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Heteros, die von Homos lernen

November 4, 2016
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Modelle (Foto: fuckermothers)

In vielen Studien zu gleichgeschlechtlich lebenden Paaren geht es lediglich darum, dass diese  zumindest ‚genauso gut‘ sind wie gegengeschlechtliche Paare, insbesondere in Bezug auf die Kindererziehung. Eine interessante Perspektivumkehr nimmt dagegen die Journalistin  Anke Nolte ein. In ihrem Artikel ‚Geschlechterfrieden‚, der in der ‚Psychologie heute‘ erschien, geht es um „3 Lektionen, die Hetereopaare von Homopaaren lernen können“.

Im ersten Punkt geht um Hausarbeit und Kindererziehung:

„Das Geschlecht bestimmt in Mann-Frau- Beziehungen noch immer darüber, wer für was zuständig ist: Meistens kümmern sich die Frauen mehr um Haushalt und Kinder – auch dann, wenn sie in Vollzeit berufstätig sind. Es ist nur logisch, dass diese Stereotypen bei gleichgeschlechtlichen Paaren nicht greifen können. „Wir müssen erst herausfinden, wer was über- nehmen kann“, beschreibt es ein 53-jähriger schwuler Mann aus Berlin. „Das ist eine ganz pragmatische Entscheidung.“ Wer hat Zeit für was? Wer kann was am besten? Wer hat welche Vorlieben?

Die eine wäscht, die andere bügelt: Bei gleichgeschlechtlichen Paaren scheint es gerechter zuzugehen. Das legt auch eine neue Studie des Families and Work Insti- tute in New York nahe. Befragt wurden 225 homosexuelle und heterosexuelle Paa- re, bei denen beide Partner berufstätig waren. (…) Tatsächlich erledigen lesbische und schwule Paare insbesondere die Wäsche gemeinsam sowie Reparaturen im Haus. Ebenso teilen sie sich eher die Verantwortung für die Kinder – eine für die Gleich- stellung besonders wichtige Aufgabe, weil sie zeitintensiv ist, Flexibilität verlangt und die Karriere eher bremst als fördert.

Auch die anderen zwei Punkte sind lesens- und denkenswert. Für weitere Lektüre finden sich am Ende ihres Textes zudem Literaturangaben zu den jeweiligen Studien.

atmende Lebensverläufe vs. Scheitern

September 11, 2016

Das Konzept der ‚atmenden Lebensverläufe‘ hört sich in Zeiten atemloser Arbeitsamkeit sehr schön an und wird – neben anderen Konzepten – von Johanna Schoener in ihrem empfehlenswerten Artikel ‚Zu platt für den Aufstand‚ vorgestellt. Darin geht es eben um das Problem der Atemlosigkeit, mit dem sich viele Eltern konfrontiert sehen – und möglichen Lösungen:

Kluge Vorschläge gibt es bereits. Besonders populär ist die Idee der Sozialwissenschaftlerin Jutta Allmendinger, die eine neue Vollzeit von 32 Stunden in der Woche vorschlägt – allerdings als Durchschnittswert über das gesamte Erwerbsleben. Ob man in der gewonnenen Zeit mit einem Baby kuschelt, einen Elternteil pflegt, Lateinvokabeln abhört, mit dem Partner verreist, Museen besucht, faulenzt oder Schildkröten rettet, bliebe jedem selbst überlassen. Männer könnten ihr Arbeitspensum wie gewünscht reduzieren und Frauen ihres wie gewünscht steigern. Die gesamte Arbeitsleistung würde nicht sinken, sondern anders im Lebenslauf und zwischen den Geschlechtern verteilt.

Falls jemand die Dringlichkeit einer solchen Maßnahme anzweifelt, helfen Zahlen des Statistischen Bundesamts: Erwachsene arbeiten im Schnitt 45 Stunden in der Woche, davon entfallen 20,5 Stunden auf berufliche Tätigkeiten und 24,5 Stunden auf unbezahlte Tätigkeiten wie Kinderbetreuung und das bisschen Haushalt. Letztere machen bei Frauen rund zwei Drittel des Gesamtpensums aus, bei Männern weniger als die Hälfte. Eltern leisten im Schnitt 58 Wochenstunden, davon knapp 31 unbezahlt – und die geschlechtsspezifische Unwucht verschärft sich noch.

