Eine Alternative zur Alternative
… wäre gut. Zumindest was viele Ansätze der alternativen Geburtshilfe betrifft. In DieStandard hat Ina Freudenschuss einen sehr guten Artikel dazu geschrieben, in dem sie einige Ansätze für ihre Romantisierung von Natur kritisiert. Diese enthalten oft sexistische Stereotype von Frauen als näher an der Natur, ebenso wie postkoloniale und rassistische Vorstellungen von sogenannten ‘Naturvölkern’. Freudenschuss bezieht sich dabei vor allem auf die Ideen einer neuen Methode, dem ‘HypnoBirthing’, die in den 90er Jahren in den USA entwickelt wurde. Die Methode behauptet von sich, voll revolutionär zu sein und Frauen endlich die schmerzarme Geburt jenseits der Schulmedizin nahezubringen.
Mich wundert manchmal, dass solche Methoden tatsächlich noch die Behauptung wagen, dass sie etwas ganz Neues erfunden haben. Denn diese ‘alternativen’ Ansätze gibt es bereits fast so lange, wie die medizinische Geburtshilfe existiert. Beispielsweise veröffentlichte der Mediziner Johann Lukas Boër schon um 1834 seine ‘Sieben Bücher über natürliche Geburtshilfe’, in denen er eine naturnahe Geburt propagierte – zu der Zeit allerdings eine wirklich notwendige Intervention, da damals der Einsatz von Instrumenten (vor allem Zangen) äußerst fahrlässig gehandhabt wurde. Ein wirklicher Meilenstein dieser Methoden war aber vor allem der Arzt Grantly Dick-Read, der in den 1950ern Bücher wie ‘Mutterwerden ohne Schmerz’ veröffentlichte und damit sehr erfolgreich wurde. Genau wie das ‘HypnoBirthing’ propagierte er eine schmerzfreie Geburt und glorifizierte die Natur - und zwar inklusive aller sexistischen und (post-)kolonialistischen Klischees von natürlichen Frauen und ‘Naturvölkern’. Nach und vor Read kamen noch so einige andere Autor_innen, die fast dasselbe behaupteten. ‘Revolutionäre’ Ansätze in der alternativen Geburtshilfe sollten also mit einiger Vorsicht betrachtet werden, vor allem wenn sie Schmerzfreiheit versprechen.
Ein guter Artikel, der die Vorstellung der segensreichen, guten und gesunden Natur kritisiert – insbesondere in einigen ökofeministische Ansätzen – ist übrigens dieser hier: Zuk, Marlene (2002). Can nature be declawed. Natural History, 111(8), 38-41. Aber Achtung, er beschreibt ausführlich auch einige Splatter-Momente, die in der Natur – welch Überraschung – ebenfalls nicht unüblich sind.
Ich frage mich manchmal, wie wohl die Alternativen zur Alternative aussehen könnten. Könnte es etwa eine Harwaysche Cyborg-Geburts-Methode geben?
Stillfotos vs. Facebook
Es gibt viele Fotos von stillenden Frauen. Dieses schöne Bild zeigt zum Beispiel die stillende Roller-Derby Spielerin ‘Yo Mama’ und kommt dabei sogar ganz ohne Pastelltöne aus. (Mehr von solchen Fotos gibt es auf der Seite von Kate Hansen.)
Leider findet Facebook nach wie vor, dass Fotos von stillenden Frauen auf in dem Portal nichts zu suchen haben. Die Begründung ist, dass sie gegen dessen ‘terms of use’ verstossen, insbesondere gegen den Absatz: “You will not post content that: is hateful, threatening, or pornographic; incites violence; or contains nudity or graphic or gratuitous violence.”
