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Warum deutsche Journalisten Edward Snowden lieben

August 25, 2013

In seiner Kolumne auf Spiegel Online wundert sich Sascha Lobo, dass die Mehrheit der Bürger_innen nicht in der Lage sei, das Ausmaß der Überwachungs-Affäre zu begreifen. Er müsse sich, wie er schreibt, zusammenreißen, dass er all diese „Un-Empörten“ nicht diskreditiere. Es ist natürlich schwer zu ertragen, wenn die eigenen für universalistisch befundenen Themen von den anderen nicht als ebenso universalistisch relevant befunden werden. Lobo tut dabei so, als beschäftigte er sich – gemeinsam mit einigen anderen wackeren Mitstreiter_innen – als einziger mit der Thematik und dem Ernst der Lage. Ohne an dieser Stelle abstreiten zu wollen, dass die aktuellen Ereignisse beim Guardian und überhaupt die ganze NSA-Sache haarsträubend ist: Wenn wir ausnahmsweise kurz von der Breaking-News-Logik weg kommen, bei der immer nur das als gravierend erscheint, was in den letzten fünf Sekunden passiert, dann möchte ich folgende Beobachtungen einbringen: Durch den „War on Terror“ startete schon vor zehn Jahren eine breite wissenschaftliche und fundierte Forschung über die Aushebelung von Grundrechten und den Überwachungs-Staat. Beispielhaft sei hier die gerade erschienene und umfassende Studie von Sven Opitz zum Thema Sicherheits-Staat genannt: An der Grenze des Rechts: Inklusion/Exklusion im Zeichen der Sicherheit (und ja: Wissenschaft dauert etwas länger als durchlauferhitzte Medienberichte). Das Problem des Sicherheits-Staates wurde bereits erkannt und durchdacht. Der Punkt ist nur, dass bis vor kurzem vor allem „muslimisch“ aussehende Minderheiten von der Überwachung betroffen schienen. Nun ist es der Guardian-Journalist himself, der dran ist – neben anderen weißen Männern wie Assange oder Snowden. Dass da die Solidarität des Feuilletons groß ist – das sich ja damit auch irgendwie selbst in diese Helden-Genealogie stellt – überrascht nicht.

Assange und Snowden. Ich bin ja im Prinzip auf der Seite dieser Helden. Aber ich frage mich auch: Wer wird von der Männermannschaft in den großen Zeitungen eigentlich zum Helden geschlagen? Was sind die Kriterien, und wer bestimmt, was als „politische Handlung“ definiert und wahrgenommen wird, und was nicht? Es ist nicht mein Anliegen, die NSA-Ereignisse selbst zu bewerten oder gar herunterzuspielen, sondern zu schauen, welche Ereignisse von wem welche Bedeutung zugeschrieben bekommen, und warum das so sein könnte. Meine These ist, dass bei der Ikonographisierung von Snowden und Co. ein Bedürfnis nach (klassischerweise männlichen) Helden mitschwingt. Eine diffuse Sehnsucht nach ein bisschen Action, nach einer mutigen Männlichkeit, die zwar nicht wie früher für „Haus, Frau und Nation“ in den Krieg zieht, dafür aber ihr Leben im Namen einer digitalisierten Zivilcourage aufs Spiel setzt. Diese Männlichkeit steht dabei für nichts Geringeres als für die Grundrechte der gesamten westlichen Welt ein. Snowden und Co. – das sind die Helden der digital Bohème, der Netzaktivisten, der Breaking-News-Blogger und der Investigativjournalisten. Die Daten-Cowboys stehen für die Forderung nach einer freien Meinungsäußerung, die alles sagen wollen darf, ohne je wirklich darum gekämpft zu haben. Sie sind bei genauer Betrachtung die Helden einer Elite, die trotz des Überwachungs-Gaus das Privileg hatte und auch zukünftig haben wird zu definieren, welche Themen relevant sind, ohne über dieses Privileg selber kritisch nachdenken zu müssen.

Dass man mich nicht falsch versteht: Die Kritik an der Überwachung ist wichtig. Dennoch lohnt es sich, ein paar „Seiten-Schauplätze“ in Augenschein zu nehmen. Zum Beispiel die selbstgerechte Art, mit der Sascha Lobo und andere die Sache skandalisieren. Diese Art erinnert an den kritischen Staatsbürger, wie er uns im Sachkundeunterricht beigebracht wurde: Wir erleben hier den Sieg des Positivismus gegenüber jeglichem kritischen Denken. Die Empörung spiegelt – so meine Einschätzung – die Sehnsucht nach einem „guten Vater Staat“ oder dem „guten Regieren“, und sie spiegelt die Erleichterung, über etwas sprechen zu können, bei dem man ganz sicher auf der richtigen Seite steht („der böse Staat verrät seine Bürger_innen“). Letztlich ist es wie mit dem – nicht zufällig so erfolgreichen – Occupy-Slogan: „We are the 99 Percent“. In diesem Slogan kann sich jede_r, wirkliche JEDE_R wiedererkennen und als Opfer produzieren. Zugespitzt: Der Slogan steht für die Kapitulation der Gesellschaftskritik vor der Bescheidwisserei des Wutbürgers.

