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Weniger Arbeit für alle!

März 17, 2012

Das Problem mit Kind und ‘Karriere’ wurde bereits tausendfach beschrieben, wobei ‘Karriere’ ja oft nur eine Euphemismus für einigermaßen qualifizierte Erwerbstätigkeit mit halbwegs OKer Bezahlung ist. Dieses Problem ergibt sich meist aus der Struktur des heutigen Arbeitsmarktes, in dem die meisten guten Stellen ‘Vollzeit’ (von mindestens 40 Stunden) und ‘Dauerpräsenz’ erfordern. Das ist für viele Menschen ein Problem (Burnout, Langeweile, Stress, Depression, zu wenig Zeit für Freund_innen, eigene Interessen, etc.). Für Eltern ist das noch ein noch größeres Problem: Bei Paaren mit Kind muss eine_r Vollzeit arbeiten um möglichst viel Geld zu verdienen, hat aber dafür kaum Zeit für Kind, Beziehungen oder sonstiges. Der_die andere kann keiner oder nur teilzeit Erwerbsarbeit nachgehen, leistet dafür jedoch Vollzeit unbezahlte Familienarbeit und hat ebenfalls kaum Zeit für anderes. Letztere Rolle übernimmt in heterosexuellen Paaren natürlich meist die Frau – mit den bekannten Konsequenzen, die Iris Radisch kürzlich in der Zeit (Der Preis des Glücks) sehr schön beschrieben hat.

Eine Lösung dieser Probleme wäre, die bestehende Arbeitsordnung so zu verändern, dass alle Menschen weniger erwerbstätig sein müssten. Dann wäre es beispielsweise möglich, weniger Stunden zu arbeiten, mehr Zeit für sich zu haben und trotzdem eine Stelle mit guter Bezahlung, Aufstiegsmöglichkeiten und Zufriedenheitspotential zu bekommen. Eltern könnten eine gerechtere Arbeitsaufteilung praktizieren. Es wäre möglich, dass beide erwerbstätig sind, aber auch beide die Kinder von der Kita abholen, auf Kindergeburtstage begleiten, Kochen, Freund_innen treffen, etc.

Aus diesem Grund fand ich die Initiative ‘Arbeitszeit verkürzen‘, auf die ich vor Kurzem gestossen bin, eine sehr gute Idee. Sie fordert eine Verkürzung der Normalarbeitszeit und die 30-Stunden-Woche für alle. (By the way: Es gibt auch noch die Bremer Arbeitszeitinitiative, wobei mir nicht klar wurde, ob diese Teil davon ist oder eine eigene Initative mit ähnlichen Forderungen.) Ein Vorteil neben Geschlechtergerechtigkeit und höherer seelischer Gesundheit wäre eine geringere Arbeitslosenquote, welche dieser Text von Tina Groll in der Zeit vor allem in den Vordergrund rückt.

Interessant zum Thema ist übrigens auch das Antje Schrupps Zusammenfassung einer Diskussion zwischen ihr und Barbara Vinken im Herbst letzten Jahres. Dabei kritisiert Schrupp neben dem “Muttermythos” auch den “Erwerbsarbeitsmythos” und hofft, dass die Vereinbarkeitsproblematik Auslöser grösserer gesellschaftlicher Veränderungen wird.

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14 Kommentare leave one →
  1. bravo56 Permalink
    März 17, 2012 6:11 nachmittags

    Arbeitszeitverkürzung um ca. 25 % bedeutet doch auch Lohneinbußen von ca. 25% das kann man kaum jemand zumuten. In einer Familie müsste beide Elternteile je 30 Stunden arbeiten statt heute in der Regel 40 und 20 Stunden. Mehr Zeit gewinnt man damit nicht.
    Bessere Lösungsansätze sind für meine Begriffen das Bedingungslose Grundeinkommen oder das Bandbreitenmodell:
    Infos dazu:
    https://www.grundeinkommen.de/die-idee
    http://www.bandbreitenmodell.de/kurzversion

  2. März 17, 2012 6:25 nachmittags

    Hallo,
    es geht in der Initiative um Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich, es gäbe also keine Lohneinbußen.
    ich denke, dass man damit vielleicht nicht unbedingt mehr, aber gerechter verteilte Zeit gewinnt. Ausserdem wäre dann ja immer noch möglich, weniger als 30 Stunden zu arbeiten.

    Das bedingungslose Grundeinkommen ist aber auch eine gute Idee. Bezogen auf Arbeitsteilung in Familien mit heterosexuellen Eltern denke ich aber, dass es dazu führen könnte, dass Sie zu Hause bleibt, Grundeinkommen und Familienarbeit macht, und Er (besser entlohnte) Erwerbsarbeit. Meines Wissens beschäftigt sich das bedingungslose Grundeinkommen sehr wenig mit Geschlecht, Gleichberechtigung und Wahlfreiheit in punkto Rollenübernahme. Vom Gegenteil lasse ich mich aber gerne überzeugen.