Die Auslegung, was genau ‘pornographisch’ oder ‘nackt’ bedeutet, wird dabei zu Ungunsten von Frauen getroffen. Während beispielsweise männliche Brüste problemlos gezeigt werden dürfen, werden Bilder von weiblichen Brüsten gelöscht. Dies betraf viele Frauen, die Fotos von sich beim Stillen gepostet hatten: Ihre Bilder wurden wegen vermeintlicher ‘Obszönität’ entfernt und die Accounts von mindestens 345 Nutzerinnen geschlossen. Facebook-Gruppen wie ‘FB! Stop harassing Emma Kwasnica over her breastfeeding pics‘ haben Proteste dagegen organisiert. Am 6. Februar kam es zu verschiedenen öffentlichen Still-Ins vor Facebook-Zentralen, unter anderem in Sydney, Paris oder Dublin.
(By the way: Facebook zensiert übrigens auch bestimmte Arten von Cupcakes, wie diese Website beklagt.)
ich nehm den hund
Ein weiterer Beitrag von ‘Unter den Haaren‘.
Ich habe meinem Mann heute gesagt, dass ich ihn nicht mehr liebe. Da ist einfach nichts mehr. Kein Gefühl übrig. Ich sage, das tut uns jetzt schrecklich weh, aber ich will ehrlich sein. Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt jemals so überzeugt von uns war wie du. Du, wir wollen uns deswegen aber nicht streiten.
Er will ne Paartherapie machen, aber ich seh darin keinen Sinn. Sicher hab ich dich gern, hab ich gesagt. Ich hab dich sehr gern. Das war es ja, deswegen hab ich auch gar nicht gemerkt, wie du mich da rein… und dann ging irgendwie alles ganz schnell, dann war ja auch schon das erste Kind da. Was hätte es denn gebracht, wenn ich es gesagt hätte? Ich finde, es wäre dumm, jetzt schmutzige Wäsche zu waschen.
Wenn er was gegen die Trennung wegen der Kinder hat… . Die Kinder kann er haben, das habe ich ihm gleich gesagt. Keine Angst, habe ich gesagt, die Kinder bleiben dir selbstverständlich. Ist ja Ehrensache, dass ich dich da nicht hängen lasse.
Wir fahren natürlich in den gemeinsam geplanten Urlaub, sage ich. Und ich bleib auch hier wohnen, bis ich eine Wohnung habe. Es klappt ja ansonsten gut zwischen uns. Wir waren ja immer ein gutes Team. Natürlich fände ich Abstand schöner. Wenn du und die Kinder allein in den Urlaub fahren würdet, dann hätte ich mal Zeit um eventuell rauszufinden, dass ich dich doch liebe.
Wenn dir das alles zu viel ist und du erst mal bei einem Freund schlafen willst, dann ist das für mich ok. Ich würde natürlich auch bei einer Freundin schlafen, aber das ist zur Zeit halt schwierig. Du kannst ja immernoch, bevor du zur Arbeit gehst, vorbeikommen, damit die Kinder nicht zu unsicher sind und ihnen Brote schmieren und sie auch zur Schule bringen. Den Tisch deck ich auch ab.
Wenn er mal weg ist, dann habe ich mal Luft zum Durchatmen. Jetzt kann alles anders werden. Sonst war jeder Tag von vornherein durchgeplant. Ich hab mich so tot gefühlt. Jetzt fühl ich mich frei. Ich hab zu ihm gesagt, und das meine ich von Herzen, dass ich ihm das auch wünsche. Für ihn kann das ja auch nicht gut gewesen sein. Wir haben uns zum Schluss doch nur noch über die Kinder definiert. Du hast ja bestimmt auch von was anderem geträumt, sage ich. Ich kann mir vorstellen, es ist heftig im Moment und es kommt uns beiden jetzt nicht so vor, aber vielleicht steckt darin ja auch eine Chance für dich. Ich kann das jedenfalls nicht mehr.