Sogar in unserer Hochleistungsgesellschaft muss und möchte jeder Mensch zwischendurch mal für sich selbst und meistens noch für andere sorgen. Auf dieser so banalen wie oftmals verdrängten Einsicht fußt auch das Konzept der „atmenden Lebensverläufe“, für das sich Karin Jurczyk gemeinsam mit dem Arbeitsrechtler Ulrich Mückenberger starkmacht. Ihr Vorschlag: Jeder erhält eine Art Guthaben, etwa als Zeitkonto von fünf bis acht Jahren, das er einsetzen kann, um die Erwerbsarbeit zu verkürzen oder zu unterbrechen. Durch ein solches „Care-Zeit-Budget“ hätte man in bestimmten Lebensphasen mehr Zeit und Energie für andere Tätigkeiten. Finanziert würden diese Phasen abhängig davon, wie relevant sie für die Gesellschaft sind. Die Betreuung von Kindern und Alten etwa sollte aus öffentlichen Mitteln bestritten werden, für Weiterbildungen könnte der Arbeitgeber eintreten, und persönliche Auszeiten müsste jeder selbst stemmen.

Reizvoll an solchen Konzepten ist: Sie betreffen jeden und provozieren ein echtes Umdenken. Aus dem bislang typischen Dreischritt der Lebensarbeitszeit – Sozialisation, Erwerbsphase, Rente – würden nicht mehr nur Mütter und Burn-out-Patienten ausscheren. Niemand würde in Verdacht geraten, unambitioniert oder anderweitig suspekt zu sein, bloß weil er nicht artig eine lineare Erwerbsbiografie absolviert. Der Zeitpunkt ist ideal, um neue Muster zu prägen, denn das gegenwärtige Lebenslaufregime bröckelt durch demografische Veränderungen, neue Rollenbilder und Stresserkrankungen ohnehin.

Zum Schluss fragt sich Schoener, warum keine der Vorschläge umgesetzt werden, wo das Problem doch so offensichtlich ist. Ich teile ihre These, dass das mit traditionellen Arbeitskulturen zu tun hat und dass gerade Eltern sowieso zu wenig Zeit für Protest haben.   Ich denke aber auch, dass es noch zwei weitere Gründe gibt:

  1. Wäre hier der gute alte Begriff der ‚Ideologie‘ wohl nicht ganz fehl am Platz: Die Vorschläge zur Reduzierung der Lohnarbeit scheinen zu sehr an den Grundfesten kapitalistischer Ideologien zu rütteln, nämlich dass Erwerbsarbeit die einzige Form der Arbeit ist; dass es nur ‚arbeitende‘ Menschen verdienen, Geld zu bekommen und dass ‚die Arbeit‘ für jeden Menschen an erster Stelle stehen muss. Deswegen liegen solche Alternativ-Modelle wohl jenseits des politischen Konsens der etablierten Parteien. Wer einen solchen Vorschlag macht, begibt sich jenseits der herrschenden Ideologien und wird schnell als ‚radikal‘, als ‚zu idealistisch‘ oder ‚verrückt‘ abgestempelt.
  2. gibt es das Problem, dass man sich oft ziemlich vereinzelt fühlt, solche ‚großen Dinge‘ zu diskutieren – vor allem am Arbeitsplatz. Denn wenn es um das Verändern der Arbeitskulturen geht, bedeutet das konkret: Allein dem_der Chef_in deutlich zu machen, dass man weniger Stunden anwesend sein möchte. Und die möglichen negativen Konsequenzen muss man dann ebenfalls allein tragen. Gerade für Mütter gibt es sehr viele negative Konsequenzen – von ‚Downgrading‘ über geringeren Lohn über nicht verlängerte Verträge. Schnell fühlt sich so ein Verlust des Arbeitsplatzes nicht mehr unbedingt als politischer Akt an, sondern als persönliches Scheitern. Ich glaube der Grund, dass manche Eltern lieber über Erziehungsfragen diskutieren, als über ihre Arbeitsbedingungen, sind nicht unbedingt ‚Plattheit‘ oder mangelndes politisches Interesse, sondern Angst, Scham und das Gefühl, gescheitert zu sein.

