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Be aware of D. W. Winnicott

April 22, 2012

Donald Woods Winnicott (1886-1971) war ein englischer Kinderarzt und Psychoanalytiker, dessen Werk auch heute noch einflussreich ist. Geisteswissenschaftler_innen, die ab und zu Ausflüge in die psychoanalytische Theorie machen, verwenden gern sein Konzept des ‘Übergangobjektes’. Vor allem aber berufen sich zahlreiche Entwicklungspsycholog_innen und psychodynamisch orientierte Therapeut_innen auf seine Theorien. Meist erscheint er dabei als seriöser und neutraler Experte.

Wer Badinters oder Schützes Analysen über die ‘Mutterliebe’ gelesen hat, weiß, dass er in Bezug auf Mutterschaft höchst konservative und traditionelle Ansichten vertrat. Er prägte den Ausdruck der ‘normal hingebenden Mutter’, die für das Wohl ihres Kindes alle eigenen Bedürfnisse zurückstellt. Tut sie das nicht, werde es bei dem Kind später unweigerlich zu schweren emotional-psychischen Störungen kommen. Zu seinen Annahmen gehört ebenso, dass es essentielle Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt wie, dass sich selbstverständlich nur die leibliche Mutter ausreichend um ein Baby kümmern kann, das sie dafür keine fremde Hilfe in Anspruch nehmen soll und dass – kaum eine Überraschung – Stillen unumgänglich ist. Das ist schon schlimm.

Der besonders perfide Dreh ist jedoch, dass all diese mütterlichen Pflichten nicht nur übernommen werden müssen, sondern dies soll vollkommen freiwillig, gern, zufrieden, voller Freude und ungetrüber Liebe geschehen. Durch diese Vorstellungen bildet Winnicotts Theorie eine niemals versiegende Quelle von mütterlichen Schuldgefühlen. Treffend bezeichnet Schütze sie als ‘Beichtspiegel für mütterliche Gewissensforschung’. Schon das kleinste Genervtsein, der geringste Widerwille reicht aus, sich als schlechte Mutter zu fühlen. Und für alle später möglicherweise auftretenden psychischen Probleme des Kindes muss sich die Mutter – schön nach der Logik des ‘mother blame’ – selbst die Schuld geben.

Hier noch einige Zitate aus Winnicotts Buch ‘Kind, Familie und Umwelt’, in dem er sich als Experte direkt an die ‘gute Mutter’ wendet:

- „Es wird Sie beruhigen, wenn ich Ihnen gleich zu Anfang sage, daß ich Ihnen nicht erzählen werde, was Sie tun sollen.Ich bin ein Mann und als solcher kann ich niemals wirklich wissen, was es wohl ist, das dort in der Wiege liegt (…). Das kann nur eine Frau erfahren, und vielleicht kann sich auch nur eine Frau eine Vorstellung davon machen, wie sie es tun muß, wenn ihr aus irgendwelchen Gründen die tatsächliche Erfahrung fehlt.“ (S. 11)

- Anschliessend rekapituliert er mit der weiblichen Leserin noch einmal ihre angenommene mütterliche Erfahrung bei der vergangenen Kinderpflege:  „Und dann gab es bestimmte Zeiten für bestimmte Dinge, Füttern, Baden, Windeln wechseln und Wiegen. Manchmal floß der Urin auf Ihre Schürze und durchnäßte Sie und das machte Ihnen nichts aus. Durch diese Dinge konnten Sie lernen, daß Sie eine Frau waren und eine natürliche, hingebende Mutter.“ (S. 12)

-  „Ich sage all dies, weil ich Sie wissen lassen will, daß dieser Mann, reinlich geschieden vom wirklichen Leben, fern vom Lärm und Geruch und der Verantwortung der Kinderpflege, weiß, daß die Mutter eines kleinen Kindes wirkliche Dinge tut, und daß sie diese Erfahrung um keinen Preis missen möchte.“ (S. 12)

- Doch auch Väter sind von Bedeutung, “weil sie Mutter und Kind vor allem schützen müssen, was das Band zwischen beiden bedrohen könnte, das Band der Liebe, die das eigentliche Wesen der Kindererziehung ist.“ (S. 14)

- Nach Ausführungen zu Geburt und Stillen: „All dies besagt, daß die Pflege eines Neugeborenen ein ausfüllender Beruf ist, und daß es am besten ist, die Mutter macht es allein.“ (S. 20)

- “Die körperliche Gesundheit des Erwachsenen wird in der Kindheit begründet, aber die seelische Gesundheit des Menschen bewirkt die Mutter in den ersten Wochen und Monaten des Lebens“ (S. 22)

- “Vor allem genießen Sie die Zeit! Lassen Sie andere sich um die Welt sorgen, während Sie damit beschäftigt sind, ihr einen neuen Bürger zu schenken.“ (..) Sie dürfen auch ärgerlich sein, wenn das Kind beim Stillen die Milch verweigert, „die Sie ihm so gern geben möchten. Genießen Sie alle Arten von weiblichen Gefühlen, die Sie einem Mann überhaupt nicht erklären können.“ (S. 22)

Ich finde es wichtig, in der Rezeption Winnicotts Theorie auch diese konservative Seite im Kopf zu behalten, die dazu beiträgt, die Mutterschaftsideologie zu stabilisieren und verbreiten. Also: Be aware.

Badinter, E. (1988). Die Mutterliebe: Geschichte eines Gefühls vom 18. Jahrhundert bis heute. München: DTV. (insbesondere  Kapitel III.2.: ‘Der auf Freud zurückgehende ärztliche Diskurs’)

Schütze, Y. (1986). Die gute Mutter: Zur Geschichte des normativen Musters “Mutterliebe”. Bielefeld: B. Kleine Verlag.

Winnicott, D. W. (1980). Kind, Familie und Umwelt. München, Basel: Ernst Reinhardt Verlag.

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2 Kommentare leave one →
  1. profin permalink
    Mai 4, 2012 8:32 nachmittags

    puh, ich lese sehr gerne diesen Blog, insofern ist es erstaunlich, gleich im ersten kOmmentar sowas anzumerken, aber:

    Ich krieg nen Brechreiz bei den Zitaten. Schnell die Schüssel, am besten gehalten von einer wahren Mutter, deren Bestimmung es ist, sie zu halten.

  2. MentalBavarian permalink
    Februar 11, 2013 6:59 nachmittags

    da ich mich gerade in einem referat mit herrn winnicot beschäftige und mir sein unwissenschaftlicher schmonz jedesmal negativ aufstößt bin ich dankbar für diesen blog eintrag.weiter so

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