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Immer noch

Juni 14, 2012

Manchmal bin ich deprimiert, wenn ich ältere Texte zu Familienpolitik und Mutterschaft lese. Deprimiert bin ich, weil dann deutlich wird, wie lang es schon gute Kritik und sinnvolle Vorschläge gibt – und wie wenig sich trotzdem verändert hat. Im Kern sind viele der damaligen Aussagen immer noch gültig. Hier zwei Beispiele – das erste ist mehr als 20, das zweite mehr als 30 Jahre her:

Bild aus dem Buch ‘Frau’, 1978, S. 243

Im Jahr 1987 erklärte der Wissenschaftler Reinhard Sieder in seiner ‘Sozialgeschichte der Familie’, dass sich in den letzten Jahrzehnten zwar strukturell in der Geschlechterordnung einiges getan habe. Trotzdem gebe es grundlegende Kontinuitäten: “Weiterhin ist die Ehefrau für die Zubereitung der Mahlzeiten und die täglichen Bedürfnisse der Kinder zuständig, gleichgültig ob sie erwerbstätig ist oder nicht. Aufgaben, die in Zusammenhang mit Kindergarten und Schule anfallen, werden überwiegend von den Müttern wahrgenommen.” Das gelte auch für die Versorgung älterer Menschen. Zwar übernähmen seit den öffentlichen Debatten der  siebziger Jahren geringfügig mehr Männer Haus- und Pflegearbeiten. Noch immer aber würden Töchtern ihren Müttern laut Studien drei bis fünfmal soviel helfen wie Söhne. So würden bei der nächsten Generation “geschlechtsspezifische Verhaltensweise und Stereotype” gefördert (S. 245-247).

Auch viele Aussagen des feministischen Handbuchs “Frau” von 1978 sind noch deprimierend aktuell. Das Buch war Teil der zweiten Welle der Frauenbewegung und der feministischen Medizinkritik. Es wurde von einem Kollektiv aus vielen Frauen und einigen Männern geschrieben. Ihr Anliegen war, Frauen grundlegende Kenntnisse über ihren Körper, Verhütung, Abtreibung und Sexualität zu vermitteln, so dass sie besser über sich und ihr Leben entscheiden konnten.

Darin ist unter anderem als Analyse der Frauenrolle zu lesen: “einerseits sollen wir das Gebären von Kindern als unsere wichtigste Lebensaufgabe betrachten, vor allem, wenn die Nation um ihren Bestand und ihre Renten bangt und es von bevölkerungspolitischem Nutzen ist; – andererseits müssen wir in anderen Bereichen dafür büßen, wenn wir diese ‚Pflicht’ erfüllen. Der Widerspruch hat für Frauen im Berufsbereich diffamierende Folgen“ (S. 10). Zu diesen Folgen zählten weniger gehobene Positionen, schlechtere Bezahlung und krisenanfälligere Arbeitsplätze. Wie obiges Bild zeigt, wandelten sich zwar seitdem Frisuren und Brillen-Mode enorm. Die grundlegende Forderungen nach gleichem Lohn blieb relativ gleich – auch heute verdienen Männer im Schnitt 23 % mehr als Frauen.

Kritisiert wurde ebenso die Trennung von Berufs- und Privatleben: “Hausarbeit ist anstrengend, und die Arbeitsbedingungen im Haushalt sind im Grunde unzumutbar, auch wenn diese Tatsache vielen Frauen gar nicht in den Sinn kommt, weil häusliche Arbeit und die Sorge für die Familie mit anderem Maß als Erwerbstätigkeit gemessen werden. Wir sind gewohnt, die Hausfrauenrolle als ‚Berufung’ anzusehen, nicht als Beruf” (S. 11).

Zu all diesen Worten nur noch ein leises ‘Ach ja’ als Kommentar meinerseits.

Sieder, R. (1987). Sozialgeschichte der Familie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Wielopolska, B., Petersen, A., Fiedler, M., Hodapp-Lang, M., & Kunstmann, A. (Eds.). (1978). Frau: Ein Handbuch über Sexualität, Verhütung und Abtreigung, Schwangerschaft und Geburt, Klimakterium und Alter. München: Frauenbuchverlag.

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3 Kommentare leave one →
  1. Elle permalink
    Juni 14, 2012 11:03 vormittags

    Schließe mich dem “Ach ja” an…

  2. profin permalink
    Juli 15, 2012 12:45 nachmittags

    http://www.textlog.de/tucholsky-colloquium-utero.html
    Und wenn ich mir überlege, dass dieser Text nun 80 Jahre alt ist – Thema Schwangerschaftsabbruch und Kindsschutz – dann denke ich auch: Fortschritt, ach ja

Trackbacks

  1. Feminismus als Ethik der Liebe | fuckermothers

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