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Lifestyle-Blogs und Geschlechterrollen

September 17, 2014

Über den Text von Nina Scholz ‘Immer das gleiche Strickmuster‘ im ‘Freitag’ musste ich noch einige Zeit nachdenken. Sie schreibt dort über (häufig von Müttern geschriebene) Lifestyle-Blogs. Es sei vorausgeschickt: Ich bin zwar kein grosser Fan von Lifestyle-Blogs, habe aber durchaus einige abonniert und schaue mir gerne schöne Bilder von schöner Kleidung und geschmackvoller Wohnungseinrichtung an.

Was Blogs wie Lovetaza so problematisch macht: Junge Frauen, die auf den ersten Blick modern wirken, führen alte Rollenbilder auf, sie zementieren sie sogar. Viele Lifestylebloggerinnen wie Davis sind berufstätig und berichten von ihrer individuellen Kombination aus Kindern und Lohnarbeit. Aber die Inhalte und Fotos, die sie drumherum präsentieren, sind nichts anderes als eine verjüngte Form der Homemaking-Bewegung, die in den USA seit Jahrzehnten mit Publikationen wie Good Housekeeping oder den Zeitschriften von Martha Stewart begleitet wird. Tipps zum Putzen, Kochen, Erziehen sind dabei Standard. Seltener bis nie kommen Themen wie Depression, Frustration oder Wut vor. Negatives hat im Bild einer demonstrativ glücklichen Mutter keinen Platz. (…) Der Mythos der alleskönnenden Superfrau bekommt damit eine neue Dimension und führt zu ernstem Stress, nicht nur für die Betrachterinnen solcher Blogs und Bilder, sondern auch für die Produzentinnen. In den USA haben verschiedene bekannte Bloggerinnen längst zugegeben, dass sie jahrelang ihre Fotos bearbeitet, ihre Beine schlanker und ihren Bauch flacher gemacht haben. Dennoch wird der Kreislauf der Neidproduktion überraschend wenig kritisiert und offengelegt. In der Welt der strahlenden Selfies ist kein Platz für ernsthafte Auseinandersetzungen. (…) Wie politisch kann das Private sein, wenn man, bevor man zur Tat schreitet, erst aufräumen und dekorative Blumensträuße verteilen muss? Wenn die Wohnung, die mit Kindern und Partner bewohnt und als Arbeitsplatz genutzt wird, nichts von den Strapazen des Alltags erzählen darf, sondern nur die Fortsetzung des alten bürgerlichen Salons mit den Mitteln von Instagram ist?

Ich finde Scholz hat in vielen wichtigen Punkten Recht. Solche Blogs zementieren bestimmte Normvorstellungen eines gelungenen Lebens und erhöhen ganz sicher den Druck auf viele Menschen (zumindest oft auch mich) – sei es der Druck zur guten Laune, zur beiläufig aufgeräumten Wohnung mit stilvollem Interior oder der Druck, sein Kind nur mit ausgesuchter Kleidung (und.keine.Frage: gekämmt: schon das fällt mir manchmal schwer) auf die Strasse zu lassen. Ganz sicher sind solche Blogs Ausdruck eines gewachsenen Leistungsdrucks, eines gesellschaftlichen Zwangs zur Selbstvermarktung sowie eines überhöhten Mutterideals, das eine in allem Lebensbereichen erfolgreiche ‘Top Mom’ propagiert.

Allerdings habe ich Lifestyle-Blogs nie als feministisch wahrgenommen und frage mich, ob der Vorwurf, zu wenig politisch und kritisch zu sein, nicht an ausgesprochen viele Menschen gerichtet werden könnte. Der Anspruch der meisten Lifestyle-Blogs ist es nun mal, mit hübschen Bildern über Einrichtungsgegenstände zu unterhalten. Warum müssen ausgerechnet die Lifestyle-Bloger_innen diejenigen sein, die die Strapazen ihres Alltags für alle sichtbar und lesbar ins Internet stellen? Und dann neben ihren Kochrezepten ernsthafte Auseinandersetzungen über Arbeitspolitik und Geschlechterrollen führen? Kurz: Ich habe mich gefragt, ob Scholz nicht doch andere Maßstäbe an vermeintliche ‘Frauen-Blogs’ als an ‘Männer-Blogs’ anlegt. Der Vorwurf der Oberflächlichkeit und Geistlosigkeit, der weiblich kodierten Themen wie Mode oft gemacht wird, ist schließlich uralt – ebenso wie der idealisierende Anspruch an Frauen, sie müssten gleich die Welt retten, wenn sie schon einmal die Stimme erheben. Vielleicht bin ich aber auch etwas zu streng oder habe Scholz auch teilweise falsch verstanden. Wichtig und lesenswert ist ihr Text jedenfalls allemal. Und es ist ganz sicher eine gute Idee, mehr über Lifestyle-Blogs nachzudenken – auch aus feministischer Sicht.