Schlankheit, Schönheit, Kinder

August 22, 2016

Ich bin heute Mutter eines Sohnes und einer Tochter. Manchmal denke ich drüber nach, in was für einer Welt sie gross werden. Die Schönheitsideale sind ja allgegenwärtig, auch für Jungs. Mir ist klar, dass ich das nicht kontrollieren kann, dass ich die Kinder nicht in jeglicher Hinsicht schützen kann. Ich versuche, offen über Körpernormen zu sprechen, gerade deshalb finde ich es praktisch, Barbies zu haben. Sie sind sehr geeignet, mit den Kindern ins Gespräch zu kommen über unrealistische Körpervorstellungen. Sowieso gibt es bei uns zu Hause eigentlich fast alles, ich verbiete keine Spielsachen. Aber ich sage klar meine Meinung, was mir gefällt, was nicht, und warum nicht. Dann gibt es manchmal Streit oder Enttäuschung, aber ich versuche, meine Tochter darin zu bestärken, ihre eigene Meinung zu haben – auch entgegen der meinigen. Denn ich glaube, dass vor allem ein tiefes und echtes Selbstbewusstsein sie davor bewahren wird, später wie das Barbie aussehen zu wollen. Wenn sie also auf dünne Barbies steht, anerkenne ich das. Ich sage: Ich finde es zu dünn, aber ich kann verstehen, dass es dir gefällt.

Susie Orbach, die Spezialistin für Essstörungen, meinte in einem Interview, sie würde ihre Tochter nicht anders erziehen als andere Mütter. Das einzige, worauf sie tatsächlich penibel achte sei, vor ihrer Tochter nicht schlecht über ihren eigenen Körper oder sich selbst zu spreche. Auch sämtlichen Betreuungspersonen, Babysitterinnen und Grossmüttern lege sie nahe, vor dem Mädchen nicht abwertend über ihre Körper zu sprechen.

Ich mache das auch so, ich spreche sowohl über meinen eigenen als auch den Körper meiner Kinder wertschätzend. Manchmal stehe ich mit meiner Tochter im Bad vor dem Spiegel und wir zählen auf, was wir alles an unseren Körpern mögen.

Während solcher Körperexpeditionen fällt mir dann auch auf, dass mich die Vorstellung, plötzlich stark zuzunehmen, bis heute ein wenig nervös macht. Auch meine Tochter werde ich vor solchen Ängsten wohl nicht gänzlich bewahren können.

Franziska Schutzbachs Text zu ihren Erfahrungen mit Bulemie ist äußerst lesenswert. Wichtig fand ich dabei auch, wie sie in der Kindererziehung mit diesen Erfahrungen umgeht – denn bei uns ist die Barbie- und Schönheitsfrage grade ziemlich brisant. So sehr ich gegen Rosa-und Prinzessinen-Bashing bin: zunehmend frage ich mich doch, wieviel Portionen an schönen und schlanken Prinzessinnen-Geschichten noch zu verdauen sind. Und ab wann es umschlägt, in Hass auf den eigenen Körper, der eben nicht so aussieht als wäre er von Disney oder Mattel produziert. Deswegen freue ich mich über alle Strategien jenseits des Barbie-Verbots (an dessen Wirksamkeit ich einfach nicht so glauben kann.)

Zu Alleinerziehenden und Wohnungen

August 16, 2016

Was steigende Mieten für verschiedene Familienmodelle bedeuten, macht Teresa Buecker in ihrem Text auf ‚EDITION F‚ sehr anschaulich. Dort geht es um Alleinerziehende und Einkommen, Wohnungssuche und Wahlkampf, Gentrifizierung und Berlin.