Dir hilft das vielleicht auch, mal wieder mehr aus deinem Leben zu machen, dein eigener Kapitän zu sein. Wahrscheinlich hast du vor mir jemanden Neuen. Sicher bist du 47, aber du siehst immer noch bombe aus und die Kinder sind doch auch bald aus dem Haus. Vielleicht hilft es dir, dir klarzumachen, dass du dann ganz viel Zeit für dich hast. Und davon hast du doch immer geträumt.
Ich nehm den Hund. Ich stell mir das so vor, dass ich Mittwochs und jedes zweite Wochenende aufpasse, dann kannst du mal in Ruhe aufräumen, oder mal dein eigenes Geld verdienen. Halt das, wonach dir der Sinn steht.
Er wird schon drüber weg kommen. Es ist ja für mich auch nicht ganz leicht, gestern hab ich zum Beispiel geweint.
Bezahlung für Hausarbeit
… wäre eine gute Sache. Sie wurde vor allem in den 70er Jahren bereits von einigen Feministinnen gefordert, die Familien- und Reproduktionsarbeit als gleichwertig zu Erwerbsarbeit verstanden. Kritisiert wurde zudem die zwischen Trennung Privat und Öffentlich: Während beispielsweise die Reinigung von Strassen, Plätzen und öffentlichen Gebäuden von Steuergeldern bezahlt wird, soll das Putzen des Zuhauses umsonst und freiwillig, nämlich aus Liebe, erfolgen.
Die Autorin Porcshe Moran hat nun auf dieser Seite ausgerechnet, was eine Person verdienen müsste, die typischen häuslichen Tätigkeiten nachgeht. Als Vergleich hat sie dazu die Löhne von Köch_innen, Fahrer_innen, Reinigungskräften und Kinderbetreuer_innen herangezogen. Insgesamt kam sie dabei auf die Summe von 96.261 kanadischen Dollar im Jahr, was umgerechnet ungefähr 73.266 Euro Jahreseinkommen wären.
Irgendwie ist das mehr als die 150 Euro ‘Betreuungsgeld’ im Monat (1.800 Euro im Jahr), die ab 2013 in Deutschland eingeführt werden sollen. Aber die sind ja auch nicht als ‘Lohn’ gedacht: Haus- und Familienarbeit sind – dieser traditionalistischen Logik entsprechend – doch gar keine richtige Arbeit, sondern kommen aus dem Herzen.
Gender und Erziehung: Eltern für Dokumentarfilm gesucht
Folgender Aufruf für ein interessant klingendes Filmprojekt von Natalie Muntermann und Alexandra Schröder erreichte mich kürzlich per Mail.
“GESCHLECHT: GEHEIM?
Hallo,
wir sind zwei Filmemacherinnen aus Köln und Absolventinnen der Kunsthochschule für Medien. Für einen Kino-Dokumentarfilm suchen wir Eltern, die den gängigen Geschlechterklischees etwas entgegensetzen möchten und sich entschieden haben, ihr Kind unabhängig von männlich/weiblichem Schubladendenken zu erziehen und die sich im Alltag bewusst mit diesem Thema auseinandersetzen.
Das Private ist politisch, das Politische ist privat. Wenn es Euch da draussen gibt: Über jede Rückmeldung von interessierten Eltern würden wir uns sehr freuen.”
Menschen, die gerne teilnehmen würden, können eine Email an folgende Adresse schicken: 1.19@gmx.de
Risiko Schwangerschaft
In heutigen Schwangerschaften geht es sehr viel ums Risiko: um das Risiko, wenn die Frau Rohmilchkäse isst (Listeriose!), Kontakt zu Katzen hat (Toxoplasmose!), sich in verrauschten Räumen aufhält oder gar selber raucht (alles Böse auf der Welt!) und so weiter. Das Risiko, von dem hier fast ausschließlich gesprochen wird, ist das Risiko für das ungeborene Kind und dieses Risiko ist meist medizinisch-statistisch definiert. Oft wird es überspitzt dargestellt, so dass Frauen in ihrem Verhalten stark eingeschränkt und reglementiert werden. Die Ethnologin Elsbeth Kneuper nennt diesen Fokus aufs Kind ‘Pädozentrismus’ und fragt sich – aus guten Grund, wie ich denke – warum die Risikodebatte eigentlich nicht die Schwangere selbst stärker berücksichtigt. Denn die Schwangerschaft beinhaltet für eine Frau viele Risiken, die teilweise medizinisch, vor allem aber biographisch, sozial und ökonomisch sind.