Auch fällt die aktuell herbeigeschriebene Kritik am Überwachungs-Staat oft etwas gar simpel aus. „Der Staat“ erscheint als etwas, das „den Bürger_innen“ entgegengesetzt ist und in seiner idealen Form eine Art (paternalistische) Instanz zu sein hat, die den Bürger_innen Demokratie sichert. Und wenn das geleistet ist, dann ist alles schön. Die Frage, die sich stellt: Wären mit einem solchen „idealen Staat“ Probleme wie xenophobe Verhältnisse, Ausbeutung von Arbeit und ökologischen Ressourcen, hierarchisierte Geschlechterverhältnisse, sexualisierte Gewalt, postkoloniale Machtstrukturen usw. gelöst? Anders gesagt beinhaltet der Staat-Bürger_innen-Antagonismus die Idee, dass bestimmte Instanzen sich doch bitte ethisch und moralisch richtig verhalten mögen, und dann ist alles gut. Dieser Wunsch nach der „guten Regierung“ oder der „ethischen Marktwirtschaft“ hat aber oft zur Folge, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse ausgeblendet werden. Und das bedeutet letztlich, dass die eigenen Anteile an dieser Gesellschaft verschleiert werden können.

Wirklich interessant würde es doch, wenn Leute wie Sascha Lobo einmal darüber nachdenken, welche Privilegien der (Überwachungs)Staat Menschen wie ihm bisher auch gesichert hat. Für Leute, die ihre Stimme in der wichtigsten Newseite Deutschlands erheben dürfen, läuft es doch nicht so schlecht mit der freien Meinungsäußerung, oder?

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7 Kommentare leave one →
  1. hahaha permalink
    August 25, 2013 8:05 nachmittags

    hier wird lobo die fähigkeit zur kritischen selbstreflexion abgesprochen? nicht euer ernst, oder?

  2. August 26, 2013 7:58 vormittags

    Nun ja, eines ist den Genannten nun doch gemeinsam: Die ungeheure Menge an Beweismaterial. Klar werden auch andere Menschen verfolgt. Aber wenig andere Menschen bringen rein Quantitativ so viel Infromationen mit.

  3. August 26, 2013 8:48 vormittags

    Ich paraphrasiere mal: Es könnte also viel schlimmer sein, deswegen sollen wir froh sein. Wir haben bisher (oder dachten es zumindest), in einem freiheitlichen System gelebt, jetzt müssen wir halt unsere Ideale anpassen. Ist das die Argumentation hier???

  4. August 26, 2013 10:13 vormittags

    Ich finde den Artikel auch ein bisschen komisch. Verstehe ich das richtig, dass du im Absatz über den idealen Staat, diejenigen, die sich diesen wünschen, dafür kritisierst,dass eine ideale Regierung ja nicht automatisch alle Probleme, die es in dieser Gesellschaft gibt, lösen würde? Aber das ist doch auch gar nicht der Anspruch und welche eine Sache, für die man sich einsetzt, löst denn automatisch gleich auch alle anderen Missstände, die es auf der Welt gibt?

    Und es klingt in dem Atikel so, als würden Sascha Lobo und andere erst seit der Snowden-Sache über Überwachung nachdenken und darüber ihre Meinungen äußern. Das ist aber schlicht falsch, ich weiß, dass er und viele andere das Thema schon seit Jahren im Blick haben und immer mal wieder etwas darüber schreiben. Die beschäftigen sich schon seit Jahren auch theoretisch intensiv mit dem Thema, aber du stellst das so dar, als würde zum Beispiel Sascha Lobo erst jetzt auf diesen Zug aufspringen.

    Was Snowden selbst angeht: Er kann halt viele stichhaltige Beweise liefern, das ist meiner Meinung nach der Hauptpunkt, weswegen er so gefeiert wird, er hat einfach Einblicke gebracht, die man so bis dahin nie hatte. Und sicher kann man sich als Weißer mit ihm auch besonders gut identifizieren. Als jemand, der zuvor im Prinzip “alles hatte” eignet er sich aber auch gut als tragischer Held, denn wer hoch steht kann auch besonders tief fallen, was man ja schon als dramaturgische Regel aus antiken Tragödien kennt. Und gerade weil er so hoch stand ist es auch beeindruckend, dass er das “einfach so” riskiert, er hätte (im Gegensatz zu jemandem, der selbst schon akut von Verfolgung betroffen gewesen wäre) ja auch einfach wie bisher weitermachen können. Ich denke, das ist auch etwas, was viele bewundern, weil sie befürchten, dazu selbst wohl eher nicht bereit zu sein.

  5. August 26, 2013 12:50 nachmittags

    danke für diese seitenschauplätze!

  6. Hannah permalink
    September 3, 2013 3:10 nachmittags

    Keine_r hat das Recht (dem Staat) zu gehorchen.

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