Sauer macht lustig, Salon4 und Pro-Coice-Demo: Veranstaltungen in Berlin

September 13, 2014

Das machtkritische Festival ‘Sauer macht lustig‘ findet vom 9.-11. Oktober im Theater Distel in Berlin statt. Das Festival beschäftigt sich damit, warum etwas lustig ist – und was das mit Sexismus und Rassismus zu tun hat. Dabei widmet es sich laut Ankündigung “den verschiedenen Machtdimensionen von Lachen und Humor – was macht ein solidarisches, subversives, komplizenhaftes, verletzendes oder ausgrenzendes Lachen aus?” Neben Comedy gehören auch Podiumsdiskussionen zum Programm, etwa zu ‘Lachen über Rassismus vs. rassistischen Lachen‘.

Der queerfeministische ‘Salon4′, der regelmäßig in der Bar Marianne stattfindet, hat bereits einige Berühmtheit erlangt. Am 23. September geht es im Gespräch mit Hengameh Yaghoobifarah und Frederik Müller darum, dass pink nicht stinkt und was für queere Weiblichkeit(en) so möglich sind.

Schon am Samstag den 20. September findet die Demo für reproduktive Rechte statt. Sie ist eine Gegendemo zum “Marsch für das Leben”, mit dem christliche Fundamentalist_innen und andere Abtreibungsgegner_innen für ein generelles Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen am 20. September 2014 in Berlin demonstrieren wollen. Treffpunkt der Gegendemo ist 11:30 U-Bahnhof Kochstrasse.

Birgit Kelle, Links und Liebe

September 8, 2014

Die katholische Publizistin Birgit Kelle vertritt streckenweise ein sehr problematisches Weltbild. Sie spricht sich beispielsweise dafür aus, reproduktive Rechte von Frauen einzuschränken, indem sie gegen den breiten Zugang zu Abtreibungen eintritt. Vor allem aber ist sie eine explizite Gegnerin der Gleichberechtigung von in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften lebenden Menschen. Zwei empfehlenswerte Links zu ihren publizistischen und öffentlichen Tätigkeiten:  “Auf Zehenspitzen” hat bereits einige wichtige Dinge zu Frau Kelle aufgeschrieben, unter dem sprechenden Titel “Ich will mich nicht mit Birgit Kelle beschäftigen, aber ich muss“. Auch die “taz” hat einige Informationen zu Kelle recherchiert, etwa über ihren dubios wirkenden Dachverband europäischer Frauen oder ihre Nähe zur erzkonservativen Bruderschaft der Legionäre Christi.

Besorgt sollten auch Kelles eigene Aussagen stimmen, die sie unter anderem auf ‘VERS1-Zeitung für Christen’ veröffentlicht (die Seite ist mittlerweile aus dem Internet verschwunden, kann aber mit der Wayback-Machine gelesen werden – ihre Aussahen haben sich seitdem allerdings sowieso kaum gewandelt.) Dort schrieb sie 2006 etwa: “Familie, liebe Freunde von der Grünen Partei, ist nicht „da, wo Kinder sind“, wie es Claudia Roth einmal formuliert hat. Familie ist da, wo Mann und Frau und Kinder sind, vielleicht sogar noch die ältere Generation mit dabei.  Der Versuch einer Gleichstellung der traditionellen Ehe, als der Kernzelle unserer Gesellschaft, mit gleichgeschlechtlichen Partner-schaften ist inakzeptabel.” Sie verglich in dem Textbuch die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche mit Verkehrstoten und setzte damit Embryonen, die außerhalb des schwangeren Körpers nicht existieren können, mit geborenen, erwachsenen, erfahrungs- und kognitionsfähigen Menschen gleich. Oder sie schlug vor:

Ich bin dagegen, neue christliche Parteien zu gründen. Aber ich bin dafür, ein großes Bündnis zu schließen, in dem Christen und Lebensrechtler, Familienverbände, Konservative, Menschenrechtler und Kinderschützer gemeinsam zu einer gesellschaftlichen Kraft werden. In den USA entscheiden Christen inzwischen Präsidentschaftswahlen – weil sie an einem Strang ziehen. Wir brauchen eine Große Koalition der Liebe und des Glaubens.