Die vergleichsweise kurze Zeit der Schwangerschaft hat ganz massive Auswirkungen auf die gesamte spätere Lebenszeit einer Frau. Die Geburt eines Kindes erhöht das Risiko, dass sich zuvor egalitäre Partnerschaften traditionalisieren, sprich: In heterosexuellen Partnerschaften macht sie die Hausarbeit, er die Lohnarbeit. Nur 16 % der Frauen mit einem Kind unter 18 Jahren arbeiten Vollzeit (siehe dazu z.B. hier). Fast die Hälfte aller allein erziehenden Mütter in Deutschland bezieht Hartz IV. Es ist nicht unwahrscheinlich, Alleinerziehende zu werden: Die Scheidungsrate liegt in Deutschland bei etwa 40 % (siehe wikipedia) – und da sind natürlich noch nicht die Trennungen unverheirateter Paare mit Kind einbezogen. Auch die Rente von Müttern ist sehr viel kleiner als die von Vätern: Zum Beispiel bekamen 1994 Frauen im Westen noch nicht einmal die Hälfte der Pension von Männern, im Osten erhielten sie rund ein Drittel weniger (Kneuper, 2004).
All das sind ebenfalls Risiken einer Schwangerschaft, die aber in all den Informationsmaterialien und Geburtsvorbereitungskursen nicht thematisiert werden. Stattdessen geht es vor allem um die Gefahren von Rohmilchkäse, die Anzahl der diagnostischen Untersuchungen und den Zustand des Kindes. Dabei ist es extrem viel wahrscheinlicher, dass eine Mutter später von Armut bedroht ist, als dass sie sich während der Schwangerschaft mit Toxoplasmose oder Listeriose ansteckt.
Eine tolle Ausnahme ist dagegen der Geburtsvorbereitungskurs, von dem feministmum berichtete: “Geleitet von einer Frau und einem Mann, (fast) ohne Atemübungen und Hecheltechniken, dafür mit Fragen wie: ‘Wie sieht die Arbeitsteilung in der Beziehung nach der Geburt aus?’” Warum gibt es nicht mehr solche Angebote? Warum wird so selten in der Vorbereitung thematisiert, wie die spätere Rollenaufteilung aussehen soll, wer wann das Kind betreut, wie berufliche Pläne fortgesetzt werden können oder wie sich alle Elternteile finanziell absichern? Derartige Risikoprävention sollte in der Schwangerschaft mindestens ebenso sehr betrieben werden.

Danger, Danger! "Das Risiko einer Fehl- oder Totgeburt steigt an." Grusel ... (Bild via flickr von manitoon, Usman Ahmed)
Kneuper, E. (2004). Mutterwerden in Deutschland: eine ethnologische Studie. Münster: LIT Verlag.
Kinderbuch: Papas Freund
Bereits in den 90er Jahren ist ein Kinderbuch zu gleichgeschlechtlichen Eltern erschienen. Es trägt den Titel ‘Papas Freund’ und wurde von Michael Willhoite 1994 im Magnus-Verlag veröffentlicht. Noch mehr Ausschnitte des Buches (inklusive englischer Übersetzung) können hier angesehen werden. Auf diesem Link kann eine Liste mit Literaturangaben zum Thema Homosexualität für Kinder und Jugendliche als pdf herunter geladen werden.
