 45(2), 106-122. ). Natürlich lohnt es sich sicherlich dennoch, nochmal zu überprüfen, ob dem tatsächlich so ist. Wenn es um die psychische Situation von Frauen* und Reproduktion geht, sollte es aber auch Studien zu mindestens ebenso wichtigen Themen geben: z.B. zur psychischen Situation von Frauen*, die eine ungewollte Schwangerschaft ausgetragen haben. Oder zur psychischen Situation von Alleinerziehenden. Zu Müttern allgemein erschien bereits eine Studie, die Mareice Kaiser in ihrem tollen Text zum ‚Unwohlsein der modernen Mutter‘ zitiert: In den sieben Jahren nach der Geburt eines Kindes verschlechtert sich das mentale Wohlbefinden von einem Drittel aller Mütter deutlich.

Der Paragraph 219a gehört abgeschafft. Der Paragraph 218 auch. Und wenn es wirklich darum gehen soll, die Zahl von Schwangerschaftsabbrüchen zu reduzieren: Der obige Vorschlag mit den 1500 Euro zusätzlich pro Monat wirkt da sehr sinnvoll, zumindest sinnvoller als ein Informationsverbot jemals sein könnte.

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Zur mentalen Belastung

September 1, 2018

An Kinderarzt-Termine denken, den Haushalt organisieren, Sich-Nahrungsmittel-Allergien-anderer-Kinder-merken, Elternsprechstunden-und-Schulprüfungen erinnern oder Geschenkideen-für-Kindergeburtstage-kaufen: Sorge-Arbeit hat auch eine kognitive Dimension, die sich „mental Load“ nennt.

Die französische Cartoonistin Emma hat ein Comic dazu gezeichnet, das relativ bekannt geworden ist. Es ist mittlerweile auf Englisch übersetzt und trägt den Titel „You should have asked.“

Das tolle DasNuf hat sich in zwei wichtigen Blogposts ebenfalls mit mentaler Arbeit beschäftigt. Sie gehen auf einen Vortrag zurück, die sie auf dem ‚Female Future Force Day‘ gehalten hat. Im ersten („Aufgaben richtig gerecht verteilen„) schlägt sie unter anderem eine Auflistung von Aufgaben vor:

Setzt euch in einem Kick-off zusammen und schreibt kleinstteilig auf, was alles gemacht wird. Dabei geht es erstmal ums Grundsätzliche – nicht um eine konkrete Planung. Einige meiner LeserInnen kennen die Liste schon:

Wer putzt das Klo?
Wer putzt die Fenster?
Wer wäscht die Wäsche?
Wer hängt sie auf?
Wer faltet sie?
Wer räumt sie in den Schrank?
Wer bügelt?
Wer steht am Wochenende mit den Kindern auf?
Wer überzieht die Betten?
Wer macht die Einkaufsliste?
Wer plant was gegessen wird?
Wer gießt die Blumen?
Wer näht kaputte Kleidungsstücke?
2016 habe ich eine solche Liste erstellt und es empörten sich v.a. Männer, dass ich elementare Aufgaben vergessen hatte. So z.B.
Wer bringt das Auto zum TÜV?
Wer programmiert den neuen Fernseher?
Wer repariert das Fahrrad?
Wer tauscht die Batterien im Feuermelder?
Wer macht die Steuererklärung?
Wer recherchiert, ob der Mobilfunkvertrag noch zeitgemäß ist?
Stimmt. Ich hatte kaum Aufgaben dieser Art in der Liste. Beim näheren Nachdenken fiel mir dann aber ein Detail auf: Wie oft fährt man eigentlich zum TÜV? Äh und wie oft wechselt man Windeln im Vergleich?
Also: Vergesst diese Punkte in eurer Bestandsaufnahme nicht. Dafür sitzt man ja zusammen. Schreibt alles auf!
(Ich muss leider etwas zwanghaft erwähnen: Bis auf den TÜV sind das Dinge, die ich auch mache. Ich hatte sie eben wegen der Seltenheit vergessen.)
Schreibt dann dahinter wie lange die einzelne Aufgabe dauert und wie oft man sie in der Woche macht (ihr könnt natürlich auch aufs Jahr rechnen oder eben Dinge, die nur alle 2 Jahre auftreten entsprechend runterrechnen. Wichtig ist es eine Relation von Aufwänden zu schaffen.)
Jetzt markiert wer was macht.
Gebt euch einen imaginären Stundenlohn und schreibt hinter Aufgaben und Aufwände eine Summe in Euro. Diese Summe rechnet ihr dann pro Person zusammen.
Im zweiten Blogpost, der sehr viel mehr als ein „Nachtrag“ ist, kommen einige gute Vorschläge, wie auf das Argument des ‚Erfahrungsmangels‘ (z.B. ‚Person xy macht immer diese Aufgabe, weil sie mehr Erfahrung hat und es schneller geht‘) reagiert werden kann:

Wenn ihr also irgendwann die Zeit findet eine Mental Load Bestandsaufnahme zu machen, dann identifiziert doch mal die Dinge, die ihr vielleicht sogar dauerhaft oder einen Zeitraum X abgeben wollt. Erst dann ist man vom Mental Load entlastet. Alles andere spart Arbeit, lässt aber die Verantwortung in der Regel bei einer Person.

Ich kann auch empfehlen am Erfahrungsmangel zu arbeiten. Lasst den Mann „häßliche“ Schuhe kaufen und recherchiert dafür welche fernsteuerbaren Rauchmelder im Moment die besten am Markt sind. Tauscht also auch mal Aufgaben. Dann lernt jeder Partner was und macht Erfahrungen, die oft sehr erleuchtend sind. So erscheint die Aufgabe „Mach einen U-Termin beim Kinderarzt aus“ lächerlich einfach, so lange man das noch nie gemacht hat. Wenn man dann aber vier Tage hintereinander, sieben mal am Tag während der Arbeitszeit versucht bei der Kinderarztpraxis überhaupt durchzukommen, naja, dann versteht man, was das für eine be****** Aufgabe ist.

Ein weiterer Vorteil vom Durchtauschen der Aufgaben: Ihr lebt euren Kindern nicht die gängigen Klischees vor. Wenn der Vater loszieht, um Geschenke für Kindergeburtstage zu kaufen und Stunden recherchiert, wie denn nun die Einschulungstorte aussehen soll, während die Mutter die Geräteupdates macht und sich überlegt wie man redundante Backups automatisiert, dann lernen die Kinder: Es hängt nicht an der Chromosomenausstattung wer welche Aufgabe übernimmt.

Gute Vorschläge, von denen wir mehr brauchen.

(Und wenn Ihr nach mehr sucht: Es gibt z.B. das Buch ‚Papa kann auch Stillen‚, in dem einige Anregungen zu einer gerechten Aufteilung von Sorgearbeit und dem ‚Mental Load‘ zu finden sind.)

 

Familia* Futura!

Juli 29, 2018

Ein fantastisches Festival zu Utopien familiären Zusammenlebens findet im September in Dresden statt.  Einige Informationen zum Festival in den Worten der Veranstalter*innen:

FAMILIA*FUTURA ist ein Festival für Familien und Familienutopien. Es findet am Wochenende vom 14.-16.09.18 im riesa efau. Kulturforum Dresden und im Zentralwerk Dresden statt. Wir gründen ein temporäres soziokulturelles Zentrum und laden Familien, interessierte Bürger*innen, Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und Initiativen zu einem kreativ ausgestalteten Dialog ein. Ziel ist es, gemeinsam neue Strategien des Zusammenlebens zu entwickeln, die Familien ökonomisch, sozial und emotional entlasten.

Zum Programm, das von einem Künstler*innen-Kollektiv mit dem schön klingenden Namen wilde pferde organisiert wird,  gehören Workshops, Lesungen, Diskussionen und Performances. Ausserdem gibt es eine Party, an der das Konzertkollektiv mit dem – ebenfalls schön klingenden Namen – Böse & Gemein beteiligt ist. Unter anderem tritt Sokee auf, die in diesem Video schon einmal ihre Gedanken zum Thema Familie teilt:

(Mehr interessante Videos von Beitragenden findet Ihr im Programm)

Das Festival wird die wichtigsten Punkte des Familien*lebens ins Zentrum stellen: Themen sind Reproduktion, Liebe & Sex, Lebensräume, Geschlechter-Vielfalt, Geschlechter-Solidarität, Familien-Vielfalt und Familien-Pflege.

