Skip to content

Mut zur Wut

August 30, 2011

Neueste Reflektionen zu mütterlicher Emotionalität von Unter den Haaren

Ich esse gerne Frischgebackenes! Das steht bei meinem Bäcker als Werbung. Auf dem dazugehörigen Bild ist eine Frau mit einem Neugeborenen auf dem Arm zu sehen. Sie guckt eigentlich ganz liebevoll, aber der Satz verrät, das sich das schnell ändern kann.

Ich seh Frauen, deren Kieferknochen vor überspielter Wut über ihre Kinder so verspannt sind, wenn sie sich von den immer verständlichen Ängsten der Kinder und deren angeblich netten Marotten erzählen, dass ihre Aussprache merkwürdig klingt. Mir hat letztens eine Mutter erzählt, sie würde ihre Kinder lieber länger in der Schule oder Kita lassen, weil sie (andere ja schon) nicht so nervenstark wäre und deswegen nachher unfair zu den Kindern wäre. Eigentlich plausibel. Irgendwie gesund, dachte ich zuerst. Aber ich bin (mal wieder) total wütend geworden, als ich mir klargemacht habe, was das heißt. Die Kinder wachsen ohne Ausnahme auf. Mit Hang zum positiven Superlativ, ohne das Gegenstück.

Zwar ist es erlaubt, seinem Kind heute ein großes Eis zu kaufen, mal einen tollen Ausflug zu machen, aber bestimmt nicht, es mal anzubrüllen und einfach mal faul auf der Couch rumzuhängen und nicht interessiert zu sein. Meint nicht lasst das Zuckerbrot und auf zur Peitsche. Kein neues Muster. Sondern Ausnahmen zuzulassen.

Aber wir wollen im Umfeld unserer Kinder keine wütenden Personen, keine Unzurechenbarkeit von Außen, nur Fairness und Ausgeglichenheit. Dafür bezahlen wir sogar. Und wir sind entsetzt, wenn die Erzieherin sich an dieses Gesetz nicht hält und tatsächlich die Kinder anbrüllt, sie sollen sitzen bleiben und still sein. Hilfe, Hiiilfe! Die braucht Urlaub, die gehört in Rente!

Meine Freundin, die auch Mutter ist, hat mal gesagt, dass sie die Angst der Eltern vor der Ausnahme nicht versteht. Das war damals so gemeint: Sie versteht nicht, warum Eltern ihre Kinder nicht MAL eher von der Kita/dem Hort abholen können, es MAL später ins Bett bringen können, ihm MAL eine Limo geben, aus Angst, das es das dann immer wolle. Weil sie Angst haben, Grenzen zu setzen. Schon wenn sie was positives machen. Es könnte ja eine Regel daraus entstehen, der man nicht gerecht werden wird. Noch schlimmer steht es aber um Grenzen, die eigentlich gar keinen positiven Effekt auf die Kinder haben sollen, die gar nicht erzieherisch gemeint sind. Eigene.

Und da kann man schon mal wütend werden. Vor allem darüber, dass Kinder Monster sind, die immer mehr wollen und der blöden anstrengenden Erziehung, die damit zusammenhängt. Weil man wütend auf die Forderungen des Kindes reagieren müsste. Es gibt nämlich kein Ende der Provokationen durch die Kinder, im Gegenteil.

Die Mütter machen in Krisen durch die Kinder zweierlei: Sie gehen zum Arzt um ihr Kind untersuchen zu lassen, es könnte ja sein, es hat ADHS oder es ist (hoffentlich) quasi taub und kann unsere Bitten und unser Flehen nicht hören. Ist das nicht der Fall, gehen sie zum Allgemeinmediziner und lassen ihren eigenen Eisenwert und ihre Schilddrüsenwerte bestimmen. Warum? Weil sie sich so komisch wütend und müde fühlen. Sie meinen, es müsse körperliche Ursachen haben und/oder alles müsse besser organisiert und optimiert werden.

Das kann man knicken: Die Kinder suchen Stress und Reibung. Die sind nicht alt und müde. Die schlafen länger als wir. Die haben Kraft uns fertig zu machen. Da müssten wir dagegenhalten. Aber Stress und Reibung scheint nicht im Plan des Kinderhabens integrierbar. Sind Mütter alle ein bisschen Dobby?