Ein bisschen Foucault
… kann nie schaden. Denn seine Analysen sind auch noch für heutige Geschlechterordnungen und politische Verhältnisse relevant, besonders für die Sicht auf die Frau. In seinem Buch ‘Sexualität und Wahrheit I: Der Wille zum Wissen’ beschreibt er, wie sich Machtmechanismen in der Neuzeit veränderten. Statt dem souveränen Recht, über Leben und Tod zu entscheiden, richteten sie sich immer mehr auf Leben, Fortpflanzung und Vermehrung der Bevölkerung. Dieses neue Kräfteverhältnis wird auch als ‘Bio-Macht‘ bezeichnet. Dabei wirkt die Sexualität als zentraler Zugriffspunkt:
„Der Sex eröffnet den Zugang sowohl zum Leben des Körpers wie zum Leben der Gattung. Er dient als Matrix der Disziplinen und als Prinzip der Regulierungen. Darum wird die Sexualität im 19. Jahrhundert bis ins kleinste Detail der Existenzen hinein verfolgt. (…) Allgemein wird also der Sex am Kreuzungspunkt von ‚Körper’ und ‚Bevölkerung’ zur zentralen Zielscheibe für eine Macht, deren Organisation eher auf einer Verwaltung des Lebens als einer Drohung mit dem Tode beruht“ (1983, S. 141-142).
Diese ‚Verfolgung der Sexualität’, die bereits vereinzelt ab dem 17. Jahrhundert einsetzte, beinhaltete Diskurse, Praktiken, Institutionalisierungen, Klassifikationen und Normsysteme, die in ihrer Verknüpfung von Macht und Wissen das ‚Sexualitätsdispositiv’ bildeten. Dieses Dispositiv setzte sich aus vier Komplexen zusammen, der „Pädagogisierung des kindlichen Sexes“, der „Sozialisierung des Fortpflanzungsverhaltens“ und der „Psychiatrisierung der perversen Lust.“ Von Besonderer Bedeutung für die Rolle der Frau ist aber der Komplex der „Hysterisierung des weiblichen Körpers“. Dieser ist von drei Prozessen bestimmt:
„der Körper der Frau wurde als ein gänzlich von Sexualität durchdrungener Körper analysiert – qualifiziert und disqualifiziert; auf Grund einer ihm innewohnenden Pathologie wurde dieser Körper in das Feld medizinischer Praktiken integriert; und schließlich brachte man ihn in organische Verbindung mit dem Gesellschaftskörper (dessen Fruchtbarkeit er regeln und gewährleisten muß), mit dem Raum der Familie (den er als substantielles und funktionelles Element mittragen muß) und mit dem Leben der Kinder (das er hervorbringt und das er dank einer die ganze Erziehung währenden biologisch-moralischen Verantwortlichkeit schützen muß): die ‚Mutter’ bildet mitsamt ihrer Negativfolie der ‚nervösen Frau’ die sichtbarste Form dieser Hysterisierung.“ (1983, S. 103-104)
Übrigens hatte Foucault zuerst vor, zu jedem der vier Komplexe einen eigenen Band zu schreiben. Dann interessierte er sich aber plötzlich sehr für die Antike, weswegen der zweite Band von Sexualität und Wahrheit geworden ist, was er ist (und was ja auch nicht schlecht ist).
Foucault, M. (1983). Sexualität und Wahrheit: Der Wille zum Wissen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Arbeitspolitik ändern!
Woran liegt es, dass in Deutschland “Kreißsäle wie eine Zeitmaschine wirken”? “Man geht als modernes Paar rein und kommt in den fünfziger Jahren wieder raus”, wie es Alex Rühle in einem Artikel der SZ ausdrückte. Warum übernehmen Mütter mehr Hausarbeit aber weniger Lohnarbeit als Väter, so dass Frauen in sehr viel höherem Maße von wirtschaftlicher Abhängigkeit, beruflicher Erfolglosigkeit und Armut betroffen sind?
