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Prenzelbergmütter und mother blame

Juni 27, 2011

In der SZ fragt sich Stephan Speicher in seinem Beitrag “Schlank, hübsch, verhasst” berechtigter Weise, warum eigentlich gerade die Prenzlauer-Berg-Mütter zum allseits beliebten Feindbild geworden sind (in diese Richtung geht ja auch das zugegebener Maßen auch hier in ambivalenter Haltung gepostete Homopatik-Video). Auch die Comiczeichnerin Ulli Lust zeigt sich im Artikel “erschreckt, wie derzeit auf diese Mütter eingeprügelt wird”.

Einerseits: ja, es ist auffällig, dass sich hier ein Feindbild gerade wieder an Frauen manifestiert und dass es wieder die Mütter sind, auf deren Rücken eine gesellschaftlich Debatte zu Lebens- und Gesellschaftsformen ausgetragen wird. Das alles passt schön zum Stichwort  ‘Mother Blame’, für das es leider keine deutsche Übersetzung gibt und das die gesellschaftliche Tendenz bezeichnet, Müttern so ziemlich an allem die Schuld zu geben: an den Problemen ihrer Kinder im Speziellen und an den Problemen der Gesellschaft, die sich dann ja auch aus eben diesen Kindern zusammensetzt, im Allgemeinen. (Weiterlesen zu Mother Blame lässt sich etwa im Sammelband ‘Bad Mothers‘).

Andererseits bleibt das “Problem mit der Emanzipation”, das Speicher im Text feststellt, seltsam vage und unterkomplex. Irgendwie tauchen leider auch in seiner Bewertung Väter und andere Bezugspersonen so gar nicht richtig auf. Kindererziehung, ob nun überambitioniert oder nicht, scheint auch bei ihm vor allem in Händen der Mütter zu liegen. Zudem ist mir unklar, ob der gängige Hauptvorwurf gegen diese Mütter tatsächlich in ihrer von Speicher konstatierten ‘Unnatürlichkeit’ liegt. Vielleicht kreuzen sich in dieser Figur eher verschiedene Vorwürfe und Problemlinien: z.B., dass sie Latte Macchiato trinkt, mit dem Kinderwagen durchs Viertel zieht und scheinbar doch auch Spaß hat (echte Mütter trinken nur entkoffeinierten Kaffee und bleiben zu Hause) oder z.B. dass ihr Lifestyle oft für Gentrifizierung und steigende Mieten steht. Und sind gerade die Prenzlbergmütter mit Emanzipation gleich zu setzen, wie das der Artikel immer wieder tut?

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5 Kommentare leave one →
  1. unsichtbar permalink
    Juni 28, 2011 8:07 vormittags

    Ich glaube, die Abneigung hängt, wie du schon sagst, stark mit ihrer Sichtbarkeit zusammen. Mütter die Kind, Heim und Herd betreuen, bleiben unsichtbar, weil sie die Kinder vor die Tür zum Spielen schicken und selbst daheim putzen. Mütter die Arbeiten gehen, thematisieren das Muttersein nicht, weil sie nur dann als professionell gelten, wenn ihre Kinder im Berufsalltag nicht auftauchen.
    Und wenn sich die Prenzelberg_Mütter schon nicht von ihrer heteronormativen Zweierbeziehung, in der die Frau die Erziehungs- und der Mann die Lohnarbeit verrichtet, emanzipiert haben, dann doch wenigstens vom Bild der Märtyrer-Mum, die sich selbst irgendwie aufgibt und ihre Bedürfnisse Job und Kind unter ordnet, der Sache wegen.
    Da beanspruchen doch tatsächlich Mütter den öffentlichen Raum für sich, die sich bewusst für ihr Muttersein entschieden haben und die gehen damit auch noch hausieren, das ihnen das Spaß macht. Frechheit!

    Ob ich das (in meinem Verständnis) emanzipiert finde, muss ich mir jetzt trotzdem nochmal überlegen.

    • Juni 29, 2011 8:55 vormittags

      Hallo, Danke für deinen schlauen Kommentar – ‘Märtyrer-Mom’ ist auch ein schöner Ausdruck. Tja, und was emanzipiert ist und was nicht is nun mal nicht immer leicht zu entscheiden, da bin ich auch noch unentschlossen, da frage ist halt meistens ‘von was’ sich jemand emanzipiert … irgendwie hatte ich gehofft, das ich durch meinen polemisch-provokanten ‘fuckermothers’-namen auch eine polemisch-provokante position bekommen könnte bzw. zumindest eine klarere Meinung. Leider lande ich dann doch meist wieder bei Ambivalenzen und Fragen und der Einsicht, dass alles sehr komplex ist…

    • Oktober 10, 2011 7:48 vormittags

      @unsichtbar: Danke, 1a ausgedrückt alles.

  2. Biggi Graf permalink
    Oktober 19, 2011 11:11 vormittags

    “Prenzlauer-Berg-Mütter” gibt es überall, in Hamburg ist das z.B. Ottensen. Dabei geht es nicht um Mütter an sich, schon gar nicht um Mütter, die “sichtbar” sind (was für ein Argument!) sondern einzig und allein um die Respektlosigkeit und Rücksichtslosigkeit dieser ganz speziellen Art von Müttern allen Mitmenschen gegenüber, die entweder nicht Mütter oder in ihren Augen nicht “richtig” Mutter sind. Nicht mehr und nicht weniger. Respektlosigkeit hat nichts, aber auch gar nichts mit Emanzipation zu tun.

Trackbacks

  1. tourette taz « fuckermothers

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