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Der alltägliche Wahnsinn einer berufstätigen Mutter – Gastbeitrag von Barbara Streidl

Juni 19, 2012

Ich werde den Bus nicht mehr erwischen, egal, wie schnell ich renne. Dieses Gefühl ist mir sehr vertraut in meinem Leben als berufstätige Mutter. Es ist zentral im Leben der meisten berufstätigen Mütter. Natürlich gibt es heute viel Verständnis für Frauen, die Karriere und Familie vereinbaren wollen: Es werden immer mehr Kinderbetreuungsangebote, immer mehr Männer, die ein paar Monate Elternzeit nehmen, und immer mehr Frauen, die mithilfe von Tagesmüttern und Kinderkrippen kurz nach der Geburt eines Kindes an ihre Arbeitsstelle zurückkehren können. Und doch erachte ich es nach wie vor als klüger, wenn ich mich für mein Zuspätkommen im Büro mit einem ausgefallenen Bus entschuldige als mit meinem Kind. Das nur langsam zur Kita laufen wollte. (…)

Wir alle wissen, dass es viel Kraft kostet, die eigenen Ideale zu erkennen und sie in der Partnerschaft oder in beruflichen Situationen zu verwirklichen und zu verteidigen. Vor allem, wenn die Ideale konträr zu den gültigen gesellschaftlichen Strukturen sind, die bei uns nach wie vor aus einer Zeit fern der Gleichberechtigung stammen. Vollzeit haben doch immer die Männer gearbeitet, während sich die Frauen zu Hause um die Kinder gekümmert haben. Nun dürfen, ja müssen Frauen beides: arbeiten und sich um die Kinder kümmern. Und die Männer sollen das bitte schön unterstützen. Es ist zu spüren, dass wir gerade erst lernen, dieses gleichberechtigte Ziel zu realisieren. Denn es ist keinesfalls schon normal, dass sich Frauen und Männer sowohl im Beruf als auch in der Familie voller Ambitionen engagieren. Das zeigen etwa die Existenz des überholten Ehegattensplittings, der staatlich subventionierten Hausfrauenehe, auf der einen und die 23 Prozent Lohndifferenz zwischen Frauen und Männern auf der anderen Seite.

Wir machen das noch nicht so lange, deshalb fehlt es uns Frauen an Vorbildern. Doch beim Punkt der viel diskutierten Vereinbarkeit fehlt uns allen, Frauen wie Männern, auch der Common Sense: Kinder dürfen kein Handicap sein für berufstätige Menschen, sondern einfach nur Kinder. Denn neben all den strukturellen Schwierigkeiten, mit denen berufstätige Menschen mit Kindern zu kämpfen haben, sind es häufig ganz alltägliche Zeitpläne, die gegen sie arbeiten. Wir straucheln, weil der Bus schon abgefahren ist, der Aufzug auf sich warten lässt, die Konferenz im Büro außerhalb der Kinderbetreuungszeiten stattfindet.

Wie soll das neue Leben aussehen, das Frauen wie Männern beides ermöglicht – Karriere und Kinder? An dieser Stelle muss neu diskutiert werden, denn sonst steuern wir auf eine Zukunft zu, die uns, gestützt von Betreuungsmöglichkeiten, im Alltag kinderlos macht. Wir werden uns in Fulltime arbeitende Teilzeitmütter und Wochenendväter verwandeln, staatlich unterstützt. Abhängig von perfekt ausgetüftelten Terminplänen, in denen es kaum Spielraum gibt. So sieht der derzeitige Plan mit Krippenausbau und Stärkung des Elterngeldangebots nämlich aus: Kinder werden keinen sichtbaren Platz mehr haben in unserer Gesellschaft. Weil sie die Arbeitszeit ihrer Eltern stören.

Von der Realität der gängigen Kita-Schließzeiten einmal abgesehen möchten nicht alle Frauen eine 40-, 45-Stunden- Vollzeitwoche haben, wenn ein kleines Kind zu Hause wartet. Und sicher wollen das auch nicht alle Männer. Frauen, die kurz nach der Entbindung eines Kindes wieder ins Berufsleben einsteigen, machen das häufig auch deshalb, weil sie fürchten, den beruflichen Anschluss zu verpassen. Doch sich einzugestehen, dass das eigene Kind ein Karrierekiller ist, weil es durch seine bloße Existenz die zeitliche Flexibilität torpediert, ist schmerzhaft. Schuld an der Angst zu versagen hat aber nicht das Kind, sondern die gängige Meinung, dass nur wer Vollzeit arbeitet in unserem Land Karriere machen darf.