Starre Rollenbilder und platte Geschlechterklischees scheinen schon mal nicht der Hauptgrund zu sein. Allerdings spielen mit Geschlecht implizit verbundene Vorstellungen und Werten wohl eine Rolle. Eine Studie von Tomke König hat sich mit Aushandlungsprozessen zu Arbeitsteilung in gleich- und gegengeschlechtlichen Familien beschäftigt: “Die Arbeitsteilung ist heute Gegenstand von Verhandlungen, in denen das Spektrum möglicher Geschlechterarrangements zunimmt. Doch die Veränderungen stossen auch an eine Grenze: Die Sphäre der Erwerbsarbeit wird nach wie vor höher bewertet als die Sphäre des Privaten und es hat daher für Frauen und Männer unterschiedliche Konsequenzen, wenn sie Erwerbs-, Haus- und Fürsorgearbeit übernehmen.” Ergänzt werden sollte zu Königs Ergebnis allerdings, dass es sich nicht nur um eine kulturelle, sondern auch eine ökonomische Bewertung handelt: für Haus- und Fürsorgearbeit gibt es schließlich schlicht kein Geld.
Auch an den Wünschen von Paaren und an männlichem Willen der Männer scheint es nicht zu liegen. Viele Väter wollen kürzere Arbeitszeiten. So war ein Ergebnis des vom Bundesministerium für Familie veröffentlichten Familienreports für 2011: “78 Prozent der Eltern wünschen sich Verbesserungen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Offenbar betrifft dieses Thema zunehmend auch die Väter, denn 73 Prozent beurteilen die Vereinbarkeit als schlecht.”
In eine ähnliche Richtung geht der Artikel ‘In der Arbeitsfalle‘ von Julia Schaaf, der in der FAZ erschien: ”Die Mehrheit der Väter hätte gern mehr Zeit für die Familie – und arbeitet stattdessen noch mehr. Wer ist schuld an der Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit?” Wenn das erste Kind geboren werde und die Frau zunächst im Beruf aussetzte, “wenn Familien eher mehr Geld bräuchten als weniger, breche ein Einkommen weg, so dass die Rolle des Ernährers ‘wie automatisch’ auf die Männer übergehe.” Sie zitiert auch Christina Klenner, Ökonomin am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung, die meint, sehr lange Arbeitszeiten und die Wahrscheinlichkeit, am Arbeitsplatz aufzusteigen, hingen erwiesener Maßen zusammen. Dies sei Resultat “‘einer männlich geprägten Arbeitskultur, nach der ,mann‘ abends keine familiären Verpflichtungen hat.’ Und es gibt, wie Klenner es nennt, eine ‘betriebliche Vollzeitkultur’, die mit traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit verknüpft ist. Ein vollwertiger Mann arbeitet Vollzeit. Der Rest sind Weicheier.”
Hauptgründe sind also vor allem Geld und Arbeit – beziehungsweise die Vorstellungen, was gute Arbeit ausmacht. Zu diesem Ergebnis kommt auch der eingangs erwähnte Text von Alex Rühle. Er zitiert den Coach den Münchner Gründerzentrale Martin Ruppenthal. Dieser “sagt, die meisten Unternehmenslenker und Vorgesetzten seien ‘beeindruckend unflexibel. (…).’ Laut einer Untersuchung der Universität Duisburg-Essen lehnen die meisten Personalverantwortlichen Teilzeit rundweg ab. Die Befragten begründen die Ablehnung damit, Führungskräfte müssten uneingeschränkt verfügbar und für ihre Mitarbeiter ansprechbar sein. Das Dogma der Dauerpräsenz wirkt in Zeiten von Dropbox, iPhone und Outlook zwar ungefähr so anachronistisch wie Enver Hodschas Einmannbunker aus der Zeit des Kalten Krieges – das aber scheint die Personaler in diesem Lande nicht anzufechten, ja für einige der Befragten ist Teilzeitarbeit immer noch gleichbedeutend mit ‘laxer Arbeitsmoral’. Da verwundert es nicht, dass die Frage, ob man auch mit weniger Arbeit aufsteigen könne, quasi unisono als abwegig abgetan wurde. Bei der Begründung verweisen die Personalmanager gerne auf die eigene Vollzeitkarriere. Überflüssig zu sagen, dass die meisten von ihnen Männer sind.” (Der Text von Rühle heisst: ‘Die große Teilzeit-Lüge’ und war in der SZ am Wochenende.)