Die christliche Liebe, um die es hier geht, scheint sich keinesfalls auf alle Menschen zu erstrecken. Mit Menschenrechten, Kinderschutz und der Unterstützung von Familien hat sie jedenfalls wenig zu tun. Es ist eine totalitäre Form der Liebe, die manchen Kindern beispielsweise das Recht auf ihre Familie anspricht. Oder Frauen, das Recht, selbst über ihren Körper zu bestimmen. Oder queeren Menschen das volle Recht auf ihre Liebe. Die Liebe solch einer “Koalition der Liebe und des Glaubens” ist also eher eine Liebe zum fürchten. Besorgt sollte auch stimmen, dass Birgit Kelle weiterhin in deutsche TV-Talkshows eingeladen wird, so dass Aussagen, die auf mich stark wie christlicher Fundamentalismus wirken, weiterhin ein breites öffentliches Forum erhalten.

Schlechte Kitas, schlechte Bezahlung

September 3, 2014

Es ist ziemlich einleuchtend, dass es anstrengend ist, sich um mehrere Kleinkinder gleichzeitig zu kümmern. Noch schwerer ist es, wenn man nicht nur für das Wickeln, das Füttern und den Mittagsschlaf sorgen soll, sondern auch für kindgerechte Förderung und ausreichende emotionale Nähe. Schon lange habe ich mich gefragt, wie es die Erzieherin in unserer Kita schafft, sich allein um sieben Kinder unter drei Jahren zu kümmern (plus einer manchmal anwesenden aber oft kranken 16-jährigen Praktikantin). Ich befürchte, dass in solch einer Situation auch die bestausgebildetste und motivierteste Erzieherin überfordert ist.

Leider kommt auch eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zu diesem Ergebnis. Sie “empfiehlt, dass bei den unter Dreijährigen eine Erzieherin für höchstens drei Kinder verantwortlich ist.” Zudem schlägt sie ein bundesweites Kita-Gesetz vor, um die in den Bundesländern sehr unterschiedliche Betreuungssituation gerechter zu machen: “Von angemessenen Betreuungsverhältnissen in ihren Kitas sind die Bundesländer nach wie vor unterschiedlich weit entfernt. Auffällig ist vor allem das Ost-West-Gefälle: Während in den ostdeutschen Krippen sich eine Erzieherin um durchschnittlich 6,3 Kinder kümmern muss, kommen im Westen 3,8 Kinder auf eine Erzieherin.”

In einem Gastbeitrag in der Zeit kritisiert die Berliner Kita-Leiterin Ute Günzel die mangelhafte Förderung von Kindergärten und kritisiert auch die schlechte Bezahlung von Erzieher_innen:

Die Aufgaben sind so vielschichtig, wie ausreichende Anerkennung, Entlohnung und gute bezahlbare Weiterbildungen rar sind. Ich kenne kaum eine Kollegin, einen Kollegen, der nicht außerhalb der Arbeitszeit noch vielfältige Aufgaben für “ihre” oder “seine” Kinder erledigt.

Ach ja, die Bezahlung: Erzieherinnen mit zehn Jahren Berufserfahrungen verdienen mit einer Vollzeitstelle (38-Stunden-Woche) und mittlerer Betriebsgröße in Westdeutschland durchschnittlich 2.394 Euro brutto. Unter gleichen Bedingungen bekommen Sozialarbeiterinnen 399 Euro und Lehrerinnen sogar 1.345 Euro mehr Gehalt, berichtet die Fachseite Die Erzieherin.

Der Grund für die schlechte Bezahlung ist wohl nicht nur die Vorstellung, dass sich jede(r) um Kleinkinder kümmern könnte und es sich somit nicht um “qualifizierte Arbeit” handelt. Sondern der Grund ist auch, dass “Erzieherin”  als traditioneller Frauenberuf gilt und Frauen – so das Klischee – gelten eben nicht als die Haupternäherinnen ihrer Familie, allenfalls verdienen sie ein bisschen “dazu”. Deswegen ist die Forderung nach höheren Löhnen für Erzieher_innen auch ein feministisches Anliegen.

Mütter-Comics

August 25, 2014

… gibt es auf der Seite des Mutha-Magazins in unregelmäßigen Abständen. Oft sind sie sehr gut – beispielsweise wenn eine Zeichnerin wie Tyler Cohen die Monster-High-Fan-Phase ihrer Tochter verarbeitet oder wenn Rina Ayuyang die ersten fünf Jahre mit ihrem Sohn Revue passieren lässt.

Ein Comic zu Mutterschaft in gedruckter Form kommt von der berühmten Zeichnerin und Autorin Alison Bechdel. Es ist mittlerweile auf deutsch erschienen und heisst “Wer ist hier die Mutter?“. Vor ungefähr eineinhalb Jahren hatte ich es bereits auf Englisch (“Are you my mother?“) gelesen und ungefähr genauso lange wollte ich eine Rezension dazu schreiben. Deswegen folgt nun das, was ich an meine damalige Leseeindrücke noch erinnere, in Kurzform:

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Das Comic ohne das Einbandcover fand ich schöner: Bechdel: Are you my mother? (foto: fuckermothers)

Gefallen hat mir an dem Comic: Es ist ausgesprochen schön und präzise gezeichnet, streckenweise sehr anrührend und Bechdel an sich ist toll.