Stattdessen rätseln wir um das Geheimnis anderer unwütender Mütter, die dann Zielscheibe unserer Wut werden. Ich mein aber nicht, das man immer die anderen Mütter runtermacht, weil sie „ach so perfekt“ und „scheinbar glücklich“ sind und man „wahrscheinlich nur neidisch ist“. So eine pseudo-selbstreflektierte Scheiße können wir uns alle in den Arsch stecken. Die hilft nicht. Wir sollten keinen Anti-Wut-Limbo spielen.

Das Kind ist manchmal richtig zum kotzen. Echt. Das nervt manchmal so was von absichtlich. Und wenn man sagt, man kann nicht mehr, dann erst recht. Dagegen hilft kein Mantra und kein Tantra, dagegen hilft Wut. Schlimmstenfalls auch ein Bestrafen der Kinder. Und nicht seiner selbst. „Lass mich in Ruhe“ sagen, wäre ein Anfang. „Du störst gerade“. „Ich will jetzt nicht“. „Ich finde das uninteressant“. Ohne immer gleich eine angenehm gesäuselte Alternative zu bieten.

„Schau mal, die Mami will gerade telefonieren, willst du nicht solange weiter Lego bauen?“ …“Nein?“ …“Du, der Leonard hat im Moment eine ganz schwere Phase, der ist so unausgeglichen, der schreit mich die ganze Zeit an und schleudert Sachen durch sein Zimmer, wenn ich ihm seine Schokolade nicht gebe.“… „Warte mal, kann ich dich sonst später zurückrufen?“ … „Die Schilddrüse spinnt wieder. Ich krieg so schlecht Luft, ich muss mich mal massieren lassen.“

About these ads
4 Kommentare leave one →
  1. August 31, 2011 8:53 vormittags

    Yeah!
    Wut gehört dazu, Mir ist authentisch grummelig lieber als freundlich gespielt. Ich hoffe Baby sieht das auch so… und es ist ja nun nicht so, das Kinder (und Erwachsene) das nicht merken wenn jemand angepisst ist.
    Es hat ja nen Grund, warum die meisten Erwachsenen, die ich kenne, lieber heulen als zu schreien, dabei wäre laut werden meistens angebrachter. Emotionen sind gut, alle.

  2. tulip permalink
    September 1, 2011 6:33 nachmittags

    gut gebrüllt ;-D

  3. September 2, 2011 5:33 vormittags

    Oooooooh ja, ich kann deinen Artikel nur unterschreiben! Ich bin zwar keine Mutter, war aber zwei Jahre lang Au-pair (ein 4- und ein 8-jähriges Mädchen) und zudem aktiv in einer großen Au-pair-Community mit Kindern aller Alterklassen. Was ich da erlebt habe, ließ mich manchmal an meinem gesunden Menschenverstand zweifeln – es war, als würden die Kiddies den gesamten Raum beherrschen, weil sich niemand von den Au-pairs traute, mal deutlich „Nein!“ oder „Jetzt nicht!“ zu sagen, da es ja genau ihre Aufgabe war, x Stunden am Tag „nur für die Kinder“ da zu sein (und sicherlich auch, weil die Angst im Raum stand, die Gasteltern würden einen dafür rügen).

    Ich selbst hatte glücklicherweise sehr faire Gasteltern, die sogar Wert darauf legten, die Kinder nicht rund um die Uhr zu bemuttern, wofür ich sehr dankbar bin… in den Familien manch meiner Freund_innen hätte ich es vermutlich nicht ausgehalten. Mir „durfte“ es auch mal nicht gut gehen, ich konnte die Kinder in Ausnahmefällen auch mal ’ne halbe Stunde vor den Fernseher setzen und ich konnte auch laut werden, wenn es angemessen war. Als meine Kleine bei einem Wutanfall im Auto ein Plüschtier nach mir (der Fahrerin) warf, bin ich dann in die Eisen gegangen und habe sie erst mal ein paar Meter laufen lassen, um ihr zu zeigen (und danach auch zu erklären), dass sie zu weit gegangen ist; davor war sie so sehr im Wutrausch, dass ich mit Worten gar nicht zu ihr durchrang.

    Auch fiel bzw. fällt mir die Tendenz auf, dass ein „nein“ von Kindern nur zwei-, dreimal quengelnd hinterfragt werden muss, bis plötzlich doch nachgegeben wird… das kann es echt nicht sein, denn das führt noch zu viel größeren Problemen. Und doch verstehe ich es, wenn Eltern/Müttern/Au-pairs, die „immer alles richtig machen“ sollen, einfach die Kraft fehlt, dabei stark zu bleiben. :(

  4. September 2, 2011 10:08 vormittags

    einfach nur: ja – sowas von! und danke!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 293 Followern an

%d Bloggern gefällt das: