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Nicht ohne (m)eine Mutter – Wissenschaftlerinnen*Werkstatt

Oktober 1, 2014

Am Wochenende war ich auf einer Wissenschaftlerinnen*Werkstatt eingeladen, die nicht nur toll war, weil sie ein spannendes Thema in dem Mittelpunkt stellte, nämlich “(Queer-) Feministische Perspektiven auf vertikale Beziehungen im Kontext von Mutterschaft und Mütterlichkeit”. Sondern es gab auch kostenlose Kinderbetreuung für alle Teilnehmer*innen, was eigentlich der Standard für jede Konferenz und jedes Workshop sein sollte. Die Werkstatt findet jährlich im Rahmen der Promotionsföderung der Hans-Böckler-Stiftung statt. Organisiert wurde die Tagung zu Mutterschaft von Ann-Madeleine Tietge, Claudia Jerzak, Hannah Holme und Maya Dolderer. Mit Erlaubnis der Organisatorinnen hier der Ankündigungstext, den ich lesens- und verbreitenswert fand.

Auch wenn der Begriff der „Mutter“ normativistisch oder traditionalistisch anmutet, bleibt die Beschäftigung mit dem „Kinderkriegen“, der eigenen Bereitschaft zur Fürsorge oder der Beziehung zur Doktormutter doch in den meisten Lebensläufen von Doktorandinnen* nicht aus.

Nicht zuletzt weil die Begriffe Mutter, Mutterschaft und Mütterlichkeit immer wieder Einsatzpunkte für feministische Interventionen waren und bleiben sollen, haben wir sie als Thema für die kommende Wi*We ausgewählt. Bei der empirischen Untersuchung von beruflichen Werdegängen von Wissenschaftlerinnen* zeigt sich, dass die Differenz zu männlichen Karrierewegen häufig an der Stelle auftritt, wenn Kinder kommen oder erwartet werden. Daran anschließend stellt sich nicht nur die Frage, welche Formen von Familienplanung und Sorgeverhältnissen wissenschaftliche Institutionen implizit voraussetzen, sondern auch, weshalb Sorgearbeit offenbar vor allem für Frauen* ein Grund ist, die Karriere zurückzustellen.

Diese Fragen sind auch für andere Arbeitsverhältnisse relevant: Generell lässt sich empirisch zeigen, dass Sorgearbeit immer noch vor allem für Frauen* zu Problemen wie geringeren Aufstiegsmöglichkeiten, prekären Teilzeitbeschäftigungen und Altersarmut führt. Hier setzen gleichstellungspolitische Einsätze an. Mutterschaft stellt zudem eine zentrale Ressource für Kapital und Konsum dar, nicht nur, weil sie neue Arbeiterinnen* herstellt. Indem Mutterschaft und Mütterlichkeit essentialisiert und mystifiziert wird, dient sie auch zur Rechtfertigung der Abwertung und Nichtbezahlung von Haus-, Sorge- und Pflegearbeit.

Mütterlichkeit kann nicht nur als Bestandteil eines Komplexes von weiblich konnotierten Eigenschaften, Fähigkeiten und Tätigkeiten (nicht nur in Bezug auf Kinder) untersucht werden, sondern auch als eine diskursive Norm. Verschiedene feministische Ansätze fragen danach, wie diese Normen entstehen, wie sie funktionieren und wie sie zu verändern sind. Praktisch schließen dort zum Beispiel Fragen nach kinderlosen Lebensverläufen, nicht-biologischen oder heteronormativitätskritischen Perspektiven auf Elternschaft an.

Zeugung, Schwangerschaft, Gebären und Elternschaft sind Anlässe für spezifische Zugriffe auf Körper, die zur Produktionsstätte neuen Lebens werden können. Als solche erfahren sie nicht nur historisch unterschiedliche Formen der Kontrolle, sondern dienen auch als Kampfplatz (queer-)feministischer Forderungen und Bewegungen. Dabei sind verändernde Technologien wie beispielsweise die Anti-Baby-Pille oder der Ultraschall mit veränderten Sichtweisen auf den geschlechtlichen Körper, aber auch mit neuen Formen der Körpererfahrung und der Subjektkonstitution verbunden.

Nicht zuletzt kann Mutterschaft als Metapher für vertikale Beziehungen zwischen Frauen* verstanden werden, was beispielsweise im Begriff der Doktormutter seinen Ausdruck findet. Diese Beziehungen zwischen Frauen*, die nicht auf Gleichheit, sondern Differenz beruhen, scheinen trotz ihrer Relevanz einen blinden Fleck im Symbolischen, in aktuellen feministischen Auseinandersetzungen und gesamtgesellschaftlichen Debatten darzustellen, den die diesjährige Wissenschaftlerinnen*-Werkstatt sichtbar machen möchte.

Für Interessierte hier noch das inhaltliche Tagungsprogramm – vielleicht nützlich für Menschen, die Referent_innen zum Thema Feminismus und Mutterschaft suchen.  Weiterlesen…

“I was intersex. I wasn’t sure whether I could have a baby.”

September 24, 2014

Die Intersex-Aktivistin Thea Hillman hat auf dem ‘Mutha Magazine’ über ihren langsamen Entscheidungsprozess für ein eigenes Kind geschrieben, die sie als ‘Anti-Sehnsucht’, als ‘anti-desire‘ beschreibt. Der gesamte englischsprachige Text ist überaus lesenswert. Hier ein Ausschnitt:

Becoming a mother wasn’t a decision as much as realizing a part of myself that for so many reasons seemed like it wasn’t supposed to be. In my darkest moments, it still seems like an impossibly huge task, being responsible for keeping someone else alive. Having the confidence or the arrogance or the ignorance to think I know enough to support someone else’s growth and self-realization. But I took that advice to take just one step. I trusted my anti-desire. And slowly, really, it was slowly, months after my kid was born, I fell in love. I found my desire, a desire born of long nights together with the stomach flu, of poopy baths, of more exhaustion and intimacy than I ever thought possible.

I bring this here, because I wonder what you do with information that’s different than what you always thought about yourself, when you make a decision that will change the rest of your life and it comes from a completely different place. That decision, and making it differently, was the beginning of a transition, chemical and otherwise, in which I began to not recognize myself. I didn’t recognize way I make decisions or where I live or how small I’d become or how I’d aged or the shape of body. I use the word transition with full respect for the myriad ways trans women transition and with no illusion of comparison of my experience to a transwoman’s. I use the word transition only to reference that anyone who becomes a parent through any means goes through a transition of simultaneously becoming and disappearing. Which is complicated by being queer. Or trans. Or intersex. I wonder what your decisions have been or whether you even feel such things have actually been decisions.

Nancy Fraser und universelle Sorge-Arbeit

September 20, 2014

Der Schlüssel zur Verwirklichung der vollen Gleichheit der Geschlechter in einem postindustriellen Wohlfahrtsstaat liegt (…) darin, die gegenwärtigen Lebensmuster von Frauen zum Standard und zur Norm für alle zu machen (…). Wir könnten eine solche Vision das Modell der „universellen Betreuungsarbeit“ nennen. Wie würde so ein Wohlfahrtsstaat aussehen? (…) Alle Arbeitsplätze würden für Arbeitnehmer zur Verfügung stehen, die auch Betreuungsaufgaben haben. Alle wären mit einer kürzeren Wochenarbeitszeit verbunden (…). Die informelle Betreuungsarbeit würde einesteils staatlich unterstützt und wie die Erwerbsarbeit in ein einheitliches Sozialsystem integriert werden. Anderenteils würde sie in den Haushalten von Verwandten und Freunden geleistet werden. (Nancy Fraser 2001, 101)

Das Zitat stammt aus dem Einleitung zum Band ‘Feminismus revisited’ der Freiburger Geschlechterstudien, die als pdf heruntergeladen werden kann (S. 23). Wie der Text weiter ausführt, verlangt die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin und Feministin Nancy Fraser das Aufgeben der „Liebschaft mit dem Neoliberalismus und eine gewissenhafte Allianz mit den Kräften der sozialen Absicherung“ (ebd.). Feministinnen sollten wieder in großen Maßstäben denken und erneut ihre Kritik am Androzentrismus aufnehmen, um „für eine Lebensform zu kämpfen, die den Status bezahlter Arbeit mindert, unbezahlte Leistungen … hingegen schützt und stützt“ (ebd.).

Hanafi El Siofi, M., Moos, J., & Muth, L. (2010). Feminismus revisited: Einleitung. Freiburger Geschlechter Studien, 16(24), 13-46.

Fraser, N. (2009). Feminismus, Kapitalismus und die List der Geschichte: Emanzipation oder Backlash. Blätter für deutsche und internationale Politik, 8(43-57).

Fraser, N. (2010). „Die Krise des Kapitalismus: Markt, soziale Absicherung, Emanzipation.“ Übersetzt aus dem Amerikanischen von Moritz Ganzen, Vortrag vom 11.04.2010. unveröffentlichtes Vortragsmanuskript. Theater Freiburg i. Br.

Lifestyle-Blogs und Geschlechterrollen

September 17, 2014

Über den Text von Nina Scholz ‘Immer das gleiche Strickmuster‘ im ‘Freitag’ musste ich noch einige Zeit nachdenken. Sie schreibt dort über (häufig von Müttern geschriebene) Lifestyle-Blogs. Es sei vorausgeschickt: Ich bin zwar kein grosser Fan von Lifestyle-Blogs, habe aber durchaus einige abonniert und schaue mir gerne schöne Bilder von schöner Kleidung und geschmackvoller Wohnungseinrichtung an.

Was Blogs wie Lovetaza so problematisch macht: Junge Frauen, die auf den ersten Blick modern wirken, führen alte Rollenbilder auf, sie zementieren sie sogar. Viele Lifestylebloggerinnen wie Davis sind berufstätig und berichten von ihrer individuellen Kombination aus Kindern und Lohnarbeit. Aber die Inhalte und Fotos, die sie drumherum präsentieren, sind nichts anderes als eine verjüngte Form der Homemaking-Bewegung, die in den USA seit Jahrzehnten mit Publikationen wie Good Housekeeping oder den Zeitschriften von Martha Stewart begleitet wird. Tipps zum Putzen, Kochen, Erziehen sind dabei Standard. Seltener bis nie kommen Themen wie Depression, Frustration oder Wut vor. Negatives hat im Bild einer demonstrativ glücklichen Mutter keinen Platz. (…)

Der Mythos der alleskönnenden Superfrau bekommt damit eine neue Dimension und führt zu ernstem Stress, nicht nur für die Betrachterinnen solcher Blogs und Bilder, sondern auch für die Produzentinnen. In den USA haben verschiedene bekannte Bloggerinnen längst zugegeben, dass sie jahrelang ihre Fotos bearbeitet, ihre Beine schlanker und ihren Bauch flacher gemacht haben. Dennoch wird der Kreislauf der Neidproduktion überraschend wenig kritisiert und offengelegt. In der Welt der strahlenden Selfies ist kein Platz für ernsthafte Auseinandersetzungen. (…)

Wie politisch kann das Private sein, wenn man, bevor man zur Tat schreitet, erst aufräumen und dekorative Blumensträuße verteilen muss? Wenn die Wohnung, die mit Kindern und Partner bewohnt und als Arbeitsplatz genutzt wird, nichts von den Strapazen des Alltags erzählen darf, sondern nur die Fortsetzung des alten bürgerlichen Salons mit den Mitteln von Instagram ist?

Ich finde Scholz hat in vielen wichtigen Punkten Recht. Solche Blogs zementieren bestimmte Normvorstellungen eines gelungenen Lebens und erhöhen ganz sicher den Druck auf viele Menschen (zumindest oft auch mich) – sei es der Druck zur guten Laune, zur beiläufig aufgeräumten Wohnung mit stilvollem Interior oder der Druck, sein Kind nur mit ausgesuchter Kleidung (und.keine.Frage: gekämmt: schon das fällt mir manchmal schwer) auf die Strasse zu lassen. Ganz sicher sind solche Blogs Ausdruck eines gewachsenen Leistungsdrucks, eines gesellschaftlichen Zwangs zur Selbstvermarktung sowie eines überhöhten Mutterideals, das eine in allem Lebensbereichen erfolgreiche ‘Top Mom’ propagiert.

Allerdings habe ich Lifestyle-Blogs nie als feministisch wahrgenommen und frage mich, ob der Vorwurf, zu wenig politisch und kritisch zu sein, nicht an ausgesprochen viele Menschen gerichtet werden könnte. Der Anspruch der meisten Lifestyle-Blogs ist es nun mal, mit hübschen Bildern über Einrichtungsgegenstände zu unterhalten. Warum müssen ausgerechnet die Lifestyle-Bloger_innen diejenigen sein, die die Strapazen ihres Alltags für alle sichtbar und lesbar ins Internet stellen? Und dann neben ihren Kochrezepten ernsthafte Auseinandersetzungen über Arbeitspolitik und Geschlechterrollen führen? Kurz: Ich habe mich gefragt, ob Scholz nicht doch andere Maßstäbe an vermeintliche ‘Frauen-Blogs’ als an ‘Männer-Blogs’ anlegt. Der Vorwurf der Oberflächlichkeit und Geistlosigkeit, der weiblich kodierten Themen wie Mode oft gemacht wird, ist schließlich uralt – ebenso wie der idealisierende Anspruch an Frauen, sie müssten gleich die Welt retten, wenn sie schon einmal die Stimme erheben.

Vielleicht bin ich aber auch etwas zu streng oder habe Scholz auch teilweise falsch verstanden. Wichtig und lesenswert ist ihr Text jedenfalls allemal. Und ganz sicher bedeutet meine Kritik an ihrer Kritik nicht, dass man nun alle Lifestyle-Blogs bedenkenlos abfeiern und gut finden sollte. Es ist ganz sicher eine gute Idee, mehr über Lifestyle-Blogs nachzudenken – auch aus feministischer Sicht.

Sauer macht lustig, Salon4 und Pro-Coice-Demo: Veranstaltungen in Berlin

September 13, 2014

Das machtkritische Festival ‘Sauer macht lustig‘ findet vom 9.-11. Oktober im Theater Distel in Berlin statt. Das Festival beschäftigt sich damit, warum etwas lustig ist – und was das mit Sexismus und Rassismus zu tun hat. Dabei widmet es sich laut Ankündigung “den verschiedenen Machtdimensionen von Lachen und Humor – was macht ein solidarisches, subversives, komplizenhaftes, verletzendes oder ausgrenzendes Lachen aus?” Neben Comedy gehören auch Podiumsdiskussionen zum Programm, etwa zu ‘Lachen über Rassismus vs. rassistischen Lachen‘.

Der queerfeministische ‘Salon4′, der regelmäßig in der Bar Marianne stattfindet, hat bereits einige Berühmtheit erlangt. Am 23. September geht es im Gespräch mit Hengameh Yaghoobifarah und Frederik Müller darum, dass pink nicht stinkt und was für queere Weiblichkeit(en) so möglich sind.

Schon am Samstag den 20. September findet die Demo für reproduktive Rechte statt. Sie ist eine Gegendemo zum “Marsch für das Leben”, mit dem christliche Fundamentalist_innen und andere Abtreibungsgegner_innen für ein generelles Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen am 20. September 2014 in Berlin demonstrieren wollen. Treffpunkt der Gegendemo ist 11:30 U-Bahnhof Kochstrasse.

Birgit Kelle, Links und Liebe

September 8, 2014

Die katholische Publizistin Birgit Kelle vertritt streckenweise ein sehr problematisches Weltbild. Sie spricht sich beispielsweise dafür aus, reproduktive Rechte von Frauen einzuschränken, indem sie gegen den breiten Zugang zu Abtreibungen eintritt. Vor allem aber ist sie eine explizite Gegnerin der Gleichberechtigung von in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften lebenden Menschen. Zwei empfehlenswerte Links zu ihren publizistischen und öffentlichen Tätigkeiten:  “Auf Zehenspitzen” hat bereits einige wichtige Dinge zu Frau Kelle aufgeschrieben, unter dem sprechenden Titel “Ich will mich nicht mit Birgit Kelle beschäftigen, aber ich muss“. Auch die “taz” hat einige Informationen zu Kelle recherchiert, etwa über ihren dubios wirkenden Dachverband (nirgendwo namentlich aufgeführter) europäischer Frauengruppen oder ihre Nähe zur erzkonservativen Bruderschaft der Legionäre Christi.

Besorgt sollten auch Kelles eigene Aussagen stimmen, die sie unter anderem auf ‘VERS1-Zeitung für Christen’ veröffentlicht (die Seite ist mittlerweile aus dem Internet verschwunden, kann aber mit der Wayback-Machine gelesen werden – ihre Aussahen haben sich seitdem allerdings sowieso kaum gewandelt.) Dort schrieb sie 2006 etwa: “Familie, liebe Freunde von der Grünen Partei, ist nicht „da, wo Kinder sind“, wie es Claudia Roth einmal formuliert hat. Familie ist da, wo Mann und Frau und Kinder sind, vielleicht sogar noch die ältere Generation mit dabei.  Der Versuch einer Gleichstellung der traditionellen Ehe, als der Kernzelle unserer Gesellschaft, mit gleichgeschlechtlichen Partner-schaften ist inakzeptabel.” Sie verglich in dem Textbuch die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche mit Verkehrstoten und setzte damit Embryonen, die außerhalb des schwangeren Körpers nicht existieren können, mit geborenen, erwachsenen, erfahrungs- und kognitionsfähigen Menschen gleich. Oder sie schlug vor:

Ich bin dagegen, neue christliche Parteien zu gründen. Aber ich bin dafür, ein großes Bündnis zu schließen, in dem Christen und Lebensrechtler, Familienverbände, Konservative, Menschenrechtler und Kinderschützer gemeinsam zu einer gesellschaftlichen Kraft werden. In den USA entscheiden Christen inzwischen Präsidentschaftswahlen – weil sie an einem Strang ziehen. Wir brauchen eine Große Koalition der Liebe und des Glaubens.

Die christliche Liebe, um die es hier geht, scheint sich keinesfalls auf alle Menschen zu erstrecken. Mit Menschenrechten, Kinderschutz und der Unterstützung von Familien hat sie jedenfalls wenig zu tun. Es ist eine totalitäre Form der Liebe, die manchen Kindern beispielsweise das Recht auf ihre Familie anspricht. Oder Frauen, das Recht, selbst über ihren Körper zu bestimmen. Oder queeren Menschen das volle Recht auf ihre Liebe. Die Liebe solch einer “Koalition der Liebe und des Glaubens” ist also eher eine Liebe zum fürchten. Besorgt sollte auch stimmen, dass Birgit Kelle weiterhin in deutsche TV-Talkshows eingeladen wird, so dass Aussagen, die auf mich stark wie christlicher Fundamentalismus wirken, weiterhin ein breites öffentliches Forum erhalten.

Schlechte Kitas, schlechte Bezahlung

September 3, 2014

Es ist ziemlich einleuchtend, dass es anstrengend ist, sich um mehrere Kleinkinder gleichzeitig zu kümmern. Noch schwerer ist es, wenn man nicht nur für das Wickeln, das Füttern und den Mittagsschlaf sorgen soll, sondern auch für kindgerechte Förderung und ausreichende emotionale Nähe. Schon lange habe ich mich gefragt, wie es die Erzieherin in unserer Kita schafft, sich allein um sieben Kinder unter drei Jahren zu kümmern (plus einer manchmal anwesenden aber oft kranken 16-jährigen Praktikantin). Ich befürchte, dass in solch einer Situation auch die bestausgebildetste und motivierteste Erzieherin überfordert ist.

Leider kommt auch eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zu diesem Ergebnis. Sie “empfiehlt, dass bei den unter Dreijährigen eine Erzieherin für höchstens drei Kinder verantwortlich ist.” Zudem schlägt sie ein bundesweites Kita-Gesetz vor, um die in den Bundesländern sehr unterschiedliche Betreuungssituation gerechter zu machen: “Von angemessenen Betreuungsverhältnissen in ihren Kitas sind die Bundesländer nach wie vor unterschiedlich weit entfernt. Auffällig ist vor allem das Ost-West-Gefälle: Während in den ostdeutschen Krippen sich eine Erzieherin um durchschnittlich 6,3 Kinder kümmern muss, kommen im Westen 3,8 Kinder auf eine Erzieherin.”

In einem Gastbeitrag in der Zeit kritisiert die Berliner Kita-Leiterin Ute Günzel die mangelhafte Förderung von Kindergärten und kritisiert auch die schlechte Bezahlung von Erzieher_innen:

Die Aufgaben sind so vielschichtig, wie ausreichende Anerkennung, Entlohnung und gute bezahlbare Weiterbildungen rar sind. Ich kenne kaum eine Kollegin, einen Kollegen, der nicht außerhalb der Arbeitszeit noch vielfältige Aufgaben für “ihre” oder “seine” Kinder erledigt.

Ach ja, die Bezahlung: Erzieherinnen mit zehn Jahren Berufserfahrungen verdienen mit einer Vollzeitstelle (38-Stunden-Woche) und mittlerer Betriebsgröße in Westdeutschland durchschnittlich 2.394 Euro brutto. Unter gleichen Bedingungen bekommen Sozialarbeiterinnen 399 Euro und Lehrerinnen sogar 1.345 Euro mehr Gehalt, berichtet die Fachseite Die Erzieherin.

Der Grund für die schlechte Bezahlung ist wohl nicht nur die Vorstellung, dass sich jede(r) um Kleinkinder kümmern könnte und es sich somit nicht um “qualifizierte Arbeit” handelt. Sondern der Grund ist auch, dass “Erzieherin”  als traditioneller Frauenberuf gilt und Frauen – so das Klischee – gelten eben nicht als die Haupternäherinnen ihrer Familie, allenfalls verdienen sie ein bisschen “dazu”. Deswegen ist die Forderung nach höheren Löhnen für Erzieher_innen auch ein feministisches Anliegen.

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