Nun könnte man sagen, die Chefs und Chefinnen müssen ihre Einstellung ändern, es müsste eine andere Arbeitskultur geben, wir müssen unsere Vorstellungen ändern und so weiter. Das alles stimmt. Vor allem aber sollte sich die Politik diesen Themas annehmen. Der Arbeitsmarkt ist schließlich keine unveränderbare Naturkonstante, Arbeitszeitmodelle können variiert werden, Löhne angeglichen werden. Unternehmen können dazu gebracht werden, mehr Teilzeitstellen einzurichten, Quoten zu etablieren, vielfältigere Modelle jenseits von Halbzeit und Vollzeit einzurichten – beispielsweise 70 oder 80 Prozent-Stellen. Und all das ist nicht unbedingt und nicht ausschließlich Sache der ‘Familienpolitik’, wie so oft geäußert wird. Es ist vor allem Sache der Arbeitspolitik.
Trans- und intersexuelle Kinder: zwei Artikel
Zwei Artikel zeigen die Konsequenzen strenger Geschlechternormen in unserer Gesellschaft und beschäftigen sich mit den Folgen für Kinder, die nicht in klare Muster passen.
In der Taz geht es im Artikel ‘Wer wollte das rosa Einhorn?‘ von Heide Oestreich um den Fall des transsexuellen Mädchens Alexandra.”Ein Mädchen mit den Geschlechtsmerkmalen eines Jungen. Und deshalb droht dem Kind jetzt die geschlossene Psychiatrie. Das Jugendamt möchte es einweisen.”
Lesenswert ist auch ein Streitgespräch in der Zeit zur medizinischen Behandlung intersexueller Kinder, den den Titel ‘Wie eine Kastration‘ trägt. Es fand zwischen der Intersex-Aktivistin Lucia Veith und dem Professor für Kinderheilkunde Olaf Hiort statt. Ein Auszug:
“ZEIT: Gibt es denn Kinder, die sagen: »Ich bin nicht Junge oder Mädchen, ich bin beides?«
Hiort: Mittlerweile ja. Eine Familie, die ich seit zehn Jahren begleite, hat beschlossen, abzuwarten, bis das Kind selbst entscheiden kann. Es ist jetzt in der vierten Klasse, und als es kürzlich sein Geschlecht angeben musste, männlich oder weiblich, hat das Kind sein Kreuz in der Mitte gemacht.
ZEIT: Lucie Veith, wie reagieren Menschen, wenn Sie sagen, dass Sie weder Mann noch Frau sind?
Veith: Es gibt einen großen Informationsbedarf. Aber wenn ich es dann erkläre, höre ich: »Das ist ja spannend« oder »Okay, wie Sie meinen«. Es gibt ja alles heutzutage. Persönlich werde ich nicht diskriminiert. Nur beim Arzt bekomme ich eine falsche Auswertung meiner Blutwerte, weil auf der Krankenkassenkarte steht, dass ich weiblich bin.”
Der letzte Artikel ist auch deswegen wichtig, weil sich momentan der Ethikrat mit der Situation von intersexuellen Menschen in Deutschland beschäftigt. PS: In der Jungle World findet sich ein Interview mit Daniela Truffer und Markus Bauer, den Vorsitzenden der Menschenrechtsgruppe ‘Zwischengeschlecht’. Der Titel: ‘Die Grundrechte werden mit Füßen getreten‘.