Die „Bezahlbarkeit“ wird vor allem dann deutlich, wenn man auf Alleinerziehende schaut, die eine immer größere Gruppe bilden. Denn wer vom Vermieter für eine zum Beispiel 900 Euro teure Wohnung akzeptiert werden will, sollte mindestens das dreifache Nettoeinkommen vorweisen können. Heißt: 2.700 Euro netto. Das heißt wiederum für eine alleinerziehende Frau mit Steuerklasse II: Sie sollte ein Bruttoeinkommen von über 4.500 Euro haben oder mindestens 55.000 Euro im Jahr. Das ist zum Beispiel das durchschnittliche Einkommen einer angestellten Klinikärztin mit fünf Jahren Berufserfahrung (Ärzte gehören zu den Topverdienerin in Deutschland). Laut einer Erhebung des Bundesfamilienministeriums haben jedoch nur acht Prozent der Alleinerziehenden ein Einkommen von über 2.600 Euro.

Schon für eine Wohnung, die – egal wo – 600 Euro kostet, muss eine Person ein Netto-Einkommen von 1.800 Euro vorweisen können – selbst das ist für die überwiegende Mehrheit der Alleinerziehenden absolut utopisch. Mit diesem Einkommen würde die Alleinerziehende jedoch schon locker zur Mittelschicht zählen.

Kinder getrennt groß zu ziehen, kann eine sehr gut Lösung sein. Auch diese Familien sind glücklich. Wenn das Großziehen von Kindern jedoch finanziell nur dann entspannt ist, wenn es zwei Einkommen gibt, stimmt etwas nicht.

Den WBS-Schein für Sozialwohnungen gibt es übrigens in Berlin nur, wenn eine alleinstehende Person nicht mehr als 16.800 Euro im Jahr verdient (plus 700 Euro pro Kind), eine alleinerziehende Mutter hat also nur Anspruch auf eine Sozialwohnung mit geringerer Miete, wenn sie nicht mehr als 1.400 Euro netto verdient. Verdient sie also zum Beispiel 1.600 netto, muss sie sich auf dem regulären Wohnungsmarkt umsehen und kann sich mit ihrem Einkommen realistisch nur auf Wohnungen bewerben, die nicht teurer als 530 Euro sind. Für Single-Eltern mit Kind(ern) bedeutet das: Es wird eng.

Klamotten und Gender

Juni 16, 2016

Mit Kleidung ist es so eine Sache, besonders wenn es um Kinder geht: Die Geschlechtertrennung ist ebenso so allumfassend wie strikt. Es bleibt nicht nur bei ‚rosa ist für Mädchen‘ und ‚blau ist für Jungen‘, sondern fast jede Farbnuance und Symbolik bekommt ein Geschlecht – zumindest sobald Kinder eine Freude für Kategorienbildung und Konsum kultivieren.

Um so unterstützenswerter ist deswegen ein Projekt, das gegen diesen fürchterlichen (und nicht zuletzt: furchtbar langweiligen) Trend arbeitet: Mitz Accessories designt Kleidung jenseits der Geschlechterstereotype. Es kann auf Kickstarter  finanziell gefördert werden. Das Kleid mit den Dinosauriern gefällt mir gut und auf Anhieb gäbe es sicherlich noch viele andere schöne Motive: Prinzessinnen, die Feuerwehrautos fahren, zum Beispiel. Oder Tiger-Einhörner. Oder rosa Roboter mit Glitzer.

Das Kleidungsproblem fängt für viele leider bereits in der Schwangerschaft an. Deswegen sei an dieser Stelle noch einmal auf ‚Butchbaby & Co‚ verwiesen. Dort soll es androgyne Schwangerschaftsmode für queere, trans* und maskuline Eltern zu kaufen geben – leider ist die Seite (nachdem es im letzten Jahr viele begeisterte Ankündigungen gab) bislang immer noch offline. Aber die Idee ist ausgesprochen gut, weshalb hier zumindest ein Interview mit der Butchbaby-Gründerin Vanessa Newman gepostet sei.