Kämpfen (in Listen)

Juni 8, 2018

Es ist ruhig hier geworden. Es gab vieles, was dieses Blog zum verstummen brachte. Die Zumutungen der sogenannten Vereinbarkeit, der Job, der Alltag. Und es gab die AfD, den Aufstieg rechter Ideologien, die Hass-Mails, Trump, die Kampagnen des Anti-Genderismus, und all die bedrohlichen Realitäten, die mir vor 5 Jahren noch wie ein unrealistisches Katastrophenszenario erschienen wären. Und so verständlich Schweigen ist, so sehr kann es auch dazu führen, dass alles nur noch schlimmer wird.

Doch auch Reden führt vielleicht nicht immer ans Ziel. Das ständige Reden-Über, die immer währende Aufregung über jede gezielte Provokation der AfD, über jeden Tweet von Trump sichert den rechten Diskursen doch nur noch mehr Aufmerksamkeit und führt dann nur irgendwann zum Empörungs-Burnout. Manchmal fühlt es sich an, wie das Kaninchen, das auf die Schlange starrt. Deswegen dachte ich, es ist wichtig, raus aus der Defensive zu kommen. Und selbst wieder die Agenda zu setzen. Nun, als Beginn dieses hehren Vorhabens, mal wieder eine Liste. Für diejenigen Dinge, für die es sich lohnt zu kämpfen:

  • Abschaffung des § 218 (und natürlich, des § 219a gleich mit). Abtreibung ist in Deutschland illegal – und das ist falsch. Die Mädchenmannschaft hat einen ausführlichen und wichtigen Artikel dazu geschrieben, der absolut unterstützenswert ist. Und die Arbeit von Kristina Hänel ist es sowieso.
  • Eine Achtung des Rechtanspruchs auf Familiennachzugs für Geflüchtete. Dieser wurde seit 2016 für subsidiär Geschützte ausgesetzt. Familien gehören zusammen.
  • Abschaffung des Ehegattensplitting. Es ist unglaublich, wie lange es fundierte Kritik an diesem antiquierten Relikt gibt, und wie wenig sich ändert. Die jüngste fundierte  Kritik stammt von Eva Schulz – und so gut ihr Video ist, so sehr hoffe ich, dass es das letzte seiner Art sein muss.
  • Die Einführung der 30-Stunden-Woche für alle Beschäftigten. Nur so ist es halbwegs realistisch, dass Menschen genug Zeit für Erwerbs- und Sorgearbeit haben.
  • Die Berücksichtigung von trans*-Rechten bei Familienkonzepten und Definitionen von Elternschaft. Die Geschlechtsangleichung von Eltern muss auch rechtlich anerkannt werden, so dass diese sich dann (entgegen dem BGH-Urteil von 2018) auch juristisch als Vater* bzw. Mutter* bezeichnen können.
  • to be continued.

 

Call For Paper! Feminismus und Mutterschaft

April 4, 2017

Diese Suche nach Texten zu Mutterschaft ist wichtig – und wurde hier leider viel zu spät veröffentlicht, und zwar, ähm, am Tag der Deadline (Mea Culpa!). Solltet Ihr  eventuell bereits einen passende Texte fertig haben, lohnt es die sicherlich, diesen dort hinzuschicken (muessig@tu-berlin.de). Und solltet Ihr tolle Textideen haben: es ist sicher keine schlechte Idee, eine Email mit Thema, Hinweis auf fuckermothersche Verpeilung und Bitte um Verlängerung der Deadline zu schicken!

Die Zentrale Frauenaufbetragte der Technischen Universität Berlin publiziert zweimal im Jahr das Magazin ‚news –  GENDER | POLITIK | UNIVERSITÄT‘, das sich an alle frauenpolitisch Interessierten der TU richtet.

Jede Ausgabe hat einen eigenen Schwerpunkt – die Ausgabe im Sommersemester 2017 wird sich mit Netzfeminismus auseinandersetzen. Sie soll sich damit beschäftigen, was genau unter Netzfeminismus zu verstehen ist, wie sich Öffentlichkeiten durch das Internet verändern, welche Perspektiven das für feministische Kämpfe bietet und welche Erfahrungen Feministinnen im Netz, z.B. durch Hate Speech, machen.