Die Unvereinbarkeit von Bekennen zur eigenen Familie auf der einen Seite und der Angst vor dem beruflichen Versagen auf der anderen führt unweigerlich zu einem Burnout vieler Frauen – und auch Männer. Die Bemühungen der Bundesregierung und anderer Organisationen werden also nicht ausreichen, um das Bus-Nachlauf-Gefühl aus dem Leben einer berufstätigen Mutter zu verbannen. Auch die Visionen, die Vorstellungen, wie wir Menschen in diesem Land leben wollen, müssen verändert werden. Wir müssen sie verändern.

—–

Der Text ist ein Auszug aus dem neuen Buch ‘Kann ich gleich zurückrufen? Der alltägliche Wahnsinn einer berufstätigen Mutter’ von Barbara Streidl (Random House, 2012) und kann hier online gelesen werden. Barbara Streidl ist Mitautorin des Buches ‘Wir Alphamädchen’, eine der Gründerinnen der ‘Mädchenmannschaft’ und betreibt momentan unter anderem ‘Frau Lila‘. Eine Rezension ihres Buches auf ‘fuckermothers’ (in den nächsten Wochen oder auch Monaten) ist geplant. Bislang gibt es hier eine erste Besprechung durch Antje Schrupp.

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7 Kommentare leave one →
  1. Juni 20, 2012 9:37 vormittags

    Und in welche Richtung sollen die Veränderungen gehen? Ein paar Vorschläge wären schön.
    Hier einer von mir: Professor an unserer Uni hatte in seinem Büro einen Laufstall, in dem regelmäßig seine Kinder spielten. Ich bezweifele jedoch, dass das in vielen Berufen und mit allen Kindern möglich ist…
    Was ist dann die Alternative?

    • Juni 20, 2012 11:13 vormittags

      Hallo Hannah,
      Vorschläge findest du dann im Buch – aber natürlich sind die recht individuell zu verstehen, also auf die Geschichte der Protagonistin angepasst. Ich glaube, eine für alle zutreffende Alternative / Lösung gibt es nicht. Was vielleicht auch ganz gut ist, denn in so privaten Bereichen möchten sich viele auch nichts “verschreiben” lassen.
      Aber die Geschichte mit deinem Professor finde ich gut. Denn sie hat doch auf jeden Fall Vorbildcharakter.

  2. Juni 21, 2012 10:40 vormittags

    Ich bin sehr auf das Buch gespannt. Meiner Meinung nach müssten Vorschläge aber tatsächlich auch in Richtung Politik gehen und vor allem auf eine Veränderung der Arbeitswelt zielen: weniger prekäre Arbeitsstellen, besseres Gehalt und mehr Karrieremöglichkeiten bei Teilzeitarbeit, flexiblere Arbeitszeiten und – vor allem – eine Verkürzung der Lohnarbeitszeit für alle halte ich für sinnvoll. Auch andere Vorschläge gibt es ja schon (z.B. 4in1 von Haugg oder das bedingungslose Grundeinkommen). Beste Grüsse!

  3. Juni 23, 2012 6:14 vormittags

    @Barbara, habe noch weiter in der Leseprobe geschmökert und mir das Buch jetzt mal bestellt. Bin gespannt, was noch drinnen steht. Bis dahin ist vielleicht für die eine oder andere folgender Artikel sehr interessant: http://www.theatlantic.com/magazine/archive/2012/07/why-women-still-can-8217-t-have-it-all/9020/?single_page=true

  4. Juni 25, 2012 1:44 nachmittags

    @ Hannah
    Danke für den Link. Why Women still can’t have it all? Sehr schön.

  5. Anaka permalink
    Juni 25, 2012 10:43 nachmittags

    wundervoll! genau meine gedanken!

  6. Mama Long permalink
    Dezember 16, 2012 6:23 nachmittags

    Veränderungen? Mein dreijähriger Sohn hat schonmal angefangen.Der Dozent, der so offensichtlich genervt von seiner Anwesenheit in der Lehrveranstaltung war, wurde verhext: “Pokus Pokus drei mal kater carlo – du, Mann, sollst eine Kackwurst sein.”
    Ich habe diesen familienunfreundlichen Forstbotanik Dozenten danach nie wiedergesehen.
    Alle anderen Dozenten sind immer sehr freundlich zu meinen Kindern, wenn sie mitkommen – seitdem erst recht!

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