 

Zwei Empfehlungen zu feministischer Mutterschaft

Juni 6, 2016

Die erste Empfehlung ist ein Buch mit einen bemerkenswert gutem Namen: Oh Mother, Where Art Thou?

Mutterschaft_BuchDass der Inhalt sicherlich ebenso gut ist, verspricht nicht nur das Thema – queerfeministische Perspektiven auf Mutterschaft und Mütterlichkeit – sondern auch die illustre Reihe an Beitragenden und Herausgebenden. Unter anderem sind Texte von Sarah Diehl, Barbara Duden und Ann-Madeleine Tietge im Sammelband enthalten (ich bin entgegen der Ankündigung leider nicht dabei, The Doppelbelastung Took Its Terrible Toll und raubte mir unglücklicher Weise die notwendige Zeit.) Hier der Link zur Buch-Verlagsseite. Mittlerweile gibt es eine Rezension beim ‚Standard‘ und eine weitere bei Jochen König.

Bei der zweiten Empfehlung handelt es sich um eine Zeitschrift mit bemerkenswert gutem Titelbild:

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Die neue Ausgabe der (sowieso immer empfehlenswerten) an.schläge behandelt unter anderem emanzipierte Mütter und Töchter. Hier zum Inhalt.

Entspannte Väter, pingelige Mütter – Sauberkeitsnormen und andere Dinge in heterosexuellen Elternpaaren

April 23, 2016

Es scheint alles viel gerechter und progressiver, heutzutage: Oft ist es nun so, dass sowohl Väter als auch Mütter berufstätig sind. Und oft müssen dann auch Männer einen Teil derjenigen Arbeiten erledigen, die traditioneller Weise eigentlich ‚Frauendomäne‘ waren, nämlich Putzen und Kindererziehung. So stolz viele Paare auf ihre ‚alternative‘ Einstellung zu Geschlechterrollen sind, so deprimierend lesen sich Studien zur Verteilung von Hausarbeit und Einkommenentwicklung – seit den 1970er Jahren hat sich da in der  Geschlechtergerechtigkeit nämlich keinesfalls grundlegend etwas getan.

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Persönlichkeitseigenschaften (Collage: Fuckermothers)

Wie aber ist es bei den Hetero-Paaren, die nicht nur behaupten, dass sie alles gerecht teilen, sondern bei denen man auf den ersten Blick von eine ‚Rollenumkehr‘ sprechen könnte – in denen also die Frau den Hauptteil der Berufstätigkeit übernimmt?

Leider auch nicht viel besser, sagt ein Studie – zumindest in Bezug auf die Verteilung von Hausarbeit. Sarah Speck und Cornelia Koppetsch untersuchten Paare, in denen die Frau das Haupteinkommen verdient, aber trotzdem noch substanziell mehr Hausarbeit übernimmt. Sie analysierten, wie diese Diskrepanz zwischen Selbstsicht (wir teilen und alles und sind voll progressiv) und Fremdsicht (traditionelle Tätogkeitsmuster und ungleiche Verteilung) zustande kommen. Grundlegend dabei scheint der Mythos der unterschiedlichen ‚Sauberkeitsnormen‘. Dabei werden ‚Geschlechterrollen‘ (‚buh! voll überholt‘) einfach reformuliert, in vermeintliche ‚Charaktereigenschaften‘ (‚hey, verschiedene Persönlichkeitsunterschiede muss man doch grade als tolerante Menschen voll respektieren!`)

Schaut man genauer hin, entpuppt sich das Mantra, man mache bei allem 50:50, als Illusion. Zwar hat man getrennte Kassen und teilt sich die Kosten offiziell. Doch finden eine Reihe von Transaktionen statt, Einladungen und Leihgaben, die verschleiern, dass die von uns befragten Männer die Hälfte der Kosten gar nicht aufbringen können und die Frauen faktisch den gemeinsamen Lebensstandard sichern. Auch darin zeigt sich, dass der ungleiche Verdienst durchaus ein Problem darstellt. Man will am Selbstbild der egalitären Partnerschaft festhalten, die finanzielle Autonomie soll die Gleichheit beider bezeugen.