Nicht gefallen hat mir der starke Fokus auf klassische psychoanalytische Theorie (obwohl ich Psychoanalyse mag), insbesondere weil ich wahrlich keine Freundin des Theoretikers Winnicott bin (Bechdel ist das dagegen sehr, wodurch ich immerhin einiges Interessantes über ihn erfahren habe). Winnicott hatte ziemlich strikte Vorstellungen davon, wie eine ‘normale’ Mutter zu sein hat und Bechdel stellt diese Meinung nicht in Frage – wohl auch, weil sie sich dem Thema Mutterschaft über die Erinnerungen an ihre eigene Mutter nähert, also in erster Linie die Perspektive des Kindes einnimmt, dessen Bedürfnisse die Mutter nicht voll erfüllte.

Fazit: gutes Comic für Menschen, die Bechdels Stil mögen und sich sehr für psychoanalytische und (teilweise) feministischer Theorie interessieren – nicht so gut für Menschen, die eine Kritik an Mutteridealen erwarten und emotional mitreissende, klassisch erzählte Geschichten bevorzugen. Mir wurde geraten, lieber das legendäre queere Comic ‘Dykes to watch out for‘ von Bechdel zu lesen – unter anderem, weil es spannend sein soll und alternative Modelle von Elternschaft thematisiert. Ich denke, das ist eine gute Idee!

“After a year back in Germany I feel like a radical feminist activist.”

August 11, 2014

Eine US-amerikanische Professorin, die für ein Jahr in Deutschland lebte, beschreibt ihre Erfahrungen auf dem Blog von Till Westermayer. An der deutschen Universität wurde sie laut eigener Aussage zu einer radikalen Feministin. Ein Auszug:

At the junior research award ceremony at the local university 44 of 56 awards went to men across disciplines. When I pointed that out to the male next to me at the awards luncheon he was really surprised and had not even noticed.

Most of the boards I had to deal with this year where exclusively or at least primarily made up of males. If there were women on the board, it was typically for “female” roles such as K-12 education or art.

More than once when I was introduced as the director of the program, the men (and some women) responded with different versions of “I expected an older male.” Well, I am a younger woman, deal with it, jerk!

In a few situations the Prof. Dr. MaleImportance expected me to address him with full title and the formal address, while I was addressed with the informal as Frau Idontreallyneedtoknowyourname. I don’t really care about my degrees, but if you insist on yours, you have to give me the same respect.

In Deutschland waren 2003 nur 12,8 Prozent aller Professuren von Frauen besetzt (zugleich waren 48,4 Prozent aller Studierenden weiblich). In den USA hielten Frauen 2003 immerhin 24 % der Professuren und 39 % aller Vollzeitbeschäftigten in der Wissenschaft waren weiblich.

Reproduktionstechnologien im Kapitalismus

August 6, 2014

Collage: Fuckermothers

Reproduktionstechnologien sind in feministischen Debatten häufig umstritten. Viele wichtige Vertreterinnen lehnen Technologien mehr oder weniger ab, da sie diese als Enteignung des weiblichen Körpers betrachten. Die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun erklärt beispielsweise, dass die Technologien dazu führten, dass der Uterus – metaphorisch – dorthin komme, wo der Logos ihn immer haben wollte, nämlich in den Kopf des Mannes. Die Soziologin Katz-Rothman kritisiert, dass Technologien eine funktionalistische Logik von Leben durchsetzen und dazu führen, dass der weibliche Körper nur noch als Maschine betrachtet wird. Ähnlich analysiert auch die Historikerin Barbara Duden, dass  der Körper der Frau durch Technologien nur noch als Umgebung eines schützenswerten Fetus erscheint und die Subjektivität der Schwangeren dahinter vollkommen verschwindet. So sehr ich diese Theoretikerinnen schätze, so problematisch finde ich diese Sichtweise auf Technologie: Zum einen gehen die Ansätze von einem körperlichen Dualismus Mann-Frau aus und nehmen an, dass einen reinen, essenziellen und natürlichen weiblichen Körper gibt. Zum anderen unterschätzen Sie das Potential von Technologien, zur Erweiterung von individueller Handlungsmacht genutzt zu werden und die vermeintlich strengen Grenzen von Geschlecht und Elternschaft zu durchkreuzen. Weiterlesen…

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