Wir würden sehr gerne einen Artikel abdrucken, der sich damit beschäftigt, inwiefern das Internet auch Raum für feministische und kritische Analysen von Mutterschaft bietet/erst geschaffen hat. Die Frage wäre, ob sich bestimmte Debatten – z.B. die Debatte um Regretting Motherhood – nur durch das Internet entfalten konnten. Weiter könnte sich der Artikel auch damit beschäftigen, ob Mutter*schaft in (netz-)feministischen Debatten zu wenig mitgedacht wird – weil, wie ihr schreibt, „all die schönen neuen Ansätze des Queer-Feminismus, der Pro-Sex-Bewegung und der Gender Studies eher auf junge beziehungsweise kinderlose Frauen und Individuen abzielen“. Die genaue Ausgestaltung des Artikels überlassen wir gerne der Autor*in.

Nun unsere Anfrage: Habt Ihr Interesse, einen solchen Artikel in der nächsten Ausgabe der news zu veröffentlichen? Der Der Artikel sollte circa 6.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen) lang sein. Die Deadline wäre der 04. April 2016.

Nicht lustig

März 27, 2017

Ein Vater beschrieb in der Nido, eine für ihn wertvolle Bonding-Erfahrung mit seiner  Tochter: gemeinsam lästerten sie über eine ‚Dicke‘. Seine Aussage bekam zu Recht viel Gegenwind, weil ‚Fat-Shaming‘ erstens nicht lustig ist und weil zweitens auch daraus resultierende Bonding-Erfahrungen wohl aus pädadogischer Sicht eher problematisch sind. Die zwei wichtigsten Artikel dazu: 1) Die tolle Rike Drust:

Ich kenn das selber, wie sich das anfühlt, als Kind gesagt zu bekommen, ganz schön „stramme Beine“ zu haben und für diese bestimmte Klamotte viel zu dick ist. Das ist nicht lustig und das kann Selbstbewusstsein und Mut und Zeit nehmen, in der Kinder sich andere, tolle Gedanken machen könnten.

Seinem Kind mit auf den Weg zu geben, dass es eine gute, bindungsfördernde Idee ist, sich auf angeblicher Unfehlbarkeiten Kosten anderer besser zu fühlen, finde ich nicht erstrebenswert. Deshalb heisst es bei uns Zuhause auch „Alle sind, wie sie sind, weil wir wir auch so sein wollen, wie wir sind“ und nicht HAHAHA, lass mal einen Text veröffentlichen, in dem über Dicke gelästert wird, wenn sich jemand aufregt, können wir ja immer noch eine Stellungnahme machen, in der steht, upsi, aber hey, wir sind nicht perfekt. A propos, lasst das nicht den Vater hören, dass ihr nicht perfekt seid, sonst setzt der sich wieder mit seiner Tochter zusammen und die zwei schmeissen die Bindungslästermaschine wieder an.

2) Das Missy Magazine:

Mich erinnerte das Verhalten des Autors an meine eigenen Eltern. Leider. (…) Die Bindung zwischen mir und meinen Eltern festigte das gemeinsame Lästern nicht, das Gegenteil war der Fall. Ehrlich gesagt nervte mich schon damals – da war ich vielleicht 10 oder 11 Jahre alt –, wie fies meine Eltern über Menschen sprachen, die sie überhaupt nicht kannten. Ich war zu diesem Zeitpunkt nämlich selbst von Mobbing in der Schule betroffen: Eine Gruppe Mädchen hatte mich als dumm und hässlich auserkoren und grenzte mich aus, auch mit fiesen Sprüchen über mein Aussehen. Ich war furchtbar unglücklich in dieser Zeit. Ich hatte den Eindruck, dass ich meinen Eltern nicht vertrauen konnte, dass auch sie zu denjenigen gehörten, die sich willkürlich aufgrund von Äußerlichkeiten über andere erheben.