Aus dem gleichen Grund verbergen Paare dieser Milieus die ungleiche häusliche Arbeitsteilung – vor allem vor sich selbst. Hierbei helfen mehrere interessante Techniken. Der Klassiker: »unterschiedliche Sauberkeitsstandards«. Die ungleiche Beteiligung an Hausarbeit wird individuellen Charaktereigenschaften zugerechnet. Wer einen Sauberkeitsfimmel hat, ist selbst schuld. Verbreitet ist das insbesondere in alternativen, postmaterialistischen Milieus, wo Hausarbeit keine Rolle spielen soll und man auch deshalb vermeidet, darüber zu streiten. Dann schon lieber eine Putzfrau – hilft auch dabei, sich als gleichberechtigte Partnerschaft zu verstehen. Eine weitere Strategie: verschiedene Bewertungen von Tätigkeiten. Ein Beispiel? »Mein Freund kocht echt total super und ist ein ganz toller Gastgeber.« Und der Gegenpart dazu, Tätigkeiten rausrechnen: »Wäsche? Macht die Maschine. Aufhängen? Ach so, naja, das macht man doch so nebenbei… Beruhigt mich auch irgendwie.« Dazu gehört auch die Frage, wer das Gesamtarrangement im Auge behält, insbesondere wenn Kinder im Spiel sind. Wann sind das letzte Mal die Fingernägel der Tochter geschnitten worden? Wann steht der Arztbesuch an? Und wie ist das mit dem Babysitter nächste Woche?

Solche Fragen entlarven weiterhin ungleiche Aufgabenverteilungen – auch im Bereich ‚emotionaler Arbeiten‘, die die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen steigern. Also z.B. sich an Geburtstage erinnern und rechtzeitig Karten schreiben, Verwandte regelmäßig anrufen, den verlangten Kuchen für die Hochzeit mitbringen, etc. Katie Mc Laughlin hat ebenfalls beobachtet, dass in vielen Paaren heute zwar tatsächlich viele Aufgaben auf den ersten Blick glich verteilt scheinen, aber eben nur auf den ersten Blick – diese Tätigkeiten scheinen unsichtbar. Entsprechend nennt sie diese Dinge „The Invisible Burden That Leaves Moms Drained„.

Auch ‚Das Nuf‘ hat sich mit obiger Sauberkeitsstudie und eigenen Erfahrungen beschäftigt:

Und da hat es mich voll erwischt. Nach einer gescheiterten Beziehung, gehe ich nämlich davon aus, dass ich nie mehr mit einem Mann zusammenleben kann, weil letztendlich die unterschiedlichen Sauberkeitsstandards oder aber die Vorstellung, in welchem Zeitrahmen eine Aufgabe sinnigerweise erledigt wird, bei mir offenbar zwischen zwanghaft und (wie mir gerne vorgeworfen wurde) herrisch schwanken.

Mein angeblicher Fimmel ist außerdem „unsexy und unsympatisch“ (deswegen empfehlen Frauenzeitschriften:Mehr küssen, weniger meckern am besten die Aufgaben gar nicht an den armen Mann schieben, sondern mit dem Mann ins Kino gehen…) und – was auch ein Problem ist – eine schlechte Charaktereigenschaft. Schade eigentlich.

Demgegenüber steht das Narrativ des lockeren Typen, der auch mal fünf gerade sein lassen kann.

Ich habe das für mich schon hingenommen. Ich bin eben nervig, anspruchsvoll und kann eigentlich ganz froh sein, wenn es überhaupt ein Mann mit mir aushält.

Das Ergebnis der Studie zu lesen, hat mich dann doch einigermaßen überrascht