    • bravo56 Permalink
      März 17, 2012 7:38 nachmittags

      Warum sollte sich das BGE denn noch explizit mit der Wahlfreiheit in puncto Rollenübernahme beschäftigen? Es liegt doch auf der Hand, dass in dem Moment, wo die Lebensgrundlage aller Menschen gesichert ist, automatisch auch die Freiheit gegeben ist, sein Leben so zu gestalten, wie es einem beliebt.

      • Anaka Permalink
        März 21, 2012 12:23 nachmittags

        es gibt dann aber immer noch das gesellschaftliche “das macht man nicht” und “das gehört sich so”. damit muss man sich doch trotzdem auseinandersetzten. oder denkst du, das lösst sich dann von allein auf?

      • bravo56 Permalink
        März 21, 2012 4:18 nachmittags

        Denkst Du nicht, das ist ein bisschen kleinkariert? Wenn das BGE eingeführt würde, führte das zu gesellschaftlichen Umwälzungen ungeahnten Ausmaßes. Man kann die nicht alle vorhersehen und ausformulieren. Noch viel weniger kann man im Vorfeld einen gesellschaftlichen Diskurs unter dem Motto: “Was wäre wenn …” führen. Um “gesellschaftliche “das macht man nicht” und “das gehört sich so”. ” zu eliminieren, braucht es vor Allem eines: Zeit. Ich denke mal, so ein, zwei Generationen.
        Wodurch werden denn Frauen an den Herd gezwungen? Ich wage es einfach mal zu behaupten, dass eine Frau, die sich bewusst für Kinder und Karriere – mit allen Konsequenzen – entscheidet, das auch erreichen kann. Heute schon! Und mit dem BGE noch viel leichter.

      • Mai 10, 2012 9:18 vormittags

        Eine junge Familie muss sich überlegen, wer arbeiten geht. Da Männer fast automatisch mehr verdienen als Frauen, wird es oft auf die Entscheidung “mit höherem Nutzen” bzw. Einkommen hinauslaufen. Das ist also kein individueller, sondern ein systemischer Zwang. Das würde vom BGE vielleicht abgemindert, aber nicht aufgehoben.

        Eine gerechterer Verteilung der Arbeit wäre dadurch noch lange nicht gegeben. Um Karriere machen zu können, muss m.E. auch zu BGE-Zeiten mindestens eine 40-Stunden-Woche abgeleistet werden, während andere Leute arbeitslos oder unfreiwillig in Teilzeit sind.

        Die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich würde eine super Grundlage schaffen, auf deren Basis sich ein BGE erkämpfen ließe. Insofern sind beide Konzepte nicht in Konkurrenz zueinander zu sehen, sondern eine sinnvolle Ergänzung.

  3. März 18, 2012 8:14 nachmittags

    Danke für das Ausformulieren von “Kind und Karriere” (zit.: “…, wobei ‘Karriere’ ja oft nur eine Euphemismus für einigermaßen qualifizierte Erwerbstätigkeit mit halbwegs OKer Bezahlung ist.”) – solange nämlich immer nur von der Vereinbarkeit von Kind und “Karriere” die Rede ist, fühlen sich vermutlich unzählige Mütter davon (und somit auch von vielen feministischen Grundforderungen) vermutlich wenig angesprochen …

  4. März 19, 2012 10:55 vormittags

    Oh danke für links und Text.

  5. März 22, 2012 11:21 vormittags

    Hallo bravo56,
    zu Ihrem letzten Kommentar: die Aussage ist keineswegs “kleinkariert”. Eine Politik, die einfach nur auf “Umwälzungen ungeahnten Ausmaßes” hofft ohne im Vorfeld über mögliche Konsequenzen zu reflektieren, ist doch etwas kurz gedacht. Es ist ebenfalls verkürzt, in Bezug auf Ökonomie und Arbeit Differenzkategorien wie Geschlecht auszuklammern und lediglich zu hoffen, das werde sich schon alles irgendwie mit der Zeit selbst regeln.

    Da ja stabile Stereotype und Geschlechterrollen weiter existieren, wäre eine mögliche Folge, dass mit dem BGE für Mütter argumentiert würde: “Sie bekommt doch jetzt sowieso genug Geld, dann muss sie doch auch nicht mehr arbeiten gehen und sollte sich besser um die Kinder kümmern.” (Ähnliches wurde ja bereits bei der Diskussion zu bezahlter Hausarbeit gesagt). Dies könnte dazu führen, Rollenbilder zu verfestigen. Das ist sicherlich keine zwangsläufige Konsequenz, aber durchaus eine Möglichkeit, die mitgedacht werden sollten.

    Ich möchte Sie bitten, nur auf dieser Seite zu kommentieren, wenn Sie sich tatsächlich für Ungleichheit durch Geschlecht interessieren und sich mit struktureller Diskrimierung und feministischen Fragen beschäftigen wollen. Ihre letzten Kommentare lassen das Gegenteil vermuten.

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  4. 32 Stunden Vollzeit « fuckermothers
  5. Weiterin: weniger Arbeit für alle | fuckermothers

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