Geburt & Feminismus

März 5, 2017

Selbstbestimmung bei der Geburt wird wieder zu einem wichtigen Thema in feministischen Debatten. Ein Grund dafür ist, dass sich die geburtshilfliche Versorgung in Deutschland stark verschlechtert hat: Personalmangel, immer weniger freiberufliche Hebammen (z.B. hat zwischen 2009 und 2013 jede sechste Hebamme die außerklinische Geburtshilfe aufgegeben), das Schließen von hebammengeleiteten Geburtseinrichtungen und die laufende Krankenhausstrukturreformen sind einige Gründe dafür. Aus diesem Grund hat sich 2015 der Verein ‚Mother-Hood‚ gegründet. Seine Ziele sind,

 dass Frauen und Kinder auch in Zukunft eine unbeschwerte und sichere Schwangerschaft, eine optimal begleitete Geburt und eine gute Betreuung danach erleben können.

Die Bundeselterninitiative Mother Hood e. V. setzt sich ein für

  • das Recht auf eine stressfreie und gesunde Schwangerschaft,
  • eine sichere und selbstbestimmte Geburt mit der freien Wahl des Geburtsortes
  • ein gesundes Aufwachsen der Kinder im 1. Lebensjahr

Zum Thema selbstbestimmte Geburt gehört, dass es eben nicht die eine ‚richtige Geburt‘ gibt, die für alle Menschen gelten muss. Das bedeutet auch, die ’natürliche Geburt‘ nicht zu idealisieren – wie es in einigen Debatten immer wieder passiert, in denen die Schulmedizin dann pauschal als ‚das Böse‘ erscheint. Das ist nicht nur wegen des wenig reflektieren Naturbegriffs problematisch, sondern auch wegen des normativen Drucks, der dadurch oft entsteht.

Diesen Druck erwähnt Brigitte Theissl in ihrem Artikel ‚Was Selbstbestimmung bei einer Geburt bedeuten kann‚ auf DieStandard. Dort zitiert sie eine Kerstin Pirker vom Frauengesundheitszentrum Graz sowie die ‚FeministMum‚ Bloggerin Antonia Wenzl:

Ein wichtiges Thema für viele Schwangere ist auch der Druck, der mit dem Wunsch nach einer „natürlichen“ Geburt verbunden ist. Während einige Frauen auf eigenen Wunsch per Kaiserschnitt entbinden wollen, ist der Eingriff für andere mit einem Leistungsanspruch verknüpft. „Ich habe versagt“ hört Pirker immer wieder von Frauen, die ihr Kind nicht vaginal, sondern per Kaiserschnitt entbunden haben. Auch auf Mütter-Blogs und in einschlägigen Foren finden sich unzählige Beiträge zur „natürlichen“ Geburt, die möglichst ohne medizinische Interventionen stattfinden soll. Wer vom eigenen Kaiserschnitt erzählt, wird schnell mit Aussagen wie „Dann hast du dich nicht gut genug vorbereitet“ konfrontiert, erzählt auch Antonia Wenzl.

„Dass Geburt heute Teil eines Leistungsdiskurses ist, ist eigentlich absurd“, sagt die feministische Bloggerin.

Mit einem erweiterten Begriff der Selbstbestimmung beschäftigt sich dagegen das englischsprachige Blog tynanrhea. Es ist angetreten, ganzheitliche gesundheit zu queeren – und dazu gehört auch die Geburtshilfe.

Birth workers and mommy groups are all too often hyper gendered and use language that can make it seem like families only occur in heterosexual nuclear configurations shown on 1950’s ads… or most modern ads. We know better by now, don’t we?

Families have always formed from all sorts of parts! Single-parent families, trans-parent families, extended families, polyamours families, married couples, unwed common-law couples, queer families, straight families, families of colour, interracial families, families formed from friendships, arranged marriages, families within families– with all of this variety, why do we keep using such limited language? Who do we serve by cutting “others” out of the family portrait?

Entsprechend lehnt Tynan Rhea ab, Schwangere oder Gebärende als ‚Frauen‘ oder ‚Mütter‘ zu bezeichnen. Stattdessen werden acht genderneutrale Begriff wie „birthing person“ oder „parent“ vorgeschlagen – viele der Vorschläge liessen sich sicherlich ins Deutsche übertragen, Begriffe wie ‚gebärende Person‘ und ‚Eltern‘ dürften schließlich ziemlich problemlos in die Sprache rund um Geburten integrieren zu sein. Der wichtigste Vorschlag dabei ist aber wohl, die betroffene Person schlicht nach ihren Wünschen zu fragen. Denn die passende Ansprache ist ganz sicher ein zentraler Teil der Selbstbestimmung, nicht nur bei der Geburt.