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Arbeitspolitik ändern!

Januar 24, 2012

Woran liegt es, dass in Deutschland “Kreißsäle wie eine Zeitmaschine wirken”? “Man geht als modernes Paar rein und kommt in den fünfziger Jahren wieder raus”, wie es Alex Rühle in einem Artikel der SZ ausdrückte. Warum übernehmen Mütter mehr Hausarbeit aber weniger Lohnarbeit als Väter, so dass Frauen in sehr viel höherem Maße von wirtschaftlicher Abhängigkeit, beruflicher Erfolglosigkeit und Armut betroffen sind?

Starre Rollenbilder und platte Geschlechterklischees scheinen schon mal nicht der Hauptgrund zu sein. Allerdings spielen mit Geschlecht implizit verbundene Vorstellungen und Werten wohl eine Rolle. Eine Studie von Tomke König  hat sich mit Aushandlungsprozessen zu Arbeitsteilung in gleich- und gegengeschlechtlichen Familien beschäftigt: “Die Arbeitsteilung ist heute Gegenstand von Verhandlungen, in denen das Spektrum möglicher Geschlechterarrangements zunimmt. Doch die Veränderungen stossen auch an eine Grenze: Die Sphäre der Erwerbsarbeit wird nach wie vor höher bewertet als die Sphäre des Privaten und es hat daher für Frauen und Männer unterschiedliche Konsequenzen, wenn sie Erwerbs-, Haus- und Fürsorgearbeit übernehmen.” Ergänzt werden sollte zu Königs Ergebnis allerdings, dass es sich nicht nur um eine kulturelle, sondern auch eine ökonomische Bewertung handelt: für Haus- und Fürsorgearbeit gibt es schließlich schlicht kein Geld.

Auch an den Wünschen von Paaren und an männlichem Willen der Männer scheint es nicht zu liegen. Viele Väter wollen kürzere Arbeitszeiten. So war ein Ergebnis des vom Bundesministerium für Familie veröffentlichten Familienreports für 2011: “78 Prozent der Eltern wünschen sich Verbesserungen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Offenbar betrifft dieses Thema zunehmend auch die Väter, denn 73 Prozent beurteilen die Vereinbarkeit als schlecht.”

In eine ähnliche Richtung geht der Artikel ‘In der Arbeitsfalle‘ von Julia Schaaf, der in der FAZ erschien: “Die Mehrheit der Väter hätte gern mehr Zeit für die Familie – und arbeitet stattdessen noch mehr. Wer ist schuld an der Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit?” Wenn das erste Kind geboren werde und die Frau zunächst im Beruf aussetzte, “wenn Familien eher mehr Geld bräuchten als weniger, breche ein Einkommen weg, so dass die Rolle des Ernährers ‘wie automatisch’ auf die Männer übergehe.” Sie zitiert auch Christina Klenner, Ökonomin am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung, die meint, sehr lange Arbeitszeiten und die Wahrscheinlichkeit, am Arbeitsplatz aufzusteigen, hingen erwiesener Maßen zusammen. Dies sei Resultat “‘einer männlich geprägten Arbeitskultur, nach der ,mann‘ abends keine familiären Verpflichtungen hat.’ Und es gibt, wie Klenner es nennt, eine ‘betriebliche Vollzeitkultur’, die mit traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit verknüpft ist. Ein vollwertiger Mann arbeitet Vollzeit. Der Rest sind Weicheier.”

Hauptgründe sind also vor allem Geld und Arbeit – beziehungsweise die Vorstellungen, was gute Arbeit ausmacht. Zu diesem Ergebnis kommt auch der eingangs erwähnte Text von Alex Rühle. Er zitiert den Coach den Münchner Gründerzentrale Martin Ruppenthal. Dieser “sagt, die meisten Unternehmenslenker und Vorgesetzten seien ‘beeindruckend unflexibel. (…).’ Laut einer Untersuchung der Universität Duisburg-Essen lehnen die meisten Personalverantwortlichen Teilzeit rundweg ab. Die Befragten begründen die Ablehnung damit, Führungskräfte müssten uneingeschränkt verfügbar und für ihre Mitarbeiter ansprechbar sein. Das Dogma der Dauerpräsenz wirkt in Zeiten von Dropbox, iPhone und Outlook zwar ungefähr so anachronistisch wie Enver Hodschas Einmannbunker aus der Zeit des Kalten Krieges – das aber scheint die Personaler in diesem Lande nicht anzufechten, ja für einige der Befragten ist Teilzeitarbeit immer noch gleichbedeutend mit ‘laxer Arbeitsmoral’. Da verwundert es nicht, dass die Frage, ob man auch mit weniger Arbeit aufsteigen könne, quasi unisono als abwegig abgetan wurde. Bei der Begründung verweisen die Personalmanager gerne auf die eigene Vollzeitkarriere. Überflüssig zu sagen, dass die meisten von ihnen Männer sind.” (Der Text von Rühle heisst: ‘Die große Teilzeit-Lüge’ und war in der SZ am Wochenende.)

Nun könnte man sagen, die Chefs und Chefinnen müssen ihre Einstellung ändern, es müsste eine andere Arbeitskultur geben, wir müssen unsere Vorstellungen ändern und so weiter. Das alles stimmt. Vor allem aber sollte sich die Politik diesen Themas annehmen. Der Arbeitsmarkt ist schließlich keine unveränderbare Naturkonstante, Arbeitszeitmodelle können variiert werden, Löhne angeglichen werden. Unternehmen können dazu gebracht werden, mehr Teilzeitstellen einzurichten, Quoten zu etablieren, vielfältigere Modelle jenseits von Halbzeit und Vollzeit einzurichten – beispielsweise 70 oder 80 Prozent-Stellen. Und all das ist nicht unbedingt und nicht ausschließlich Sache der ‘Familienpolitik’, wie so oft geäußert wird. Es ist vor allem Sache der Arbeitspolitik.

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4 Kommentare leave one →
  1. Adele permalink
    Januar 30, 2012 3:56 nachmittags

    ” Modelle jenseits von Teilzeit und Vollzeit einzurichten – beispielsweise 70 oder 80 Prozent-Stellen.”

    Den Satz verstehe ich nicht… eine 70%-Stelle ist doch eine Teilzeitstelle, eben 0,7 Teile einer Vollzeitstelle. Teilzeit bedeutet doch nicht zwangsläufig 50%. In meinem Umfeld gibt es sehr viele verschiedene Teilzeitmodelle, teilweise sogar ganz krumme Zahlen wie 56,4%, weil daraus einigermaßen geraden Stunden/Tag-Arbeitszeiten resultieren. Und die meisten Teilzeit-ArbeitnehmerInnen, die ich kenne, arbeiten zwischen 60 und 80%.

  2. Januar 30, 2012 8:27 nachmittags

    Hallo Adele – danke für den Hinweis! Ich bin da wohl zu sehr von meinem Arbeitsumfeld ausgegangen, wo es fast durchgehend nur halbe oder volle Stellen gibt – und nichts dazwischen. Mir war tatsächlich nicht klar, dass die viele Teilzeitler_innen z.B. 80 % arbeiten – das finde ich gut und wäre dafür, das an mehr Arbeitsstellen durchzusetzen.

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  2. Fuckermothers/Cupcakes « fredi-blog der zweite

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